Ingenieur wartet zwölf Jahre auf Baugenehmigung der Stadt Dortmund

hzPeinlich-Rekord

Peter Lipa wollte eine alte Zechen-Werkstatt in Dortmund nutzen. 2008 beantragt er die Baugenehmigung. Es dauert fast zwölf Jahre, bis sie kommt. Die Geschichte eines unrühmlichen Rekords.

Dortmund

, 23.08.2020, 11:05 Uhr / Lesedauer: 4 min

Man muss ein wenig ausholen, um diese Geschichte, die unglaublich klingt und doch wahr ist, zu erzählen. Peter Lipa ist 64, Ingenieur und vielleicht ein wenig verrückt. Wer sonst käme auf die Idee, den alten Malakow-Turm der Zeche Westhausen in Bodelschwingh zu kaufen?

1873 erbaut, seit langem unter Denkmalschutz stehend und seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt, döst der 27 Meter hohe Backstein-Turm eher gammelnd als strahlend vor sich hin. 2001 kaufte Peter Lipa den Turm samt dem 930 Quadratmeter großen Grundstück. Und das kam so.

Ein Denkmal als preiswerte Alternative?

1980 hatte Lipa in Castrop-Rauxel ein Ingenieurbüro betrieben. Doch nach der Wiedervereinigung gab es, so erzählt er es, Probleme, die Aufträge blieben aus und er gab die gemieteten Räume auf und arbeitete seither vom Arbeitszimmer zu Hause aus. „Aber das wurde dann doch auf Dauer wieder zu klein“, sagt Lipa. „Da hatte ich den Gedanken: Statt Miete zu zahlen, kauf ich mir was, dann habe ich diese fixen Kosten nicht am Hals.“

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12 Jahre warten auf eine Baugenehmigung

12 Jahre lang wartete Peter Lipa auf die Baugenehmigung der Stadt Dortmund, um in der ehemaligen Werkstatt im Malakow-Turm der Zeche Westhausen in Bodelschwingh wieder eine Werkstatt einrichten zu dürfen.
18.08.2020
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Ein Blick in das Erdgeschoss des Malakow-Turms.© Ulrich Breulmann
An vielen Stellen sieht es noch so aus, als hätten die Kumpel gerade erst die Werkstatt verlassen.© Ulrich Breulmann
Alte Schilder erinnern an die Bergbau-Zeit.© Ulrich Breulmann
Der Malakow-Turm wurde 1873 gebaut, seit 2001 gehört er Peter Lipa.© Ulrich Breulmann
So sieht es aktuell im Erdgeschoss des Turms aus.© Ulrich Breulmann
Mit einem 260 Meter dicken Betonpfropf ist der alte Schacht verschlossen.© Ulrich Breulmann
Die Werkbank stammt aus der Bergbau-Ära.© Ulrich Breulmann
Peter Lipa kämpfte zwölf Jahre für seine Werkstatt.© Ulrich Breulmann
Hiermit wird schon lange kein Schichtende mehr eingeläutet.© Ulrich Breulmann

Handwerklich geschickt habe er sich gedacht: „Um nicht zuviel Geld auszugeben, kaufe ich mir so ein altes Industriedenkmal, das sanierungsbedürftig ist, dann kann ich meine Kenntnisse voll nutzen.“ Er machte sich auf die Suche und die Suche dauerte lange, 2001 gehörte der Malakow-Turm schließlich ihm.

Das Problem mit dem Handwerker-Recht

Doch die ursprüngliche Idee, hier mit seinem Büro einzuziehen, war inzwischen von der Zeit fortgespült worden wie eine Sandburg vom Strand: „Ich habe zwar einen Antrag gestellt auf Genehmigung einer Büronutzung, die kam auch, aber nach acht Jahren, da war der Anschluss an das alte Ingenieurbüro verpasst.“ Sein Kundenstamm von einst war weg.

