Gesundheitsamts-Chef: In Dortmund gibt es 15.000 aktive Corona-Fälle

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So mancher Bürger kann die drastischen Corona-Einschränkungen des Teil-Lockdowns nicht nachvollziehen. Für Dortmunds Gesundheitsamts-Leiter sind sie alternativlos. Er nennt erschreckende Zahlen.

Dortmund

, 05.11.2020, 04:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der „Lockdown Light“ greift tief ins Alltagsleben der Dortmunder ein. Die drastischen Maßnahmen, mit denen die rasant steigenden Corona-Neuinfektionen in den Griff bekommen werden sollen, sind umstritten. Für einige Kritiker stehen die Beschränkungen in keinem Verhältnis zu den aus ihrer Sicht verhältnismäßig niedrigen Corona-Zahlen.

Rechnet man beispielsweise die von der Stadt Dortmund täglich veröffentlichten aktuell aktiven Corona-Fälle (sie umfassen alle Neuinfektionen der letzten 14 Tage) hoch, bleibt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung sehr überschaubar: Die 2143 Fälle (Stand: 4.11., 18 Uhr) machen nur knapp 4 Promille von Dortmunds Gesamtbevölkerung aus.

Die Rechnung, die manche Kritiker der Maßnahmen aufmachen, klingt bestechend einfach: Das hieße im Umkehrschluss, dass 99,6 Prozent aller Dortmunder aktuell nicht von Covid-19 betroffen seien. Und das rechtfertige doch kaum das Lahmlegen ganzer Wirtschaftszweige wie etwa der Gastronomie.

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Dr. Frank Renken, Leiter des Dortmunder Gesundheitsamtes, warnt vor solchen Rechenspielen. Denn sie ignorierten die enorme Dunkelziffer bei den Corona-Infektionen.

Gesundheitsamts-Chef schätzt Dunkelziffer auf etwa 13.000 Fälle

Tatsächlich müsse man von einer ungleich höheren Zahl an aktiven Fällen in der Stadt ausgehen, sagt Renken im Gespräch mit unserer Redaktion: „Aktuell sind wohl etwa 15.000 Menschen in der Stadt mit Sars-Cov2 infiziert.“

Bei seiner Hochrechnung stützt sich der städtische Gesundheitsexperte unter anderem auf die Ergebnisse der Teststellen am Flughafen und am Klinikum Nord und aus den Screenings in Dortmunds Krankenhäusern.

15.000 aktuell Infizierte wären über 2,5 Prozent der Dortmunder Gesamtbevölkerung. Renken drückt es anschaulicher aus: „Wenn Sie den Westenhellweg hinuntergehen und Ihnen dabei 1000 Leute entgegenkommen, haben - statistisch gesehen - 25 von ihnen Corona.“

Was Renken aber vor allem Sorge bereitet, ist die Entwicklung der Neuinfektionszahlen in den vergangenen Wochen: „Die 2,5 Prozent sind nicht das Problem, das exponentielle Wachstum ist das Problem.“ Die Gefahr, die von einer Verdoppelung der Fallzahlen ausgehe, merke man erst, wenn sie da sei. „Es gibt keine Vorboten.“

Die explosionsartigen Steigerungsraten sorgen laut Renken dafür, dass wieder vermehrt Ältere an Covid-19 erkranken - und das sieht man mit etwas Verzögerung auch bei der Zahl der Corona-Patienten in Dortmunds Krankenhäusern.

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Habe es vor zwei Wochen dort im Schnitt nur etwa 50 Covid-Kranke gegeben, seien es vergangene Woche schon 100 gewesen, so Renken. Diese Woche werde man die 200 erreichen: „Wenn wir das exponentielle Wachstum nicht bremsen, haben wir in 14 Tagen 800 Patienten und in vier Wochen italienische Verhältnisse vom Frühjahr.“

Auf Behelfskrankenhäuser, mit der die Stadt Dortmund die Behandlungskapazitäten für Covid-Patienten auf 1800 Betten ausbauen will, dürfe man sich bei einer solchen ungebremsten Entwicklung nicht verlassen, sagt Renken. Diese seien frühestens Ende Dezember eingerichtet, „wenn alles klappt“ - und dann müsse man noch Pfleger finden, die etwaige Patienten behandeln: „Der freie Markt ist leer.“

Gemeinsam „die Welle brechen“

Um das zu verhindern, dass Dortmund in diese prekäre Lage kommt, sieht Renken keine Alternative zum Teil-Lockdown. Auch er sei kein Fan der Beschränkungen, vermisse Restaurant-Besuche und habe einen Urlaub Ende November stornieren müssen. Aber der Effekt der wochenlangen Appelle an die Bevölkerung, sich freiwillig einzuschränken, „ging gegen Null“, sagt Renken: „Alles unterhalb von Verboten hat nicht gewirkt.“

Jetzt hofft der Gesundheitsamts-Chef inständig auf eine Verhaltensänderung: „Nur wenn wir alle die vier Wochen des Teil-Lockdowns durchhalten, können wir die Welle brechen.“

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