„Ich wäre beinahe gestorben“: Demonstration beim Radiologen-Kongress in Dortmund

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Die Demonstation, die am Freitag vor den Westfalenhallen stattfand, war klein, aber nicht weniger emotional. Im Visier: Radiologen. Der Vorwurf: „Ihr habt uns vergiftet.“

Dortmund

, 08.11.2019, 15:58 Uhr / Lesedauer: 3 min

Elf Leute. Elf Mal Leid. Elf Mal große Wut.

Die kleine Gruppe, die am Freitagmorgen mit Plakaten und Flyern vor dem Eingang zum Kongresszentrum Westfalenhallen steht, ist stellvertretend für Tausende gekommen. Tausende, die von sich sagen, sie seien durch das MRT-Kontrastmittel Gadolinium vergiftet worden.

„Die meisten sind so krank, dass sie es nicht schaffen würden, herzukommen“, sagt Cornelia Mader. Die Mannheimerin hatte die Demonstration anlässlich des in Dortmund stattfindenden Radiologie-Kongresses Ruhr (7. und 8. November 2019) angemeldet. Insgesamt seien etwa 2500 „Gadolinium-Geschädigte“ in Facebook-Gruppen organisiert.

Die 63-Jährige berichtet, der Notarzt habe sie 2016 nach einem MRT (die Abkürzung steht für Magnetresonanztomografie) zur Entgiftung ins Krankenhaus bringen müssen. „Mir ging es schlecht. Ich wäre beinahe gestorben“, sagt die Frau, die ein Pappschild um den Hals trägt. Darauf ist zu lesen, dass der Gadolinium-Wert in ihrem Urin nach dem letzten MRT 990-fach den Grenzwert (<0,23µg/g) überstieg.

Neuere Forschungen zeigen: Reste bleiben im Gewebe

Warum die Gabe von gadoliniumhaltigen Kontrastmitteln bei manchen Patienten zur Vergiftung führt, während andere es gut vertragen, ist wenig erforscht.

Freies Gadolinium jedenfalls ist höchst toxisch. Um es als Kontrastmittel verwenden zu können, wird es chemisch gebunden. Lange ging man davon aus, dass es sich im Urin schnell wieder abbaut. Neuere Forschungen zeigen, dass sich unter bestimmten Voraussetzungen Reste aus der Bindung lösen und sich im Gewebe – wie beispielsweise Gehirn, Nerven, Muskeln, Organen – ablagern können.

Die Vergiftung mit Gadolinium führe zu vielfältigen Beschwerden, die sowohl den Körper in Mitleidenschaft ziehen als auch die seelische Verfassung der Betroffenen beeinträchtigen, schreibt das Netzwerk Gadolinium-Vergiftung und führt eine lange Liste mit Symptomen auf.

Die reicht von brennenden und kribbelnden Schmerzen am ganzen Körper über Schwellungen und Muskelbeschwerden hin zu Sehstörungen und Organschäden. Und das nicht selten über Jahre nach der Verabreichung eines MRT-Kontrastmittels.

Betroffene müssen Behandlung selbst zahlen

„Aber keiner nimmt uns ernst“, sagt Angelika Ulbrich-Hoffmann, die aus der Nähe von Bremen angereist ist. „Wenn du einem Arzt davon erzählst, heißt es immer wieder, das seien psychosomatische Probleme.“

Nach einer Krebserkrankung habe sie über Jahre vierteljährlich zu Kontroll-MRTs gemusst. Der Frust ist der 57-Jährigen deutlich anzumerken. Nicht allein das körperliche und seelische Leid sei groß – „Ich kann aufgrund von Schmerzen und Bewegungsstörungen nicht mehr arbeiten“ –, sondern auch der finanzielle Schaden.

Die Krankenkassen erkennen die Gadolinium-Vergiftung nicht als Krankheit an. Betroffene müssen daher alle Kosten für Medikamente und Therapien selbst zahlen. In ihrem Fall sei inzwischen eine Summe von etwa 20.000 Euro zusammengekommen, sagt Angelika Ulbrich-Hoffmann. Cornelia Mader spricht für sich von 8000 Euro.

„Ich wäre beinahe gestorben“: Demonstration beim Radiologen-Kongress in Dortmund

Cornelia Mader, Angelika Ulbrich-Hoffmann und Vanessa Hitzfeld waren unter den Demonstranten. © Christin Mols

Was die Demonstranten vor den Westfalenhallen fordern, haben sie auf einem Flyer zusammengefasst: Es geht unter anderem um neue, angepasste Aufklärungsbögen, um eine bessere Abwägung der Radiologen, ob der Kostrastmitteleinsatz sinnvoll ist, einen Kontrastmittel-Pass, um die MRT-Untersuchungen zu dokumentieren, mehr Forschung und die Anerkennung der GDD-Erkrankung (Gadolinium Deposition Disease).

Radiologe sagt selbst: „Es geht um dabei um Profit“

Während viele vorbeilaufende Radiologen an diesem Freitagmorgen die Demonstranten keines Blickes würdigen, bleiben einige stehen, suchen das Gespräch. Einer von ihnen ist Radiologe Dr. Jan Weber aus Bonn. Er sagt: „Ich kann die Wut der Menschen nachvollziehen.“

Die Gabe von Kontrastmitteln sei bei bestimmten Fragestellungen, beispielsweise bei Tumoren, unstrittig. Gleichzeitig würden sie aber auch häufig ungezielt eingesetzt.

Weil der Facharzt für Diagnostische Radiologie keine Karriere mehr vor sich habe und sich bereits im letzten Drittel seiner beruflichen Laufbahn befinde, habe er keine Scheu zuzugeben: „Es geht um Profit. Hinter Kontrastmitteln steckt ein großer Markt. Die Gefährdung für die Patienten interessiert keinen.“ Darüber hatte im Sommer bereits Journalist Markus Grill unter anderem für die ARD-Sendung Panorama berichtet.

Vanessa Hitzfeld ist nicht selbst betroffen, sie ist für ihre Tochter da. Im November 2018, im Alter von zehn Jahren, musste die Kleine nach einer Gehirnerschütterung ins MRT. „Danach hatte sie Lähmungserscheinungen, Schwindel und starke Schmerzen“, erzählt die Mutter aus Kevelaer. Mehrere Monate saß das Mädchen im Rollstuhl, „dabei war sie vorher kerngesund“. Erst jetzt kann sie wieder laufen, geht wieder zur Schule – doch Schmerzen in den Beinen begleiten sie täglich.

„Als ich nach meiner Entgiftung anfing, zu recherchieren, dachte ich, ich wäre allein mit dem Problem“, sagt Cornelia Mader, die viel über den Fall von Gina Norris, die Frau von US-Actionstar Chuck Norris, gelesen hat. Laut Medienberichten leidet sie nach einer MRT-Untersuchung mit Kontrastmittel unter Nervenschmerzen und Nierenproblemen.

Über Facebook fand Cornelia Mader Gleichgesinnte. „Das Wichtigste ist mir, dass das Thema nicht totgeschwiegen wird. Wenn wir nur einen Menschen vor diesem Leid bewahren können, wäre ein Ziel schon erreicht.“ Deswegen stehe sie mit zehn Weiteren vor der Westfalenhalle. Besser elf als keiner.

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