Dortmunds Männervereine haben keine Angst vor dem Finanzminister

hzGemeinnützigkeits-Debatte

Finanzminister Olaf Scholz möchte reinen Männervereinen die Gemeinnützigkeit aberkennen. In Dortmund stößt er damit auf wenig Gegenliebe - oder kommt schlichtweg viel zu spät.

Dortmund

, 27.11.2019, 14:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Kämpfer für mehr Gleichberechtigung erwies sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz, als er in einem Interview unlängst sagte: „Vereine, die grundsätzlich keine Frauen aufnehmen, sind aus meiner Sicht nicht gemeinnützig.“

Zwar existiert auch in Dortmund eine Reihe solch maskuliner Gemeinschaften, doch das große Zittern ist angesichts der ministerialen Aussage bei ihnen nicht ausgebrochen. Und das, obwohl die fehlende Gemeinnützigkeit mit einer Einbuße an Steuervorteilen einhergehen würde.

Es gebe in Dortmund durchaus Chöre, deren Satzung nur die Aufnahme eines bestimmten Geschlechts erlaube, erläutert der Dortmunder Christoph Krekeler, Sänger, Vizepräsident des Chorverbandes NRW und Rechtsanwalt in Personalunion: „Das sind vor allem Männer-, aber auch einige Frauen-, Knaben und Mädchenchöre.“

Plädoyer für die Kunstfreiheit

Dass diese künftig entweder zu gemischten Sangeskreisen werden oder ihnen die Gemeinnützigkeit entzogen wird, kann sich Krekeler indes nicht vorstellen - und führt dabei künstlerische Gründe ins Feld. „Es kann einfach nicht gelingen, dass eine Frau das Klangbild einer Männerstimme erreicht - und umgekehrt“, sagt der Experte und verweist auf eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin, das einem Mädchen aus eben diesem Grund die Aufnahme in einen Knabenchor verwehrte.

Denn gerade in der Chorliteratur, so Krekeler, gebe es viele Kompositionen, die auf spezielle Stimmen abgestimmt seien. Und dabei solle es auch bleiben: „Die Kunstfreiheit muss bewahren, was der Komponist sich vorgestellt hat.“

Zudem habe der Finanzminister bei seiner Aussage laut Krekeler den jeweiligen Vereinszweck komplett außen vor gelassen: „Bei Schützen- oder Sportvereinen können beide Geschlechter diesen Vereinszweck erfüllen. Eine Frau kann das beim Männerchorgesang aber nicht.“

Frauen als Schützenkönige

Neben den Chören muss man Vereine, die ausschließlich den Herren vorbehalten sind, allerdings mit der Lupe suchen. Gerade bei den Schützenvereinen, einstmals Hochburgen der Männlichkeit, hat in der Vergangenheit ein grundlegendes Umdenken stattgefunden.

„In allen Dortmunder Schützenvereinen werden auch Frauen aufgenommen“, sagt Siegfried Redtka, Kreisvorsitzender der Schützen. „Das mag in den 1950er-Jahren anders gewesen sein, doch eine solche Ablehnung gibt es schon lange nicht mehr.“

Überhaupt seien die geschlechtlichen Schranken bei diesem einstmals durch und durch maskulinen Zeitvertreib komplett gefallen. „Frauen arbeiten in den Vorständen mit und können auch Schützenkönigin werden“, erläutert Redtka.

Dortmunds Männervereine haben keine Angst vor dem Finanzminister

Auch der Knappenverein Bruderhand Eving, hier bei der Vorstellung einer bepflanzten Lore, nimmt Frauen auf. © Brtta Linnhoff

Diesen Trend bestätigt Doris Fuest vom Bürger-Schützen-Verein Dortmund-Aplerbeck, derzeit Majestätin an der Seite des amtierenden Schützenkönigs Bernhard Fuest, der zugleich auch ihr Gatte ist. „Doch wenn ich im nächsten Jahr den Vogel abschieße, dann bin ich die Königin“, sagt Doris Fuest selbstbewusst, „und nehme meinen Mann zum Prinzgemahl.“

Bergmanns- und Knappenvereine auch offen für Frauen

Eine andere Bastion der Männer ist ebenfalls längst Geschichte: Sämtliche Bergmanns- und Knappenvereine haben sich auch dem vermeintlich zarten Geschlecht geöffnet. Früher sei das anders gewesen, weiß Johannes Hartmann, 1. Vorsitzender des Landesverbandes Berg- und Knappenvereine: „Unter Tage gab es keine Frauen - und in den Vereinen auch nicht.“

Im Laufe der Jahre hätten aber immer mehr Vereinigungen die Frauen verstorbener Mitglieder aufgenommen, damit die Witwen nicht auf sich allein gestellt waren. Im Nachhinein eine weise Entscheidung: „Denn sonst wären viele Vereine inzwischen schlichtweg zu klein.“

Gleichstellung auch für Frauenvereine

Übrigens finden sich in Dortmund mehr Vereine, die ausschließlich Frauen aufnehmen als umgekehrt; unter anderem in der Arbeitsgemeinschaft Dortmunder Frauenverbände. Man sei von Scholz‘ Interview auf jeden Fall ziemlich überfahren worden, sagt die Schriftführerin der AG, Antje Griesbach: „Das muss man juristisch prüfen lassen.“ Persönlich findet sie das Statement des Finanzministers auf jeden Fall - na sagen wir mal - ungewöhnlich: „Ich weiß nicht, ob das wirklich ernst gemeint und durchdacht war.“

Und für solche rein weibliche Zusammenschlüsse müsse das Gleichstellungsgebot aber ebenso gelten, fordern viele Juristen mit Blick auf Scholz‘ Aussage über Männervereine.

Gegen Ungerechtigkeit kämpfen

„Die Idee des Finanzministers als solche finde ich richtig“, sagt Maresa Feldmann, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Dortmund, „wenn keine sachlichen Gründe für eine Eingeschlechtlichkeit sprechen.“ Darunter versteht sie neben der künstlerischen Freiheit der Chöre auch die Zielsetzung verschiedener Frauenvereine: „Gerade, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen zu bekämpfen, hat die Eingeschlechtlichkeit durchaus ihre Berechtigung.“

Keine Angst vorm Finanzminister

Ob dies auch für die Dortmunder Ortsverbänden des Westfälisch-Lippischen Landfrauenverbands gilt, die Männer nur als Fördermitglieder aufnehmen, sei dahingestellt. Die Herren dürfen zwar an Veranstaltungen teilnehmen, besitzen aber kein Stimmrecht. Denn der Verein ist - nomen est omen - eben weitgehend weiblich geprägt.

Trotzdem wird Scholz’ Bemerkung den Landfrauen kaum Angst einjagen. Aus einem einfachen Grund: Der Verband ist ohnehin nicht gemeinnützig. Und muss des Finanzministers Androhung somit auch nicht fürchten.

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