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„Ich musste kleine Brötchen backen, kleine Aufträge für Privatleute, Statiken hauptsächlich.“ Darunter seien viele Kunden gewesen mit kleinen Bauvorhaben, mal eine Haustür-Überdachung, eine Treppe oder ähnliches und die hatten Schwierigkeiten, für diese kleinen Aufträge Handwerker zu finden. „Die fragten mich: ,Kannst du das nicht bauen?‘ Ich kann schon, aber ich durfte es nicht, denn: Ich bin zwar Maschinenbau-Ingenieur, aber kein Meister.“

Eine Werkstatt in einer Ex-Werkstatt, wo ist das Problem?

Das habe sich nach der Jahrtausendwende geändert. Mit einer neuen Handwerksordnung seien Ingenieuren wie ihm handwerkliche Tätigkeiten in Metallbereichen erlaubt worden. „Da habe ich mich als Handwerker eintragen lassen und hin und wieder kleinere Dinge gemacht.“ Doch für solche Arbeiten braucht man eine Werkstatt und Peter Lipa hatte ja seinen Malakow-Turm.

Der Malakow-Turm der ehemaligen Zeche Westhausen in Bodelschwingh gehört seit 2001 Peter Lipa.

Der Malakow-Turm der ehemaligen Zeche Westhausen in Bodelschwingh gehört seit 2001 Peter Lipa. © Ulrich Breulmann

Das erste Obergeschoss des Turms wurde schon als Werkstatt genutzt, als auf Westhausen noch Kohle gefördert wurde. Die alten Maschinen, Werkbänke, Flaschenzüge, Kräne, Sägen, Bohrer, Kästen und Schränke stehen dort bis heute, als seien die Kumpel gerade in den Feierabend gegangen und hätten nur das Ausfegen und Aufräumen vergessen.

Da wieder eine Werkstatt genehmigt zu bekommen, dachte sich Lipa, kann doch so schwierig nicht sein. So kann man sich täuschen.

Die Sache mit dem Methan

Am 7. Oktober 2008 beantragte Lipa bei der Stadt Dortmund die Baugenehmigung, um in der bisherigen „Anlage des Steinkohlebergbaus“ eine Werkstatt und ein Lager einzurichten. Zwölf Jahre gingen ins Land. Immer wieder habe er bei der Stadt nachgehakt, immer wieder sei er vertröstet worden. Und dann sei er selbst schwer erkrankt. „Vier Jahre lang bin ich komplett ausgefallen“, sagt Peter Lipa, „diese Verzögerung darf ich der Stadt nicht zurechnen“.

Und dann habe es sehr, sehr lange gedauert, bis das Gutachten der Deutschen Montan Technologie (DMT) zu Methanausdünstungen im Malakow-Turm vorlag. Der Turm steht nämlich über einem ehemaligen Bergwerksschacht.

Der Schacht ist zwar seit Jahrzehnten mit einem gewaltigen Betonpfropfen verschlossen, der bis zur ersten Sohle in 260 Metern Tiefe reicht. Trotzdem muss sichergestellt sein, dass keine gefährlichen Ausdünstungen mehr aus dem Schacht nach oben dringen, denn: Methangas ist leicht entzündlich und in einer Metallwerkstatt sprühen schon mal die Funken.

Gutachten da, aber nicht die Genehmigung

Im Dezember 2018 lag das Gutachten vor. Die Kernaussage: Wenn die Werkstatt im ersten Obergeschoss komplett getrennt ist vom Erdgeschoss, wo das Schachtende ist, spricht nichts gegen die Werkstatt.

Damit war der Weg eigentlich für eine Genehmigung frei. Doch noch immer tat sich nichts, sagt Lipa. Alle Nachfragen beim zuständigen Sachbearbeiter der Stadt seien ins Leere gelaufen.

Erst als er sich Anfang Juni hilfesuchend an das Bauministerium in Düsseldorf gewandt habe, sei es plötzlich schnell gegangen. Innerhalb von 15 Tagen hatte Lipa seine Genehmigung. Sie kam am 17. Juni.

