Kontaktsperre in Dortmund: Wie viel Kontrolle ist genug?

hzCoronavirus in Dortmund

Die Dortmunder erleben einen kollektiven Kontrollverlust. Zugleich werden sie kontrolliert. Manchen ist das zu wenig. Andere brechen die Regeln. Das sagt viel über die menschliche Psyche aus.

Dortmund

, 19.04.2020, 14:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist ein Zustand, der den Bewohnern dieser Stadt noch eine Weile erhalten bleibt. Bis mindestens zum 4. Mai gelten Kontaktsperre und Ansammlungsverbot in Dortmund. Bis zu diesem Zeitpunkt werden deshalb weiterhin verschiedene städtische Mitarbeiter und Polizisten kontrollieren, ob die Regeln eingehalten werden.

Der weitaus überwiegenden Anzahl an Dortmundern gelingt das. Dennoch mündeten die zurückliegenden Wochenenden stets in einer Diskussion mit ähnlicher Dynamik.

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Es gibt Kontrollen, in größerer Zahl als vermutlich jemals zuvor. Allein die Stadt Dortmund derzeit mit 100 Mitarbeitern auf Straßen und rund um Grünflächen unterwegs.

Es gibt viele Dortmunder, denen die Kontrollen nicht streng genug sind

Viele Dortmunder äußern aber zugleich die Wahrnehmung, dass diese Kontrollen nicht streng genug seien. Es müssten noch mehr Menschenansammlungen aufgelöst und Strafen ausgesprochen werden. Die Zahl der Fremdanzeigen von Privatleuten ist passend dazu steigend.

Stadtsprecher Christian Schön berichtet auf Anfrage dieser Redaktion von der „wiederholt geäußerten Erwartungshaltung, dass das Ordnungsamt mit mehreren Hundertschaften Kontrollen flächendeckend auf dem gesamten Stadtgebiet durchführen sollte“.

Stichprobe: 60 von 600.000 Dortmundern sind „Wiederholungstäter“

Um es konkret zu machen: Ein Zwischenblick auf Zahlen, die am langen Wochenende zwischen Karfreitag und Ostermontag erhoben wurden, zeigt: 80 bis 90 Prozent der Dortmunder halten sich an die Regeln. Die Übrigen wurden an den vergangenen Wochenenden im öffentlichen Raum und auch in Privaträumen auf Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung angesprochen und teilweise sanktioniert.

Am Osterwochenende verzeichnete das Ordnungsamt 463 Platzverweise, mündliche Verwarnungen gegen 411 Personen und 63 Einleitungen von Ordnungswidrigkeitenverfahren. Letztere betreffen zum größten Teil Wiederholungstäter, die zuvor schon verwarnt worden waren.

Es gibt also umgerechnet auf die Dortmunder Gesamtbevölkerung einen Unbelehrbaren unter 10.000 Dortmundern. „Immer mehr Menschen akzeptieren die Regeln. Jedoch ist auch anzumerken, dass Personen vereinzelt gereizt und aufgebracht auf die Kontrollen reagieren“, sagt Stadtsprecher Christian Schön.

Das sagt ein Psychiater zum Umgang mit dem Thema Kontrolle

Woher kommt dieser indifferente Umgang mit den Regeln, die für alle neu sind? Für den Psychiater Hans-Joachim Thimm, Erster Oberarzt an der LWL-Klinik in Aplerbeck, zeigt sich in der aktuellen Lage die immense Bedeutung des Themas Kontrolle für die menschliche Psyche. „Wir können gar nicht ohne Kontrolle. Sie ist zunächst einmal positiv konnotiert, weil sie unser Leben möglich macht“, sagt Thimm.

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Doch der Mensch fürchte nichts mehr als Kontrollverlust. Das führt in einer Ausnahmesituation wie dieser, wo viele sonst frei getroffene Entscheidungen fremdbestimmt sind, zu unterschiedlichen extremen Reaktionen.

Wer sich Regeln widersetze, tue dies oft aus dem Gefühl von Machtverlust über das eigene Handeln in Verbindung mit fehlenden Vertrauen heraus. „Je mehr Kontrolle von außen kommt, umso mehr Widerstand gibt es“, sagt Thimm. Dieser Widerstand könne viele Formen haben, von offenem Protest über Heimlichkeit bis zur Manipulation.

Ruf nach mehr Kontrolle kann ein Ausdruck von Angst sein

Dass viele Menschen in solchen Zeiten nach mehr Kontrolle rufen, hat aus Sicht des Dortmunder Psychiaters seine Ursache vor allem in der Angst. „Je größer die Angst, desto heftiger ist das Kontrollbedürfnis“, sagt Hans-Joachim Thimm.

Zudem kehre eine kollektive Erfahrung wie die Coronakrise in den Menschen unterschiedliche Seiten hervor, die sonst durch soziale Kontrolle unsichtbar bleiben. Das könne die gute solidarische Seite sein. Aber eben auch eine schlechte, denunziatorische.

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Dass manche Menschen in der Krise die Lust an der Kontrolle entdecken, führt in Dortmund zu einer absurden Situation. Polizei und Ordnungsamt erklären gerade öffentlich, warum sie nicht mehr kontrollieren wollen und können, während die Bürger danach rufen, mehr kontrolliert zu werden.

Polizei und Ordnungsamt wollen und können nicht mehr kontrollieren

Die Polizei Dortmund hatte nach Ostern ein Statement veröffentlicht, in dem sich Polizeipräsident Gregor Lange gegen eine „lückenlose Kontrolle und Überwachung“ aussprach. Dies sei in einer Demokratie „weder geboten noch erfolgversprechend“.

Zugleich hatte der Dortmunder Polizeipräsident den Einsatz von Drohnen zur Überwachung von Grünflächen verteidigt.

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Für die Stadt Dortmund verweist Sprecher Christian Schön darauf, dass es im ganzen Stadtgebiet rund 420 Grünanlagen mit Aufenthaltscharakter gebe. Hinzu kämen die Wälder in Dortmund, Sport- und vor allem für die Spielplätze. „Es ist nahezu unmöglich überall gleichzeitig und permanent vor Ort zu sein. Kontrollen können also letztlich nur Stichproben sein.“

Die Dortmunder „Hotspots“ werden weiterhin geöffnet bleiben

Es gebe Kontrollen im gesamten Stadtgebiet, mit Schwerpunkten auf stark frequentierte Grünanlagen wie Fredenbaumpark, Rombergpark oder Westpark sowie auf publikumsintensive Orte wie den Phoenix-See.

„Die Schließung sogenannter Hotspots ist aktuell nicht beabsichtigt. Die Stadt Dortmund hat ein hohes Interesse daran, die Bevölkerung nicht mehr als zwingend notwendig zu beschränken und die Nutzung von Naherholungsgebieten als Ausgleich zu anderen Einschränkungen im privaten und beruflichen Bereich zu erhalten“, sag Christian Schön.

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Sowohl auf Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung als auch gegen die Corona-Schutzverordnung haben die Dortmunder Stadt und Polizei am Karfreitag (10.4.) fleißig kontrolliert.

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