Kondomautomaten in Dortmund: Gutes Geschäft in der „Schmuddel-Ecke“

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Kondomautomaten sind verbreitet in der Stadt, doch sie stehen oft in der verstecktesten Ecke. Dabei sind sie wichtig. Ein Blick auf ein urbanes Phänomen, ganz ohne Kichern und Erröten.

Dortmund

, 22.02.2020, 09:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Über die ganze Stadt verteilt gibt es Automaten für Kondome und mehr. Das „Verhüterli“ ist längst nicht mehr der einzige Inhalt: Für 3 bis 5 Euro gibt es Sex-Spielzeug, Gleitcreme oder angeblich potenzsteigernde Präparate.

Die Automaten hängen häufig immer noch in der „Schmuddelecke“ - auf Toiletten in Kneipen, Diskotheken oder an Raststätten. Trotz eines Wandels im Zeitgeist, in dem Verhütung zumindest in einer breiten Mehrheit der Bevölkerung als klug und nicht mehr als peinlich gilt. In einer Zeit, in der Internetportale für erotisches Spielzeug Werbespots zur besten Sendezeit schalten.

Ein erfolgreiches Uralt-Exemplar auf der Toilette eines beliebten Dortmunder Brauhauses

Im Untergeschoss der „Hövels Hausbrauerei“ am Wall hängt ein „Kondomat“. Ein gepflegtes, aber altes Exemplar in der Farbkombination gelb und orange und mit Zugschubladen. Darin: „Billy Boy“-Kondome, Produkte namens „Vibro Ring“ und „Love Pussy“ und ein Energie versprechendes Präparat von „Doc Hammer“.

Aus der „Hövels Hausbrauerei“ heißt es auf Anfrage dieser Redaktion, dass sich der vor fünf Jahren installierte Automat lohne. Schließlich verursache er keine Kosten und der Aufwand sei gering.

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Woher der Umsatz kommt, darüber möchte man nicht spekulieren. Eine Vermutung: .„Wir haben viele Junggesellinnen- und Junggesellenabschiede, bei denen die Spielzeuge als Witz gekauft werden.“

Dominik Bögershausen ist Inhaber des Betriebs, der diesen und 34 weitere Kondomautomaten in Dortmund unterhält. „Es rechnet sich definitiv“, sagt er.

Alle sechs Wochen werden die Automaten gereinigt und neu befüllt

Alle sechs bis acht Wochen würden die Automaten gereinigt und neu befüllt.

Die Gastronomen werden mit 25 Prozent an den Umsätzen beteiligt. Das Gerät im Brauhaus an der Thier-Galerie sei das Letzte in NRW mit Zugschubladen.

Insgesamt geht die Zahl der Kondomautomaten zurück. „Man kann es nicht mehr mit den 90er Jahren vergleichen“, sagt Dominik Bögershausen.

Sein Anspruch an das Angebot ist hoch. Qualitätsstandards wie Kondome „Made in Germany“ oder qualitativ hochwertiges Sex-Spielzeug seien wichtig. „Es gibt auch in dieser Branche schwarze Schafe“, sagt er.

Wer sind die Kunden und was kaufen sie?

Paul Brühl, Geschäftsführer des Verbands Automaten-Fachaufsteller (VAFA) und damit oberster Vertreter von rund 2,5 Millionen Geräten in Deutschland, sagt: „Die Automaten haben ihre Daseinsberechtigung. Sie stehen dort, wo sie gebraucht werden.“

Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg solcher Geräte seien dabei der Standort und die Präsentation. „Es ist die Frage, ob es in der letzten Ecke steht oder ob so etwas auch dekorativ sein kann. Wenn man sich nichts einfallen lässt, begeistert man niemanden“, sagt Paul Brühl.

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Es bleibt die Frage: Wer wirft eigentlich Geld in diese Automaten? Aufsteller Dominik Bögershausen sieht seine Kunden nicht, aber er weiß, wie sie kaufen. Eine Erkenntnis: Im Innenbereich kaufen die Leute eher Spielzeug, an Außenautomaten vor allem Kondome. Und: „Viele Menschen schätzen die Anonymität der Automaten.“

Initiative setzt sich für Kondomautomaten an Schulen ein

Die Automaten in den „Schmuddel-Ecken“ sind eine Seite des Phänomens. Einen ganz anderen Weg, Kondomautomaten und das Thema Verhütung in das öffentliche Bewusstsein zu bringen, verfolgt die Initiative „Jugend gegen Aids“ mit Sitz in Hamburg.

Vor zwei Jahren ist ein Projekt gestartet, Kondomautomaten an Schulen aufzuhängen an zunächst zehn Standorten in ganz Deutschland. In Dortmund steht noch kein Automat, aber es gab schon Kontakt zu Schulen in der Region.

„Wir möchten erreichen, dass Kondome kaufen zu etwas wird, über das man nicht mehr nachdenkt, so wie Taschentücher oder warme Schuhe kaufen. Wir sehen Kondome als Teil der Gesundheitsversorgung. Man geht ja auch einmal im Jahr zum Zahnarzt“, sagt Marlon Jost von „Jugend gegen Aids“.

Vorschnelle Schlussfolgerungen von Eltern - und wie sie widerlegt werden

Doch in der Regel ließen sich vorschnelle Schlussfolgerungen von Eltern wie „Wenn Automaten an den Schulen hängen, haben junge Menschen mehr Sex“ schnell widerlegen. Schließlich hätten Eltern letztlich ein Interesse an der Gesundheit ihrer Kinder – und daran, nicht schon frühzeitig Großeltern zu werden.

Dazu bildet der Verein mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums Jugendliche zu sogenannten „peers“ aus. Sie werden fachlich geschult und sprechen dann mit Gleichaltrigen über das Thema Sexualität und Verhütung. „Auf Augenhöhe, in ihrer eigenen Sprache und ohne Lehrer“, sagt Marlon Jost. An dieser Aktion waren bereits Dortmunder Schüler beteiligt.

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