Komplett-Ausfall im ÖPNV: So lief der Nahverkehrs-Streik in Dortmund

hzWarnstreik

Was passiert mit Dortmunds Straßennetz, wenn 320.000 Fahrten mit Bussen und Stadtbahnen wegfallen? Beim Warnstreik am Dienstag, der den ÖPNV der Stadt lahmlegte, wurde diese Frage beantwortet.

Dortmund

, 29.09.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bedeutend vollere Straßen als sonst, aber kein Verkehrschaos - so lautet die Kurz-Bilanz des Warnstreiks in Dortmunds öffentlichen Nahverkehr am Dienstag.

Alle Stadtbahnen und Busse des Nahverkehrsbetreibers DSW21 blieben wegen des aktuellen Tarifkonflikts zwischen Verdi und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber den ganzen Tag über in ihren Depots. Zehntausende Menschen, die sonst Dortmunds ÖPNV aktuell täglich für rund 320.000 Fahrten nutzen, mussten sich andere Wege zur Arbeit oder für ihre Besorgungen organisieren.

Jetzt lesen

Am Hauptbahnhof folgte am morgen ein Taxi dem nächsten. Ein Stadttaxi-Fahrer berichtete, dass er dreimal so häufig gefahren sei wie normalerweise um diese Uhrzeit.

„So bin ich noch nie durch Dortmund gefahren“

Aus einem dieser Taxis stieg Tanja Rohr: Sie hatte ihre Mutter in Dortmund besucht und musste mit dem Zug weiter nach Leipzig. Von dem Streik hatte sie mitbekommen und deswegen extra früh ein Taxi bestellt. „So bin ich noch nie durch Dortmund gefahren“, sagte sie und lachte.

Tanja Rohr am Hauptbahnhof: Die Dortmunderin hatte ihr Taxi extra früh bestellt, um ihren Zug nicht zu verpassen.

Tanja Rohr am Hauptbahnhof: Die Dortmunderin hatte ihr Taxi extra früh bestellt, um ihren Zug nicht zu verpassen. © Anne Schiebener

Da die Stockumer Straße komplett voll war, fuhr der Fahrer über Schleichwege zum Hauptbahnhof. Als sie ankam, hatte sie noch eine halbe Stunde Luft, bis ihr ICE fuhr.

Auf den großen Straßen staute sich der Verkehr im morgendlichen Berufsverkehr teils stark. Auf der Westricher Straße zwischen Lütgendortmund und Westrich beispielsweise dauerte eine Fahrt über drei Kilometer circa doppelt so lange wie normalerweise. Auf der Hamburger Straße stand man teilweise eine halbe Stunde, bis man auf den Wall fahren konnte.

Auch auf der Ruhrallee und der Märkischen Straße gab es lange Staus. Gleichzeitig lief der Verkehr auf der B1 von Westen in die Stadt hinein meist flüssig.

Auf der B1 lief der Verkehr am Mittwochmorgen gegen 8.20 Uhr trotz des Streiks entspannt.

Auf der B1 lief der Verkehr am Mittwochmorgen gegen 8.20 Uhr trotz des Streiks entspannt. © Oliver Schaper

An der Kreuzstraße im Kreuzviertel mit ihren vier Schulen nebeneinander ging der Stau mit Schulbeginn so schnell vorbei wie er kam. Wer „nur mal eben“ das Kind an der Straße rauslassen oder mitten auf der Straße wenden wollte, handelte sich den Ärger der anderen Fahrer ein.

Zum Schulschluss um 13.30 Uhr war es hingegen deutlich voller, weil die Eltern früher da waren und warteten. Viele parkten hintereinander in zweiter Reihe. Als ein großer Lkw kam, ging für ein, zwei Minuten nur in Schrittgeschwindigkeit weiter.

Jetzt lesen

Immer wieder strandeten im Laufe des Tages Menschen an verlassenen Bus- und Stadtbahn-Stationen, die nichts vom Streik mitbekommen hatten. An den großen Knotenpunkten des Dortmunder Stadtbahn-Netzes in der City hatte DSW21 direkt die Türen verschlossen gelassen.

Verdi ist zufrieden mit dem Streiktag

Bei Verdi zeigte man sich zufrieden mit dem Streik. Über 90 Prozent der Beschäftigten hätten die Arbeit niedergelegt, sagte Michael Schneider. Das 57-jährige Gewerkschaftsmitglied war bis vor einem Monat selbst Busfahrer bei DSW21. Jetzt ist er nach 31 Jahren auf dem Fahrersitz Sicherheitsbeauftragter bei DSW21.

Auch wenn der bundesweite Streik viele Menschen ärgere, sei er notwendig, sagt Schneider. Im Nahverkehr gehe es im Gegensatz zum grundsätzlichen Tarifstreit im öffentlichen Dienst noch nicht einmal um Geld, sondern um bessere Arbeitsbedingungen und mehr Personal.

Jetzt lesen

Die Dienstpläne seien auf Kante genäht, es gebe kaum Zeit für Pausen, sagt Schneider. Er nennt ein Beispiel: „Im Sommer trinken die Fahrer trotz der Hitze extra wenig, damit sie möglichst selten aufs Klo müssen, weil dafür die Zeit nicht reicht.“

Weil das kein lokales oder regionales Problem sei, wolle man darüber auf Bundesebene verhandeln. Da die Arbeitgeber weiter in jedem Bundesland einzeln verhandeln wollen und sich gegen einen bundesweiten Tarifvertrag sperren, entschied sich die Gewerkschaft für den Streik. „Warum soll der Kollege in Thüringen länger fahren müssen als wir?“, fragt Schneider. „Da geht es um Fairness.“

Lesen Sie jetzt