Dortmunder Krankenhaus spricht offen über Patienten-Übergriffe in der Psychiatrie

hzKnappschaftskrankenhaus Lütgendortmund

Würgen, spucken, beleidigen: Was ist wirklich los in einer Psychiatrischen Klinik? Das Knappschaftskrankenhaus Lütgendortmund erlaubt einen Blick hinter die Kulissen.

Lütgendortmund

, 19.09.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schlagzeilen über gewalttätige Übergriffe auf medizinisches Personal häufen sich. Auch im Knappschaftskrankenhaus Lütgendortmund gab es jüngst einen solchen Fall: Ende Juni attackierten und verletzten zwei Söhne einer verstorbenen Patientin eine Ärztin und eine Pflegerin.

Wenig später erreichte diese Redaktion ein anonymer Hinweis, durch den ein weiterer Fall bekannt wurde: In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie schlug ein Patient mit einem Stuhl auf eine Pflegerin und einen Pfleger ein. Beide Kräfte waren anschließend arbeitsunfähig.

Beide Vorkommnisse seien absolute Einzelfälle, erklärt Pressesprecher Hans-Peter Wolter. Und: Die Vorfälle stünden in keinerlei Zusammenhang, betont er. Die zunehmende Gewaltbereitschaft von Angehörigen gegenüber Mitarbeitern wie im Fall der randalierenden Söhne sei eine gesellschaftliche Entwicklung. In der Psychiatrie hingegen entstünden Konfliktsituationen durch psychische Erkrankungen oder Suchtproblematiken, so Wolter.

Dortmunder Krankenhaus spricht offen über Patienten-Übergriffe in der Psychiatrie

Hinter dieser Scheibe nimmt Pfleger Frank Joscheck die Patienten für den stationären Aufenthalt auf. © Beate Dönnewald

„Keine Aggressionen, sondern ein Ausdruck innerer Not“

Aufgrund der jüngsten Stuhl-Attacke wollte diese Redaktion wissen: Was ist wirklich los in einer Psychiatrischen Klinik? Frank Joscheck, seit mehr als 20 Jahren Aufnahme-Pfleger in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, möchte das Thema „Patienten-Übergriffe“ weder dramatisieren noch bagatellisieren.

In der Psychiatrie gehöre es einfach dazu, dass jemand im Rausch oder Wahn Abwehrreaktionen zeige, sagt der 55-Jährige. „Diese Übergriffe sind keine Aggressionen, sondern ein Ausdruck innerer Not.“ Teilweise würden Menschen aufgrund von Unterbringungsbeschlüssen gegen ihren Willen behandelt, „da steigern sich in der Erregung schon mal die Ausdrucksmittel“.

Gerade erst habe ihm ein Patient die Tabletten ins Gesicht gespuckt. „Das nehme ich nicht persönlich. In dem Moment bin ich für ihn nicht Frank Joscheck, sondern der Vertreter der Institution, die er gerade nicht besonders wertschätzt.“

Auch verbale Beleidigungen wie „Du siehst aus wie aus dem Gully gezogen“ oder „du Bombenleger, du Niete“ verletzten ihn nicht. Allerdings könne er nur für sich sprechen. Adipöse Kollegen würden gelegentlich wegen ihres Umfangs beleidigt, Kolleginnen müssten sich anzügliche Bemerkungen anhören.

Dortmunder Krankenhaus spricht offen über Patienten-Übergriffe in der Psychiatrie

Krankenhaus-Leiter Matthias Wagner, Dr. Christian Koßmann, Aufnahme-Pfleger Frank Joscheck und Verwaltungsleiter Lukas Tacke (v.l.) zeigen hier die Komfortstation der Psychiatrischen Klinik. © Beate Dönnewald

„Tätliche Angriffe haben nicht zugenommen“

Tatsächlich habe er persönlich nur ein einziges Mal Gewalt erfahren, erzählt Joscheck. Ein aggressiver Patient im Raucherraum habe ihn auf seine Frage „Was ist hier los?“ vor die Tür geworfen und gewürgt. „Er hat aber schnell wieder von mir abgelassen. Ich habe heute noch Kontakt zu ihm, immer wenn wir uns sehen, entschuldigt er sich dafür.“

Tätliche Übergriffe in der Psychiatrie haben seiner Meinung nach nicht zugenommen, auch wenn Studien zu anderen Ergebnissen kommen. „Es wird nur viel mehr thematisiert als früher. Dadurch entsteht der Eindruck, dass es mehr geworden ist.“ Mit dem leitenden Oberarzt Dr. Christian Koßmann (50) stimmt Joscheck aber überein, dass aufgrund von unklarem Drogenkonsum heute mehr Aggressionen als früher im Spiel sind. „Man weiß bei vielen nicht, was sie konsumiert haben, bei ihnen sinken die Hemmschwellen“, sagt Dr. Koßmann.

