Insolvenzen durch Corona: Handel in Dortmund befürchtet harten Herbst

hzDrohendes Ladensterben

Dortmunds Geschäfte sind wieder geöffnet - Handelsverbände haben aber Zweifel daran, ob das reicht, um eine Massen-Insolvenz im Herbst zu verhindern. Die ersten Läden geben bereits auf.

Dortmund

, 12.05.2020, 14:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Lockerungen für Geschäfte und Unternehmen haben für ein leichtes Aufatmen in der Dortmunder Wirtschaft gesorgt. Dennoch haben die drastischen Worte, die der Handelsverband Deutschland Anfang Mai formulierte, immer noch Gültigkeit: Rund 50.000 der 350.000 Geschäfte könnten in Folge der Corona-Krise pleitegehen und verschwinden.

Auf die rund 3000 Geschäfte in Dortmund umgerechnet würde das bedeutet: Rund 400 von ihnen wären in einigen Monaten Geschichte. Selbst wenn diese Prognose nur zum Teil eintrifft, würde sich das Bild in den Fußgängerzonen Dortmunds nachhaltig verändern.

Babyladen auf dem Westenhellweg schließt wegen der Corona-Krise

Die Veränderung hat bereits eingesetzt. Am unteren Westenhellweg befindet sich das Geschäft „Babys Glücksmobil“ gerade in den letzten Verkaufstagen. Die Corona-Krise hat nach fünf Jahren an diesem Standort den Ambitionen der Inhaber den letzten herben Dämpfer verpasst.

Nach einem emotionalen Auf und Ab über mehrere Wochen starb Mitte April endgültig die Hoffnung, dass es mit dem Verkauf von nachhaltiger Baby-Mode weitergeht. Nun steht fest, dass spätestens Ende Juni Schluss ist.

Die Abschiedsworte der Inhaber Nora Manzel und Pablo Valverde-Salzmann sind bewegend: „Nach tollen acht Jahren müssen wir bedingt durch die aktuelle Situation letztendlich doch die Reißleine ziehen und uns von einem Lebenstraum verabschieden. Unser kleines Geschäft hat uns viel Freude bereitet. Viele werdende Familien durften wir in dieser Zeit beraten, vielen Babys ihren ersten Strampler aussuchen und beim Großwerden zuschauen und später die ersten Schuhe anpassen“, schreibt das Paar auf Facebook.

Geschäftsinhaber am Westenhellweg: „Das Risiko für unsere Familie ist zu groß“

„Leider ist die Prognose für den Einzelhandel nicht besonders gut und das Risiko für unsere Familie zu groß“, heißt es weiter.

Einfach war die Situation für den stationären Einzelhandel schon vor der Corona-Krise nicht. Insolvenzen und Geschäftswechsel gab es auch schon vor März. Doch die Einschränkungen der vergangenen und auch der nächsten Monate beschleunigen viele Probleme.

Jetzt lesen

Insbesondere laufende Mietzahlungen bei gleichzeitig fehlenden Einnahmen belasten viele Unternehmer. Soforthilfe und Kredite haben kurzfristig vielen geholfen, überhaupt weitermachen zu können.

NRW-Handelsverband befürchtet, dass die Auswirkungen erst im Herbst zu spüren sein werden

„Aber nur, weil im Moment noch nicht so viel passiert, ist das kein Grund zur Beruhigung. Im Sommer und Herbst wird es für einige schwierig.“, sagt Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbands NRW.

Kleinere Läden - wie „Babys Glücksmobil“ - könnten eben nicht unter einen staatlichen Rettungsschirm schlüpfen, wie es Ketten wie Appelrath oder Hallhuber möglich ist.

Nur noch 30 bis 50 Prozent des Vor-Corona-Umsatzes

Zwar hätten sich nach der „Schockstarre zu Beginn“ alle Händler mit der Situation arrangiert, so Schäfer. Aber seine Verbandsmitglieder berichten ihm von Einnahmen, die gerade einmal bei 30 bis 50 Prozent der Vor-Corona-Zeit liegen. Die Kundenfrequenz sei durch die Maskenpflicht und Abstandsregeln stark reduziert. „Das wird der Handel nicht lange aushalten können“, sagt Thomas Schäfer.

Jetzt lesen

Cordula Pickhard arbeitet seit fast drei Jahrzehnten im Einzelhandel, sie ist Inhaberin des Deko- und Geschenkeladens „Surprise“ an der Kaiserstraße. Einen Einschnitt wie in den vergangenen Monaten hat sie noch nicht erlebt.

Sie bestätigt die Umsatz-Einschätzung des Handelsverbands. Statt Abifeiern, Kommunionen oder Hochzeiten mit Ballons und buntem Schmuck zu versorgen, musste sie versuchen, einige Wochen virtuell die Kunden bei Laune zu halten.

Geschenkeladen profitiert von guter Bindung zu Stammkunden

„Wenn ich durch die lange Zeit nicht so eine enge Beziehung zu den Kunden hätte, wäre schon alles zusammengebrochen“, sagt Pickhard. Wie zum Beweis kommt an einem Tag kurz nach der Erlaubnis, wieder öffnen zu dürfen, eine Stammkundin in das Geschäft und bittet um eine neuen Smiley. Das lächelnde Ballon-Gesicht schwebt das ganze Jahr über in der Küche der Familie. Wenn die Luft ausgeht, kaufen sie bei „Surprise“ einen neuen.

Jetzt lesen

„Wieder mit einem schwarzgelben Band?“, fragt Pickhard die Kundin. „Ja, bitte, für Reinhold“, sagt die Kundin. Der Ballon zeigt ein breites Lächeln, stellvertretend für das Lächeln von Cordula Pickhard, das man unter ihrem Mund-Nasen-Schutz leider nicht sieht.

Für viele Geschäftsinhaber ist es eine nervliche Ausnahmesituation

Die Unternehmerin versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Sie sei finanziell nicht allein von dem Geschäft abhängig und pflege keinen teuren Lebensstil. „Aber alles in allem ist es scheiße, eine nervliche Ausnahmesituation. Ich weiß von vielen, die jetzt private Reserven auflösen müssen, weil sie vielleicht kurz vor der Krise gerade investiert haben.“

Hinzu komme, dass innerhalb der Lieferketten Unternehmen wegbrechen und dies auch Folgen für den lokalen Einzelhandel habe. Aber Cordula Pickhard, die in der Schließungsphase einen Online-Lieferservice aufgebaut hat, sagt auch: „Man muss sich auf etwas Neues einlassen und dranbleiben.“

NRW-Handelsverbandsgeschäftsführer Thomas Schäfer fürchtet um das, was Innenstädte überhaupt erst attraktiv macht. „Sie leben von der Mischung aus kleinen und großen Geschäften, Gastronomie und Kultur.“ Also genau den Dingen, deren Existenz durch die Corona-Krise gerade in Gefahr ist.

Lesen Sie jetzt