Zwei junge Dortmunder werden Gastronomen – mitten in der Corona-Krise

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Zwei junge Dortmunder haben trotz der Corona-Krise den Schritt in die Selbständigkeit gewagt und verkaufen nun vegetarische Snacks. Problemen treten sie optimistisch entgegen.

Dortmund

, 29.10.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Manche würden es wohl als „verrückt“ bezeichnen, andere als „mutig“. Egal, für welche Vokabel man sich entscheidet – ungewöhnlich ist es auf jeden Fall, dass sich zwei junge Männer ausgerechnet in der Corona-Krise selbstständig machen. Und dann auch noch in der Gastronomie-Branche, über der seit Monaten das Damoklesschwert der Schließung schwebt.

Hungrig nach dem Fitnesstraining

„Handfest“ heißt der vegetarische Imbiss der etwas anderen Art - und irgendwie trifft dieser Name auch auf die beiden Firmengründer Luis Deckert (20) und Tobias Schubert (29) zu. Denn der Virus hatte das Land bereits fest im Griff, als das Duo im März nach dem Fitnessstudio-Training Hunger bekam, übers Essen sprach und sich kurzerhand entschied, künftig selbst Mahlzeiten anzubieten.

Ein Neuanfang mitten im Industriegebiet: Den Handfest-Foodtrailer an der Dorstfelder Meinhardstraße besuchen derzeit vor allem Mitarbeiter der umliegenden Firmen.

Ein Neuanfang mitten im Industriegebiet: Den Handfest-Foodtrailer an der Dorstfelder Meinhardstraße besuchen derzeit vor allem Mitarbeiter der umliegenden Firmen. © Stephan Schuetze

„Zunächst dachten wir an eine Dönerbude mit richtig gesundem Döner“, erzählt Deckert, der als Maschinenbau-Student auf den ersten Blick nicht allzu viele Verbindungen zur Küche aufweist. Denkste: „Wir sind beide Hobby-Köche, die selbst nicht sonderlich häufig auswärts essen gehen“, sagt der 20-Jährige.

Doch der Traum vom gesunden Döner platzte. Denn bei der Suche nach wirklich gutem Bio-Fleisch stellten die beiden Firmengründer - übrigens selbst keine eingefleischten Vegetarier - fest, dass ein solches Produkt nicht ganz preiswert ist. „Damit hätte ein Döner bei uns etwa 9 Euro kosten müssen, und das wäre vielen Kunden einfach zu teuer gewesen“, erzählt Deckert.

Vernünftiges Fleisch oder gar keins

Und da die Devise „Entweder vernünftiges Fleisch oder gar keins“ lautete, entschied man sich für letztere Variante. Die Flinte ins Korn werfen wollten die beiden trotzdem nicht und dachten über Alternativen nach. Es dauerte nicht lange und die Idee von einem vegetarischen Imbiss war geboren.

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„Wir haben dann erst einmal wahnsinnig viel probiert“, erinnert sich der Hobbykoch an die ersten Versuche, aus Bohnen-Patties, einem Fleischersatz aus Kidneybohnen, einen vegetarischen Döner herzustellen. Doch die Sache hatte einen Haken: „Das funktionierte nicht, da die Masse nicht am Dönerspieß hielt.“

So kamen die beiden Jungunternehmer auf Seitan, ein aus der japanischen Küche stammendes Lebensmittel aus Weizeneiweiß, das sie seither selbst herstellen. Der Teig wird zuerst eine Stunde lang gekocht, dann in Streifen geschnitten, gewürzt und in der Pfanne gebraten.

Die Sauce bleibt ein Geheimnis

Nach zahlreichen Koch-Tests stellte sich heraus, dass dieser Fleischersatz - angerichtet mit Salat, Tomaten, karamellisierten Zwiebeln, Käse und Sauce - auf Panini-Broten oder in Wraps ziemlich gut schmeckt. Doch nicht nur das handwerkliche Know-how, sondern auch die Verschwiegenheit eines Kochs hat sich Deckert bereits angewöhnt: „Woraus unsere Spezialsauce besteht, verraten wir nicht.“

Zu 100 Prozent handgemacht: Der Wrap mit Seitan, Salat, Tomaten, Zwiebeln und einer geheimnisumwobenen Sauce.

