Heilmittel aus Dortmund? Mit 60 Millionen Euro gegen Krebs und Corona

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Neue Wirkstoffe aus Dortmunder Laboren erregen weltweit Aufsehen bei Investoren. Einige werden schon an Patienten getestet. Können sie Krankheiten wie Krebs oder auch Covid 19 besiegen?

von Annette Feldmann

Dortmund

, 22.06.2020, 13:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Tatsächlich geht es um erfolgversprechende Substanzen unter anderem gegen Lungen-Krebs und Blut-Krebs, speziell auch gegen Metastasen oder Sepsis an Krankenhäusern. Und auch um einen Impfstoff gegen Covid19. Noch sind es keine zugelassenen Medikamente - aber die auf bestem Weg dorthin.

Meist fehlen der frühen Forschung die Millionen, die man braucht, um neue Substanzen zu Wirkstoffen weiterzuentwickeln. Dortmunder Wissenschaftler sind mit ihrer Arbeit im Pharma-Vorfeld aber so erfolgreich, dass europäische Risiko-Kapitalgeber eine Riesensumme bereitstellen.

Sie haben 60 Millionen Euro auf die Forschung „made in Dortmund“ gesetzt. Eine so hohe Summe wurde in Deutschland noch nie in die frühe Wirkstoff-Forschung investiert.

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Das ist nicht nur eine große Chance für die Forschung, sondern auch ein Riesenkompliment für den Forschungsstandort Dortmund. Das Kapital fließt in einen Fonds mit Sitz auf dem Dortmunder Uni-Campus. Er heißt Khan I und steht in enger Beziehung zum Lead Discovery Center (LDC).

In dem Biotech-Unternehmen LDC an der Otto-Hahn-Straße arbeiten rund 80 Bio-Wissenschaftler in bundesweiter Vernetzung mit Universitäten und Instituten, darunter auch die TU Dortmund und die Charité in Berlin. Zur Zeit arbeitet das LDC auch mit Hochdruck an Corona-Medikamenten und Impfstoffen.

Das Tal des Todes

Aber schon lange vor Corona hatte die Wirkstoff-Forschung des LDC und seines bundesweiten Forschungs-Netzwerkes in der Fachwelt Aufsehen erregt mit ihrer hohen Erfolgsquote. Üblicherweise bleiben sehr viel mehr Wirkstoff-Kandidaten schon lange vor der klinischen Erforschung auf der Strecke. Der Grund: Oft sind die Nebenwirkungen zu groß.

„Und die allermeisten kommen aus der Grundlagenforschung erst gar nicht heraus“, erklärt Dr. Bert Klebl, LDC-Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter.

Möglicherweise gab es schon Forschungsansätze, die das Potential besaßen, Krebs oder andere Geiseln der Menschheit zu besiegen. Aber sie haben das „Tal des Todes“, wie es die Wissenschaftler nennen, nicht überstanden.

Klebl: „Gemeint ist damit die Lücke zwischen der Grundlagenforschung und der Pharma-Industrie. Hier sterben vielversprechende Ideen den Tod durch Nichtbeachtung. Sie werden aus Mangel an Geld und anwendungsorientierter Forschungskompetenz nicht weit genug entwickelt, um das Interesse der Pharma-Industrie zu wecken.“

Und genau diese fehlende Brücke schlägt das Lead Discovery Center als einziges dieser Art in Deutschland.

Das Geheimnis seines Erfolges: Es nimmt die Grundlagenforscher für die Gesamtdauer der Entwicklung mit ins Boot und bringt mit eigenen Experten die anwendungsorientierte Kompetenz ein. Darüber hinaus ist es als Ausgründung der Max-Planck-Gesellschaft mit bundesweiter Wissenschaftskompetenz vernetzt. Auf diese einzigartige Kombination setzen Investoren ihre Millionen, natürlich in der Hoffnung auf entsprechende Gewinne.

Fonds-Management vom LDC

Der Fonds, der Khan I heißt und damit auf weitere Kapital-Runden hoffen lässt, fördert nicht nur Projekte, die unmittelbar aus dem LDC entstehen, sondern vielversprechende Forschungsansätze aus ganz Europa.

Dennoch ist er eng mit dem LDC verbunden: Alle drei LDC-Leiter stellen gemeinsam auch das Fonds-Management. Das Kapital investieren der Europäische Investitionsfonds (EIF, Luxemburg), die Max-Planck-Förderstiftung (MPF, München) und die Austria Wirtschaftsservice GmbH (AWS, Wien).

Und letztlich waren es natürlich die aufsehenerregenden Erfolge der Wissenschaftler an der Otto-Hahn-Straße, die den Fonds überhaupt erst nach Dortmund geholt haben.

Die beiden LDC-Geschäftsführer Dr. Bert Klebl (r.) und Dr. Peter Nussbaumer (l.) sind gemeinsam mit Dr. Michael Hamacher auch Manager des 60-Millionen-Euro-Fonds Khan I.

Die beiden LDC-Geschäftsführer Dr. Bert Klebl (r.) und Dr. Peter Nussbaumer (l.) sind gemeinsam mit Dr. Michael Hamacher auch Manager des 60-Millionen-Euro-Fonds Khan I. © Hardy Welsch

Ein wenig erinnert die Forschungsarbeit am LDC an ein Casting-Verfahren. „Gecastet“ werden dafür zigtausend verschiedene chemische Substanzen, die ohne das LDC keine Chance hätten, weiter entwickelt zu werden. Der „Laufsteg“ sind Mikroskope und Reagenz-Gläser. Hier werden die Wirkungen erprobt.

Die Jury: Wissenschaftler und Roboter. Sie bewerten und entscheiden, was Chancen auf die nächste Runde hat - oder rausfliegt. Nur dass am Ende nicht Germany’s Next Top Model herauskommt, sondern vielversprechende Leitstrukturen, genannt Lead, daher der Name Lead Discovery Center.

Aus der Leitstruktur kann schließlich ein Wirkstoff entstehen, der zum Beispiel auf neue Formen von Tumoren maßgeschneidert ist und erfolgreich Krebszellen stoppt. Oder eine Substanz, die speziell auf flüssige Tumore, also auf Blutkrebs-Erkrankungen, wirkt. Oder auch ein Mittel mit dem Potential, Krankenhaus-Sepsis zu bekämpfen. Daran sterben übrigens in Krankenhäusern mehr Menschen als an Krebs.

Auch Korea und USA dabei

All diese Wirkstoffe sind beim LDC oder unter seiner Mitwirkung tatsächlich entstanden und werden in ausgegründeten Firmen weiterentwickelt. Zwei dieser Firmen sind trotz luxemburgischer beziehungsweise koreanischer Investoren in Dortmund geblieben, eine dritte, mit englischem und amerikanischem Kapitalgeber, sitzt in Boston.

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Einer der Väter des LDC ist Prof. Herbert Waldmann, Direktor des Dortmunder Max-Planck-Institutes für Physiologie. Er beobachtet die Entwicklungen aus nächster Nähe, nämlich als räumlicher Nachbar an der Otto-Hahn-Straße, und freut sich darüber für die ganze Stadt: „Dortmund ist mit dieser Entwicklung auf dem Weg zu einem deutschlandweiten Mekka für die Wirkstoff-Forschung. Niemand hätte das vor 12 Jahren, als das LDC gegründet wurde, für möglich gehalten. Darauf kann die ganze Region stolz sein.“

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