Stadt gibt zu, dass einiges schiefgelaufen ist

„Hätte er mich doch früher angerufen“, sagt Ludger Deimel. Er ist Leiter der Bauaufsicht der Stadt Dortmund. Gemeinsam mit Planungsdezernent Ludger Wilde hat er sich den Vorgang angesehen.

Beide versuchen gar nicht erst, sich rauszureden. Ihnen ist die ganze Sache peinlich. Sie wissen, dass da etwas gründlich schiefgelaufen ist, und bedauern das. Aber sie haben Erklärungen, die nachvollziehbar machen können, wieso es zu diesen zwölf Jahren kommen konnte.

Und dann passierte lange wieder nichts

Zum einen habe es Verzögerungen gegeben, weil Peter Lipa so lange krank gewesen sei. Dann habe man, um die Genehmigung erteilen zu können, unbedingt dieses Gutachten zur Methangas-Ausdünstung benötigt.

„Es ging immer nur um diese Frage. Alles andere war klar. Die Feuerwehr hatte ebenso zugestimmt wie der Denkmalschutz. Nur das Gutachten fehlte und das lag erst im Dezember 2018 vor“, sagt Deimel. Doch auch dann passierte rund eineinhalb Jahre nichts und dafür, sagen Deimel und Wilde, trage die Stadt die Verantwortung.

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„2018“, sagt Deimel, „gab es eine komplette Umstellung der Bauordnung und damit Riesen-Turbulenzen. Es war eine vollständige Umstellung der digitalen Welt.“ Seinerzeit habe man sich den alten Aktenbestand vorgenommen. „Von Vorgängen, bei denen etwas länger als vier Jahre nichts passiert ist und niemand nachgefragt hat, haben wir uns getrennt. Diese Vorgänge haben wir abgeschlossen und archiviert.“

Stadt spricht von „einzigartigem Fall“

Das sei eigentlich immer gut gegangen, nur nicht im Fall des Malakow-Turms, denn: Als im Dezember 2018 endlich das Gutachten kam, wusste der Sachbearbeiter, auf dessen Tisch es landete, nichts damit anzufangen. „Es ist dann liegen geblieben und nicht korrekt zugeordnet worden“, sagt Ludger Deimel. Dumm gelaufen.

Ludger Wilde sagt: „Das ist in dieser Form schon ein einzigartiger Fall, wirklich die große Ausnahme. Wir achten immer darauf, dass so etwas nicht passiert. Unsere Prozesse sind ständig in einem Controlling, auch in einem elektronischen Controlling.“

Im Übrigen bestätigten doch die Zahlen die gute Arbeit. So habe man im ersten Halbjahr 2020 insgesamt 892 Baugenehmigungen für Bauprojekte – ohne Werbeanlagen – erteilt und davon 50 Prozent innerhalb von 89 Tagen.

Das könne sich sehen lassen, denn an zahllosen Verfahren müssten ja auch andere Behörden beteiligt werden, vom Umweltamt über den Kampfmittelräumdienst bis zu den Verkehrsbetrieben, sagt Wilde. Bei den 892 Verfahren habe es allein 3.300 elektronische Beteiligungen gegeben.

Die Staubwolke der Investoren

50 Prozent aller Genehmigungen in drei Monaten, der Rest dauert länger. Wie lang? Als Faustregel gelte, sagen die beiden städtischen Experten: Je komplexer ein Bauprojekt ist, desto länger. Zwölf Jahre aber sind auch in ihren Augen eindeutig zu viel, zumal es nur um eine kleine Werkstatt ging.

Und was sagt Peter Lipa? Der ist froh, dass er jetzt in seinem Turm endlich schweißen, bohren und sägen darf. Zugleich aber haben die zwölf Jahre Spuren hinterlassen: „Wenn ein Investor hört, dass man auf solche Kleinigkeiten hier zwölf Jahre warten muss, der ist hinter seiner Staubwolke verschwunden, ehe man gucken kann.“

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