Termine bei den Bürgerdiensten sind für Wochen nicht zu bekommen. Bei dringenden Angelegenheiten heißt's: Anstellen. Für die Anmeldung brauchte unser Autor drei Stunden. Ein Erlebnisbericht.

Dortmund

, 12.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Vor dem Warten kommt das Warten: „Durch die Tür, in die Schlange an der Treppe“, lautet die knappe Anweisung der Dame im Foyer der Bürgerdienste am Südwall. Wer vom Wall gekommen ist, muss Folge leisten. Ab in die Berswordt-Halle. „Da stellen Sie sich an. Dann dürfen Sie irgendwann rein und bekommen Ihre Wartemarke.“

Es ist Montagmorgen, 7.23 Uhr. 16 Leute stehen auf der Treppe in der Berswordt-Halle am Hansaplatz. Ein Security-Mann sorgt dafür, dass alle hinterm rotweißen Flatterband bleiben. Hier kommt niemand vorbei. Ab ans Ende der Schlange heißt es für jeden, der's dennoch versucht. Und das tun einige.

Nach einer Weile öffnet der Grauhaarige das Band. Eins, zwei, drei, vier... Zehn dürfen vor zur Info im Büro der Bürgerdienste, um ihre Wartemarke abzuholen. Dann sperrt der Mann den Aufgang wieder. Die anderen warten weiter. Aufs Warten.

Nach 29 Minuten Warten beginnt das Warten bei den Bürgerdiensten

0083 lautet die Nummer, Ausgabezeitpunkt: 7.52 Uhr. 29 Minuten hat es schon gedauert, bis das Warten beginnt. „Auf den großen Bildschirm müssen Sie schauen“, erklärt die Bürgerdienste-Mitarbeiterin und weist in die Richtung. „Hinter Ihrer Nummer steht dann der Arbeitsplatz, wo sie hin müssen.“

In einer Nische am Rand flimmern Nummern über eine weiße Leinwand. Davor zahlreiche Stühle, akkurat in Reihen, plus ein U drumherum, entlang der Seiten. Sieht ein bisschen aus wie in der Schule. Frontalunterricht mit Overhead-Projektor. 0023 ist aktuell ganz oben zu lesen. Noch 60 Nummern bis zur 0083. Uff.

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8.05 Uhr: Eine junge Frau steht auf, schiebt vorsichtig den Lamellenvorhang zur Seite. Ein kurzes Auflachen, leicht verzweifelt: Das Fenster ist schon offen. An der Luftqualität lässt sich also nicht viel ändern. Sie setzt sich. Seufzt. Wat willse machen?

„Entschuldigung! Nicht mit dem Handy reden!“ Der Security-Mitarbeiter vom Eingang ist zu den Wartenden getreten. Nach einem prüfenden Blick in die Runde weist er einen Mann zurecht, deutet auf ein Schild an der Wand: bitte keine Mobiltelefone. Der Angesprochene macht eine beschwichtigende Geste, steckt das Telefon mit einer Hand unter die Jacke, geht raus. Eine Frau hält inne – gerade hat sie noch eifrig getippt. Sie blickt auf das Schild, guckt zum Security-Mann – und tippt weiter. Wie mindestens 80 Prozent der Anwesenden. Mister Security sagt nichts.

Warten auf den Bürgerservice: Ein Hoch auf den Erfinder der Ohrhörer

8:54 Uhr: 0047 wird aufgerufen. Noch 36 Leute bis zur 0083. Knapp anderthalb Stunden sind vergangen. Ein Anzug-Typ schaut eine Netflix-Serie auf dem iPhone. Ein Hoch auf den Erfinder der Ohrhörer. Hätte doch nur die junge Mutter auch von dieser Errungenschaft gehört, deren kleiner Sohn etwa eine Stunde später eine fremdsprachige Version von „Alle meine Entchen“ auf Mamas Smartphone durchdudelt, ebenso weitere, nicht ganz so bekannte Kinderlieder. Immerhin: Der Lautstärke-Knopf scheint bekannt zu sein. Nur der engere Umkreis darf mithören.

„Aber ich will doch nur wissen, wo ich mich denn nun anstellen muss“ - zum ersten Mal an diesem Morgen wird's lauter. Bis hierhin haben die Dortmunder die Wartezeit überraschend ruhig ertragen haben. Die Stimme dringt aus dem Foyer. Sie gehört einem jungen Mann, 20 bis 30 Jahre alt, Körperhaltung: unentspannt. Die Dame am Empfang schickt ihn durch die Glastür auf die Treppe in die Berswordt-Halle. Mit Nachdruck.

Handys sind im Wartebereich der Bürgerdienste unerwünscht

9.40 Uhr. Der Security-Mann lässt wieder den Blick schweifen. Da! Ein Telefonierer. Direkt unterm Handy-Verbots-Schild. Der junge Mann, geschätzt Mitte 20, errötet leicht, entschuldigt sich, das Telefon verschwindet in der Tasche. Fall erledigt. Oder nicht? „Meine Fresse, is' ja schlimmer wie im Knast!“ Der halblaute Einwurf kommt von einem Mann Anfang 40. Schlabber-T-Shirt, Übergewicht, er sitzt seit wenigen Minuten mitten im Raum. Der Security-Mann hat's nicht gehört. Oder er überhört's. Kaum 30 Sekunden später erhebt sich der Mann und verschwindet in Richtung Service-Platz, im Schlepptau eine Frau und zwei Kinder.

10.17 Uhr: 0079. Noch vier. Ein Baby brüllt. Im kleinen Wartebereich vor den Service-Plätzen 1 bis 5 telefoniert ein etwa 40-jähriger Mann, Cappy, Brille, Kapuzenjacke, zerrissene Jeans. „Wir sind hier erst bei 79... Nein, ich geh schon die ganze Zeit eine Rauchen, ich hab gleich keine mehr, wenn das so weiter geht!“ Dann schweigt er. Hört zu. Dann: „Ja. Danke, Mama.“ Er legt auf. Wendet sich an die Seniorin, die neben ihm sitzt. Die alte Dame wirkt müde, stützt sich auf den Rollator vor ihr. „So ist das Leben“, sagt der Mann. „Aber ich kann ja jetzt auch nicht gehen!“

10.24 Uhr. 0-0-8-3! Endlich!

10.45 Uhr. Fertig. Angemeldet. Im Gehen fällt der Blick auf das Schild über der Info am Eingang: „Bürgerdienste für Dortmund - Wir für Sie. Bürgerinnen- und Bürgerorientierung ist die Maxime unseres Handelns.“ 15 Leute stehen zu diesem Zeitpunkt an der Info. 16 warten in der Berswordt-Halle aufs Warten. „Sie müssen durch die Tür, in die Reihe auf der Treppe“, ist im Gehen die wohlbekannte, schneidende Stimme zu vernehmen. Wobei: „Wenn Sie Zeit haben, kommen Sie lieber heute Mittag wieder. Heute ist es sehr voll.“

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