Lügde, Bergisch-Gladbach: Fälle von massenhaftem Kindesmissbrauch haben viele schockiert. Nichts davon ist weit weg. In Dortmund steigen die Zahlen. Die Details sind oft schockierend.

Dortmund

, 18.12.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Was für viele Menschen unvorstellbar ist, gehört für die Mitarbeiterinnen des Kinderschutzzentrums zum Arbeitsalltag. Sie befassen sich mit sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Die Zahl der Fälle steigt. „Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht damit beschäftigt sind“, sagt Beraterin und Therapeutin Ursula Nutt-Pohl.

Bis Anfang Dezember gab es im Kinderschutzzentrum 65 Neumeldungen von Fällen sexueller Gewalt. Im gesamten Jahr 2018 waren es 57. Insgesamt bearbeiten die fünf Therapeuten an der Gutenbergstraße also eine dreistellige Zahl an Fällen.

Hinzu kommen Meldungen an anderen Stellen wie dem Jugendamt oder in Erziehungsberatungsstellen. Und die Dunkelziffer. So lässt sich die Dimension des Problems in Dortmund etwas vereinfacht wie folgt darstellen: Es gibt so viele Fälle, wie das Jahr Tage hat. Und das sind nur die, die bekannt werden.

Die Details der Dortmunder Fälle sind erschütternd

Schon die wenigen Rahmendaten von Dortmunder Fällen in diesem Jahr, die das Kinderschutzzentrum aus Datenschutzgründen überhaupt öffentlich machen darf, sind erschütternd.

Da ist etwa die Situation, in der beide Großeltern sich an einem Kind vergehen. Es gibt zwei Fälle, in denen Mütter zu Täterinnen geworden sind. Häufig, so berichten es die Therapeuten aus dem Kinderschutzzentrum, werden hinter Einzelfällen Missbrauchsstrukturen sichtbar, die teilweise über Generationen verfolgbar sind.

Weiterhin sind es häufig Stiefväter oder Freunde der Eltern, die das Vertrauen von Kindern und anderen Verwandten ausnutzen. „Es gehört zu den Strategien von Tätern, dafür zu sorgen, dass sie auch für das Umfeld ein gutes Bild abgeben“, sagt Martina Niemann, Leiterin des Kinderschutzzentrums.

Chat-Netzwerke mit massenhaftem Kindesmissbrauch

Eine neuere Form des Missbrauchs ist das „Cyber-Grooming“, bei dem sich Täter ihren minderjährigen Opfern über das Internet nähern. Dabei erschleichen sich die Täter im Internet das Vertrauen von Kindern. Besonders anfällig sind Kinder, die Vernachlässigung erleben. „Die neuen Medien helfen denjenigen, die böse Absichten haben“, sagt Ursula Nutt-Pohl.

Die Experten aus der alltäglichen Beratung halten es außerdem für wahrscheinlich, dass auch Dortmunder Teil des Kinderpornografie-Netzwerks in Bergisch Gladbach sein könnten. Der massenhafte Missbrauch von Kindern durch Mitglieder eines Chat-Netzwerkes mit bis zu 1800 Teilnehmern war im Oktober bekannt geworden.

Seitdem sind in zahlreichen NRW-Städten Verdächtige ermittelt worden. In Dortmund gab es bisher eine Wohnungsdurchsuchung. Ein Verdächtiger stammt aus Lünen.

Für Martina Niemann zeigt der Fall: „Es gibt etwas, von dem wir uns alle nicht vorstellen können, dass das geht. Das hat selbst uns erschreckt.“

Das sind die Zahlen der Polizei

Die Dortmunder Zahlen decken sich mit der Polizeilichen Kriminalstatistik. Im Juni hatten das Bundeskriminalamt, Kinderschutzverbände und der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung die aktuellsten Zahlen für Deutschland veröffentlicht. 14.606 Kinder waren demnach im Jahr 2018 von sexueller Gewalt betroffen – ein Anstieg um 6,4 Prozent.

Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Fallzahlen zur Herstellung, zum Besitz und zur Verbreitung kinderpornografischen Materials sind zuletzt von 6.512 auf 7.449 Fälle gestiegen (plus 14,39 Prozent).

Die Dortmunder Polizei hat im Jahr 2018 insgesamt 97 Missbrauchsfälle aufgenommen. Die Zahl hat sich seit 2015 fast verdoppelt. 83,5 Prozent der Fälle wurden aufgeklärt. 44 Mal kam der Besitz von kinderpornografischem Material zur Anzeige.

Um Datenmengen und Information schneller auswerten zu können, hat die Polizei im September 2019 ein neues Maßnahmenkonzept zur Bekämpfung solcher Verbrechen vorgestellt.

Positive Entwicklung in der Gesellschaft

Es fällt schwer, in all diesen Berichten Fortschritte zu sehen. Aber es gibt sie.

Denn die Zunahme der Fälle hat auch damit zu tun, dass im Vergleich zu früheren Jahren viel mehr Menschen genauer hinschauen und damit zur Anzeige kommt, was früher unentdeckt blieb. Martina Niemann sagt: „Das Thema wird nicht mehr bagatellisiert.“

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Es gebe nicht das eine untrügliche Anzeichen für einen Verdacht, sagt Therapeutin Ursula Nutt-Pohl. „Jegliche Verhaltensänderung kann ein Symptom sein, aber auch in einer anderen Belastung ihre Ursache haben“, sagt sie.

Lehrer und Erzieher sehen genauer hin

Es kann vorkommen, dass Kinder, die Missbrauch erfahren, sich plötzlich in der Schule oder im Kindergarten auffällig sexualisiert verhalten. Häufig ist das Anlass für Lehrer oder Erzieher, genauer hinzusehen. Es gibt außerdem Präventionskampagnen wie den Besuch der Handpuppe „Taffy“ in Kindergärten, die Kindern vermittelt, dass sie „nein“ sagen dürfen.

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Zur Aufgabe des Kinderschutzzentrums gehört es auch, solchen Verdachtsmomenten nachzugehen. Es gibt einzelne Fälle, in denen die Vermutungen falsch sind – doch oft trafen sie in den vergangenen Monaten in Dortmund zu.

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Die meisten Fälle kommen an der Gutenbergstraße an, wenn sie schon bei der Polizei zur Anzeige gebracht worden sind. Es geht dann für Ursula Nutt-Pohl und ihr Team darum, möglichst schnell die richtige Hilfe für die Betroffenen zu finden. „Ein davon unbeeinflusstes Leben ist nie mehr möglich. Aber bei guter frühzeitiger Unterstützung ist es möglich, einen relativ normalen Umgang zu finden.“

Spendenkonto

So können Sie das Kinderschutzzentrum unterstützen

  • Die Beratungsstelle in Dortmund bekommt Fördergeld für zwei Personalstellen in der Kindertherapie und Traumatherapie.
  • Viele Bausteine des Angebots sind immer noch über Spenden finanziert, etwa die niedrigschwellige Beratung zur sexuellen Gewalt und die oftmals notwendige Traumafachberatung.
  • Das ist das Spendenkonto des Kinderschutzzentrums: IBAN DE66440501990001054007, BIC: DORTDE33.
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