Angeblicher Nazi-Jargon, ein behaupteter Milliardenschaden, um den es gar nicht geht: Der Rechtsstreit zwischen Investor Jagdfeld und der Signal Iduna wird mit allen Mitteln geführt.

Dortmund

, 27.11.2019, 12:22 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass in Zivilprozessen beide Seiten unterschiedlicher Meinung sind, liegt in der Natur der Sache. Selten wird ein Streit jedoch so erbittert geführt wie derzeit montags am Landgericht.

Seit Jahren versucht der Investor Anno August Jagdfeld, die Richter davon zu überzeugen, dass die Dortmunder Signal-Iduna-Versicherung eine regelrechte Rufmordkampagne gegen ihn initiiert und durchgezogen hat.

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Im Zusammenhang mit der Wiedereröffnung des Berliner Luxushotels Adlon hatte Jagdfeld einen Fonds aufgelegt, in den neben 4400 anderen Anlegern auch der Versicherungskonzern eingezahlt hatte. Nachdem es zu Irritationen gekommen war, hatte sich eine Anlegerschutzgemeinschaft gegründet. Und deren Sprecher hatte schließlich mehrere Schreiben verschickt, in denen Jagdfeld ziemlich offen angegangen wurde. Um es vorsichtig auszudrücken, wie es die journalistische Objektivität verlangt.

Jagdfeld-Sprecher verschickt Mails

Weniger zurückhaltend sind da natürlich Jagdfeld selbst und sein Sprecher Christian Plöger. Der Investor nutzt jede Zeugenbefragung, um noch einmal seine Sicht der Dinge vorzutragen. Und Plöger ist für die Kommunikation außerhalb des Gerichtssaals zuständig. Für Mails mit Klarstellungen und angeblichen Hintergrundinformationen. Schließlich registriert er ganz genau, welcher Journalist an welchem Verhandlungstag wie lange anwesend war.

Das Problem ist nur: Die Informationen, die die Jagdfeld-Seite verschickt, sind logischerweise nicht objektiv. Das merkt allerdings nur der, der den Prozess auch selbst verfolgt. Andere Journalisten laufen dagegen Gefahr, die behaupteten Tatsachen als bereits erwiesene Wahrheiten hinzunehmen.

„Klarstellung“ nach Verhandlungsende

Erst kürzlich hat Plöger wieder ein dreiseitiges Schreiben als Pressemitteilung verschickt. „Klarstellung“ stand darüber. Für die Existenz einer Rufmordkampagne zieht die Jagdfeld-Seite regelmäßig ins Feld, dass der Sprecher der Schutzgemeinschaft in den ominösen Schreiben sogar „Verleumdungen mit Nazi-Vokabular“ getätigt habe.

Man wolle „Jagdfeld und seine Entourage (...) entsorgen“, heißt es dort zum Beispiel. Und: Der Fonds solle möglichst schnell „Jagdfeld-frei“ werden. Darauf wird in dieser Klarstellung noch einmal in aller Deutlichkeit hingewiesen.

Äußerungen mit Nazi-Vokabular?

Dass es diese - ohne Zweifel zu verurteilenden - Äußerungen gegeben hat, steht allerdings fest. Darum geht es in dem Prozess gar nicht. Die Frage ist allein, ob sich die Signal-Iduna-Versicherung die Wortwahl des Schutzgemeinschaftssprechers zurechnen lassen muss.

Den Sprecher selbst kann niemand mehr fragen. Er ist bereits verstorben. Und von der Signal gibt es - egal, wer da gerade als Zeuge vernommen wird - immer nur die eine Antwort: „Es gab keine Absprachen über eine Rufmordkampagne.“ Und: „Die Wortwahl war nicht mit uns abgesprochen.“

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Auf dieses Bestreiten weist Plöger in seiner Klarstellung zwar hin. Er teilt den Journalisten aber auch gleich mit, dass solche Behauptungen „in die Irre“ führten. Weil sie seiner Ansicht nach ja nicht richtig sind.

Behauptungen werden als Tatsachen verkauft

Und obwohl bisher noch kein Zeuge der Signal-Iduna-Versicherung auch nur ansatzweise eingeräumt hat, man habe sich damals zusammen mit dem Sprecher der Schutzgemeinschaft zum Ziel gesetzt, Anno August Jagdfeld zu diffamieren, schreibt Plöger weiter: „Der Vorstand der Signal Iduna wusste von allem und ließ die Eskalation zu.“

Wer da nicht selbst in der Verhandlung gesessen und zugehört hat, könnte Schwierigkeiten bekommen, diese Behauptung richtig einzuordnen.

Auch die Signal-Iduna hat einen umtriebigen Sprecher

Um einem falschen Anschein entgegenzuwirken, soll selbstverständlich nicht unerwähnt bleiben, dass auch die Signal-Iduna-Versicherung über einen Pressesprecher verfügt, der seinen Job versteht. Edzard Bennmann ist ebenfalls an jedem Verhandlungstag anwesend und lässt keine Gelegenheit aus, mit den Journalisten ins Gespräch zu kommen.

Und wenn das nicht reicht, verschickt auch er im Anschluss an den Verhandlungstag Mails. Mal sind es Zitate des von der Versicherung für den Prozess beauftragten Anwalts Lutz Aderholt, die man gerne für die Berichterstattung verwenden könne und die selbstverständlich richtig schön knackig und pointiert sind.

„Nazi-Vokabular“: Prozess zwischen Investor Jagdfeld und Signal Iduna nimmt skurrile Züge an

Die Gegenseite: der Signal-Iduna-Anwalt Lutz Aderhold (1.v.l.) 2016 im Landgericht in Dortmund. Neben ihm: der damalige Prokurist der Signal-Iduna-Versicherung, Rolf-Hanno Weiberg, und Aderholds Anwaltskollegen Gunther Lehleiter und Christian Hoppe. © dpa (Archivbild)

Es gab aber auch schon den Fall, dass Bennmann gleich eine eigene Agenturmeldung verfasste und darin zu dem Schluss kam: „Den Anwälten von Anno August Jagdfeld ist es in den Zeugenbefragungen der letzten Tage vor dem Landgericht Dortmund durchgängig nicht gelungen, ihren Vorwurf eines Rufmordes an Anno August Jagdfeld durch die Signal Iduna auch nur im Ansatz zu erhärten. Vielmehr wurde klar, dass dieser Vorwurf absolut haltlos ist.“

Auch das ist eine Bewertung, die man als Journalist nur übernimmt, wenn sie in der Urteilsbegründung vom Richter vorgenommen wurde.

Angebliche Schadenssumme von einer Milliarde Euro

Und so werden auch im neuen Jahr noch zahlreiche Verhandlungstage vergehen, bis es irgendwann ein Urteil gibt. Nur um eines geht es in diesem Prozess nicht.

Auch wenn Jagdfeld und sein Sprecher gerne den Begriff des „Milliardenprozesses“ bemühen, weil der Investor den ihm entstandenen Imageschaden tatsächlich auf eine Milliarde Euro beziffert, spielen konkrete Summen in diesem Streit überhaupt keine Rolle. Erst einmal geht es um die Frage, ob grundsätzlich ein Schaden entstanden ist oder nicht.

Aber das klingt ja weit weniger spektakulär.

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