Kampf gegen Neonazis: Ula Richter ist das Dortmunder Gesicht gegen Rechts

hz80. Geburtstag

Als Ula Richters Tochter sich einst gegen Neonazis stark machte, flogen bei ihrer Mutter im Haus Steine durch das Fenster. Die Wut darüber lenkte die Dortmunderin in Aktion um.

Dortmund

, 02.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es gibt kaum einen Menschen in Dortmund, der sich seit Jahrzehnten so konsequent gegen Rechtsradikalismus engagiert wie Ursula Richter. Am 2. September wird sie 80 Jahre alt.

Die passenden Bilder müssen nicht immer stimmen. Manchmal entstehen passende Bilder nur aus Zufall, bei Ursula Richter und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ist das auch so. Richter, die seit mehr als 30 Jahren wie kein anderer Mensch in Dortmund gegen Rechtsextremismus und Neofaschismus arbeitet, wurde am 2. September 1939 in Göttingen geboren. Einen Tag, nachdem die Wehrmacht Polen überfallen und die Jahrtausendkatastrophe ihren Lauf genommen hatte.

Natürlich wird dieser Krieg auch das Leben von Ursula Richter verändert haben. Aber zum Antifaschismus, der übrigens allen Behauptungen zum Trotz nicht linksradikal oder versifft, sondern lediglich menschlich ist, kam Richter nicht durch diesen Krieg. Sie kam erst später dorthin, durch eine ihrer Töchter.

Aus einem „militaristisch geprägten Familie“

Ihr eigenes Elternhaus beschrieb sie mal als „reaktionäre, kleinbürgerliche, konservative und militaristisch geprägte Familie“. Sie muss sich weit davon entfernt haben: Als 1987 Neonazis vor Dortmunder Schulen Flugblätter verteilt hatten und sich eine Richter-Tochter als Schülersprecherin des Leibniz-Gymnasiums dagegen engagierte, flogen Steine in die Scheiben der Richters. In der Folge wurde die Mutter aktiv: Erst in der Bürgerinitiative Innenstadt-West gegen Neonazis. Ab 2000 dann im Bündnis Dortmund gegen Rechts. Wie viele Demonstrationen sie angemeldet, wie viele Mails sie seitdem geschrieben hat? Unklar. Klar ist nur, es waren viele.

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1987 waren Rechtsradikale öffentlich kein großes Thema. In Dortmund zwar schon lange daheim, wurden sie mehrheitlich negiert. Von der Dortmunder Polizei zum Beispiel bis 2011, damals ging nach langen Jahren der damalige Polizeipräsident Schulze in den Ruhestand. Erst mit seinem Nachfolger Norbert Wesseler änderte sich die Richtung. Spät, vielleicht zu spät.

Es ist Ula Richter, mit der man politisch natürlich nicht immer einer Meinung sein muss, wohl am höchsten anzurechnen, dass sie in all den Jahren nicht eingeknickt und weggezogen ist oder aufgegeben hat. Trotz des Kampfes gegen Windmühlen.

Demokratie ist mehr als Statistik

Demokratie, das hat die journalistische Instanz Heribert Prantl mal gesagt, ist mehr als Statistik, mehr als eine Abzählerei; Demokratie ist eine Wertegemeinschaft. Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Mitglieder achtet und schützt, die nicht ausgrenzt, die nicht ausschließt nach den Kategorien von Herkunft, Hautfarbe, Stand, Klasse, Kultur und Volk. Eine solche Gemeinschaft funktioniert aber nur durch Menschen, die sie mit Leben füllen.

Das, was die Familie Richter erlebt hat, erlebt heute die demokratische Gesellschaft: Angriffe und Attacken durch Rechtsradikale, die einschüchtern und aushöhlen sollen.

Dortmund ist ein Gravitationszentrum der Rechtsextremisten geworden, die Stadt spielt für die Szene auch laut NRW-Verfassungsschutzchef eine besondere Rolle. Als Ulla Richter 75 wurde, hat sie mal gesagt, dass ihr Zorn deutlich größer geworden sei. Kleiner dürfte er seitdem nicht geworden sein. Und wenn man das sieht, dann könnte der Schluss naheliegen, dass die Arbeit Richters vergebens war.

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Aber wenn man Dortmund und sein Rechtsextremismus-Problem betrachtet, kann man sich auch die Frage stellen, wie es heute aussehen würde, wenn nicht Menschen wie Ula Richter über viele Jahre ernsthaft dagegengehalten hätten. Schwer vorstellbar überhaupt, wie eine Gesellschaft aussieht, in der sich Menschen nicht engagieren und einsetzen. Vermutlich werden wir es erleben und uns den Vorwurf gefallen lassen müssen, wie wir es soweit haben kommen lassen. Ula Richter ist dieser Vorwurf nicht zu machen. Ihr gegenüber ist der römische Dichter Ovid zu zitieren: „Glücklich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschützen.“

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