Strenge Regeln, große Emotionen: So war der erste Café-Besuch nach dem Shutdown

hzGastro-Lockerungen

Der erste Café-Besuch nach Wochen löst in unserer Autorin mehr aus, als sie erwartet hätte. Außerdem: Warum Milchschaum in der Krise politisch ist. Ein Erfahrungsbericht.

Dortmund

, 12.05.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein bisschen fühlt sich der erste Café-Besuch nach den wochenlangen Gastro-Schließungen an, wie wenn man im Flugzeug am Notausgang sitzt. Die Person, die dir den Ablauf erklärt, ist freundlich und zuvorkommend, doch sie macht dir auch klar: Das hier ist ernst, es geht um unser aller Sicherheit.

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Von der Sekunde an, in der ich das „Herr Liebig Kaffeehaus“ im Kreuzviertel am Montagnachmittag, 11. Mai, betrete, folgt mein Besuch einem strengen Plan. In Sachen Hygiene wird in Cafés und Restaurants ab sofort nichts dem Zufall überlassen - nur unter dieser Bedingung dürfen sie überhaupt öffnen.

Desinfizieren, Registrieren, Laminieren

Mein erster Halt ist die Desinfizier-Station gleich neben der Kuchenvitrine, an der ich mir die Hände desinfizieren muss. Dann erst werde ich an den Tisch geführt.

Dort legt Beate, eine der zwei Betreiberinnen des Cafés, mir einen Zettel samt Stift hin: Name, Telefonnummer und Adresse muss ich eintragen, zusammen mit dem Datum meines Besuchs. Später wird sie noch meine Tischnummer und die Zeit meines Aufenthalts notieren. Das ist wohl die Welt, von der Herr Google nachts träumt.

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Nur, dass das Liebig-Team meine Daten nicht nutzt, um mein Konsumverhalten zu studieren. Indem ich meine Daten hinterlasse, kann ich kontaktiert werden, falls jemand von den anderen Gästen mit dem Coronavirus infiziert ist. Infektionsketten sollen so nachvollziehbar werden.

Jeder Gast muss seine Daten hinterlassen, wenn er ein Café oder Restaurant besucht. So können Infektionsketten nachvollzogen werden.

Jeder Gast muss seine Daten hinterlassen, wenn er ein Café oder Restaurant besucht. So können Infektionsketten nachvollzogen werden. © Oliver Schaper

Die Speisekarte ist seit neustem laminiert, nach jedem Gästekontakt wird sie desinfiziert, erzählt mir Beate. Fast feierlich erklärt sie, dass ich nun, da ich am Tisch sitze, auch meine Maske abnehmen darf. Wenn ich mich aber im Raum bewege, etwa zur Toilette oder zum Tresen gehe, gilt wieder die Maskenpflicht.

Ein kleines Stück Normalität, serviert in einer Kaffeetasse

Man merkt, dass Beate die Regeln nicht zum ersten Mal erklärt. Heute weist sie jeden Gast ein, erzählt sie mir, einfach, weil die Leute mit den neuen Regeln noch nicht so vertraut seien.

Die Maskenpflicht endet für Gäste, wenn sie am Tisch sitzen. Für das Servicepersonal gilt sie durchgehend.

Die Maskenpflicht endet für Gäste, wenn sie am Tisch sitzen. Für das Servicepersonal gilt sie durchgehend. © Oliver Schaper

Ich habe das Briefing erfolgreich durchlaufen und darf meine Bestellung aufgeben. Und als Beate den Tisch verlässt, um mir einen Cappuccino zu machen, stellt sich ein sonderbares Gefühl ein - ein Gefühl von Normalität. Plötzlich ist es, als hätte es die Pandemie nie gegeben, als wären die Cafés nie dicht gewesen - so vertraut ist die Situation, in einem Café auf meinen Kaffee zu warten und aus dem Fenster in einen grauen Himmel zu schauen.

Das Gefühl ist vorbei, als eine Frau am Nachbartisch das Café verlässt und sich Beate mit Papiertüchern und Desinfektionsspray bewaffnet daran macht, Sessel und Tisch zu desinfizieren. Mir ist es oft sogar unangenehm, im Café einfach mein benutztes Geschirr auf dem Tisch stehenzulassen. Bei dem Gedanken, dass nun auch noch hinter mir her geputzt werden muss, fühle ich mich noch schlechter.

Beate, eine der Betreiberinnen des „Herr Liebig“ muss immer, wenn ein Gast das Café verlässt, dessen Sitzplatz desinfizieren.

Beate, eine der Betreiberinnen des „Herr Liebig“, muss immer, wenn ein Gast das Café verlässt, dessen Sitzplatz desinfizieren. © Oliver Schaper

Der Milchschaum ist politisch

Das „Herr Liebig“ ist am Nachmittag gut besucht. In einer Ecke sitzt ein Vater mit zwei kleinen Kindern, ihnen schräg gegenüber zwei Freundinnen. Ein ganz normaler Café-Nachmittag eigentlich.

Ich bekomme meinen Cappuccino serviert, für Beate und ihre Kollegin Pia gilt die Maskenpflicht im Übrigen durchgehend. Ein bereits seltsam gewohntes Bild, zwei Wochen nach Einführung der Maskenpflicht in Verkaufsräumen.

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Nach acht Wochen Kaffeegenuss, in dem die größte Abwechslung zur eigenen Kaffeemaschine der Automat bei den gelegentlichen Aufenthalten in der Redaktion war, ist der frisch gebrühte Cappuccino vom Profi jedoch ein wahrer Luxus.

War es vielleicht sogar auch das, was die Politiker bei der Entscheidung, die Gastronomie wieder hochzufahren, unbewusst im Hinterkopf hatten: das Wissen, wie viel ein gut aufgeschlagener Milchschaum auf gerösteten Bohnen in Krisen-Zeiten wert sein kann.

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