Zu 100 Prozent handgemacht: Der Wrap mit Seitan, Salat, Tomaten, Zwiebeln und einer geheimnisumwobenen Sauce. © Stephan Schuetze

Mit einer Speisekarte war es aber keineswegs getan. „Ein Gewerbe anzumelden und dafür zahlreiche Papiere bei den verschiedenen Ämtern zu besorgen, war stressig und teuer“, sagt der 20-Jährige. Doch letztlich klappte das genauso wie das Anmieten eines fahrbaren Imbiss-Anhängers.

Schwierige Suche nach Stellplätzen

Schwierig gestaltete sich zudem die Suche nach geeigneten Standorten für den Foodtrailer. Ein Bekannter stellte ihnen zwar einen Platz auf seinem Gelände an der Meinhardstraße 6 im Dorstfelder Industriegebiet zur Verfügung, wo sie am 9. Oktober ihr Geschäft eröffneten, ansonsten sieht es mit Stellplätzen jedoch mau aus.

„Wir haben uns zwar für viele andere Plätze bei Firmen beworben, doch in Corona-Zeiten haben die Unternehmen anderes um die Ohren als einen Imbiss“, musste Deckert erfahren. „Und Feste oder Veranstaltungen fallen ja sowieso fast alle aus.“

Der jetzige Stellplatz befindet sich übrigens nicht von ungefähr mitten in einem Industriegebiet. „Wir stehen hier ziemlich provokant, da in der Umgebung viele Fleischesser arbeiten“, sagt der Dortmunder lachend. „Aber wir sprechen ja nicht nur ein vegetarisches Klientel an, sondern wollen eine Brücke schlagen zu den Leuten, die auch mal auf Fleisch verzichten können.“

Ein Lobgesang im Ruhrpott

So sei es schon mal vorgekommen, dass Kunden den fleischlosen Snack erst gar nicht probieren wollten, es dann aber doch taten - und den Geschmack letztlich mit „in Ordnung“ quittierten. Im Ruhrpott geradezu ein Lobgesang.

Mit ihren Speisen möchten die Firmengründer die Kunden dazu bewegen, auch mal auf Fleisch zu verzichten. „Denn auch wir bieten eine handfeste Mahlzeit an“, sagt Luis Deckert.

Mit ihren Speisen möchten die Firmengründer die Kunden dazu bewegen, auch mal auf Fleisch zu verzichten. „Denn auch wir bieten eine handfeste Mahlzeit an“, sagt Luis Deckert. © Stephan Schuetze

Besagte Panini und Wraps gibt es in Corona-Zeiten nur zum Mitnehmen, was zu durchaus unterhaltsamen Anekdoten führen kann. „Ein Arbeiter hat seinem Kollegen mal ein Panino mitgebracht und ihm nicht gesagt, was drauf ist. Der dachte anschließend, er habe ein leckeres Rindfleisch-Sandwich gegessen“, erinnert sich der 20-Jährige grinsend.

Zumindest die Kosten decken

Obwohl die beiden Firmengründer für ihren Traum tief in die Tasche greifen mussten, wirft das Projekt in Corona-Zeiten keinen Gewinn ab. Doch ein Maschinenbau-Student, der mitten in der Krise seine Leidenschaft fürs Kochen zum Beruf macht, ist ein positiv denkender Mensch.

„Ich bin froh, dass wir momentan zumindest unsere Kosten decken können“, sagt Deckert. „Das wird schon.“

Corona verhindert andere Standorte

  • Mangels anderer Standorte öffnen Luis Deckert und Tobias Schubert ihren Handfest-Imbiss momentan nur mittwochs und freitags von 12 bis 18 Uhr.
  • Ihre Arbeitszeit ist aber wesentlich länger: Mit der Vorbereitung und dem Kochen beginnen sie in ihrem Imbissanhänger um 7.30 Uhr, abgeschlossen wird das Vehikel gegen 19 Uhr.
  • Neben Panini und Wraps bieten sie auch Pommes und Getränke an.
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