Gähnende Leere - Gestrandet am Geister-Flughafen Dortmund

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Die Hallen des Dortmunder Flughafens sind wie leergefegt. Eine einsame Österreicherin hofft auf einen Anschlussflug. Ein Spaziergang durch den Geister-Airport.

Dortmund

, 21.03.2020, 20:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wo ansonsten Menschenmassen in Urlaubslaune strahlend umherlaufen und sich angeregt über die kommenden Tage am Strand unterhalten, herrscht gespenstische Stille. Der Abflugbereich des Dortmunder Flughafens ist wie leergefegt; kaum mehr als eine Handvoll Menschen hält sich in der großen Halle auf, einige tragen einen Mundschutz. Das Coronavirus bringt den Flugverkehr in Dortmund zum Erliegen.

Das Wort „Gestrichen“ ist derzeit die häufigste Vokabel auf den elektronischen Anzeigetafeln.

Das Wort „Gestrichen“ ist derzeit die häufigste Vokabel auf den elektronischen Anzeigetafeln. © Michael Schuh

Auf den Anzeigetafeln ist „Gestrichen“ die häufigste Vokabel, sämtliche Check-in-Schalter sind verwaist. In einigen Reisebüros sitzen zwar Mitarbeiter, doch die beantworten nur E-Mails und Anrufe - für Kunden bleiben die Türen verschlossen. Den Vorschriften entsprechend, werden auch an der „East Bar“ pünktlich um 15 Uhr die Gitter heruntergelassen. Wer jetzt noch etwas zu trinken oder zu essen haben möchte, hat Pech gehabt.

Tami Talab sitzt mit einer rechtzeitig gekauften Wasserflasche an einem Tisch vor der geschlossenen Bar und blickt auf ihr Notebook. Die 27-jährige Österreicherin befindet sich auf dem Weg von Wien nach London und ist in Dortmund gestrandet.

In Dortmund gestrandet: Die Österreicherin Tami Talab hoffte, nach stundenlangem Warten zumindest einen Anschlussflug zu bekommen.

In Dortmund gestrandet: Die Österreicherin Tami Talab hoffte, nach stundenlangem Warten zumindest einen Anschlussflug zu bekommen. © Michael Schuh

„Ich hatte von zu Hause aus hintereinander fünf verschiedene Flüge gebucht, doch einer nach dem anderen wurde storniert“, erzählt die junge Ärztin, die am 1. April einen Job in London antreten möchte. „Beim sechsten hat es dann geklappt - allerdings mit Zwischenlandung in Dortmund.“ Fast acht Stunden muss Talab nun in der menschenleeren Halle warten und hoffen, dass der Anschlussflug nicht ebenfalls gestrichen wird.

Kein Plan B

Und was dann? Die Österreicherin zuckt die Schultern. „Einen Plan B habe ich nicht. Ich müsste dann wohl hier in Dortmund übernachten und irgendwie versuchen, nach Wien zurückzukommen.“

In der Ankunftshalle stehen einige wenige Menschen und warten, unter ihnen das Ehepaar Zynda aus Hamm. Die Zyndas wollen ihren Bekannten Joan Kalnakov abholen, der als Koch in einem Hotel in Hamm arbeitetet und zwei Wochen Urlaub in seiner alten Heimat Rumänien verbracht hat.

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„Bis heute Morgen wussten wir noch gar nicht, ob er fliegen wird“, sagt Dieter Zynda, „bis wir dann einen Anruf bekamen, dass es klappt. Dafür musste Joan seinen deutschen Arbeitsvertrag vorzeigen - ansonsten hätte er nicht gedurft.“ Dass der Koch angesichts geschlossener Restaurants nun auch in Deutschland eine schwere Zeit vor sich hat, ist dem Ehepaar aber durchaus bewusst.

Dann erscheint auf der Anzeigetafel die Nachricht, die Maschine sei gelandet - und wenig später betritt Kalnakov die Ankunftshalle. Seinen Augen ist die Freude anzusehen, seinem Mund nicht - er trägt eine Atemschutzmaske. Auch eine Umarmung fällt diesmal aus; jeder ist sich der Gefahr bewusst.

Verwaist: Auf der eigens dafür vorgesehenen Spur am Flughafen stand nachmittags kein einziges Taxi.

Verwaist: Auf der eigens dafür vorgesehenen Spur am Flughafen stand nachmittags kein einziges Taxi. © Michael Schuh

Gut, dass die Zyndas mit dem eigenen Auto gekommen sind, denn ein Taxi hätten sie wohl nicht so schnell bekommen. Auch das dürfte eine Premiere sein: Um kurz nach 16 Uhr steht im Taxibereich, wo sich die Autos ansonsten dicht an dicht drängen, kein einziger Wagen.

Die Schalter der vier Autovermietungen sind zwar besetzt, doch hier herrscht ebenfalls gähnende Leere. Auf die Frage, wie viele Kunden er heute denn bedient habe, hebt der Hertz-Mitarbeiter den Daumen. Das soll, entgegen sonstiger Gepflogenheiten, keineswegs ein Zeichen für gute Geschäfte sein: „Einen einzigen.“

Happy End für die Ärztin

So ziemlich alles ist momentan anders am Dortmunder Flughafen, nur eine Sache hat Bestand: Wer sein Fahrzeug im Parkhaus direkt am Terminal abstellt, bezahlt - trotz vieler freier Plätze im Außenbereich - 6 Euro für eine Stunde. Krise hin oder her.

Doch wie so viele Geschichten hat auch diese zumindest ein kleines Happy End: Das Flugzeug gen London ist abends gestartet, nach einer wahren Odyssee hat die österreichische Ärztin ihr Ziel tatsächlich noch erreicht. Bleiben Sie gesund, Frau Talab!

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