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Das Knappschaftskrankenhaus Lütgendortmund setzt auf das Prinzip der offenen Türen. Eine Flurwache hat rund um die Uhr die Ausgangstür im Blick. © Beate Dönnewald

Eine Statistik über Patienten-Übergriffe führt das Krankenhaus nicht. Die Zahlen seien nicht valide, sagt Dr. Koßmann. Zum einen würden Übergriffe manchmal gar nicht gemeldet, zum anderen gebe es keine klare Definition dafür. „Das wird innerhalb eines psychiatrischen Teams ganz unterschiedlich bewertet.“

Zu Gewalttätigkeiten komme es aber generell sehr selten, sagt Krankenhaus-Leiter Matthias Wagner (29), was die Klinik vor allem auf das Deeskalationstraining und das Prinzip der offenen Tür zurückführt. Schwere sexuelle Übergriffe habe es noch nie gegeben.

Deeskalationstraining und Grifftechniken ohne Schmerzpunkte

Das Deeskalationstraining leitet Frank Joscheck. „Die Mitarbeiter lernen zu erkennen, wann sich eine Situation kritisch entwickelt. Dafür gibt es Anzeichen in der Körpersprache, in der Mimik, im Ton. Sie holen den Menschen in der Erregung ab.“ Manchmal sei eine körperliche Schlichtung erforderlich. „Dafür vermitteln wir Grifftechniken ohne Schmerzpunkte.“

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Mit diesem Notfall-Knopf sind alle Mitarbeiter der Psychiatrischen Klinik ausgestattet. © Beate Dönnewald

Den Vorteil der „offenen Türen“ erklärt Dr. Koßmann: „Weil die Türen offen sind, weil es keine Gitter am Fenster gibt, entstehen weniger zwanghafte Situationen, so geht viel Spannung raus.“ Stattdessen passe eine Flurwache auf. „Sie spricht mit den Patienten, ist verständnisvoll und hilfsbereit.“

Unterschiedliche Alarmierungsstrategien

Trotz aller Vorkehrungen könnten gewalttätige Übergriffe aber nie ganz ausgeschlossen werden. Im jüngsten Fall sei kein Fehler gemacht worden, betont Koßmann. „Dieser Fall ist für alle Beteiligten schlimm. Deshalb müssen wir im Team überlegen: Wie gehen wir damit um? Welche Faktoren haben die Situation begünstigt?“

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Kommt es zu einem Notfall auf einer psychiatrischen Station, kann über eine Kurzwahl die Information des Krankenhauses benachrichtigt werden. © Beate Dönnewald

In einem Notfall greifen verschiedene Strategien: „Jeder Mitarbeiter hat einen Notrufknopf, der über WLAN funktioniert. Sobald er gedrückt wird, geht auf den anderen Stationen der Alarm los. Alle Mitarbeiter sind angehalten, sich sofort einzufinden“, erklärt Matthias Wagner. Auch übers Telefon kann Alarm ausgelöst werden: „Über den psychiatrischen Notruf werden kaskardenartig immer mehr Nummern angerufen, der allgemeine Notruf stellt eine Verbindung zur Information her“, so der Krankenhaus-Leiter.

Jeder Mitarbeiter, der verbal oder tätlich angegriffen wurde, betont Matthias Wagner, werde auf Wunsch durch die Klinik medizinisch, psychologisch und juristisch unterstützt. Im Falle einer Arbeitsunfähigkeit sei das medizinische Personal zudem durch die Berufsgenossenschaft abgesichert.

Jährlich 1500 stationäre Patienten

  • Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Knappschaftskrankenhaus Lütgendortmund, Volksgartenstraße 40, ist eine Abteilungspsychiatrie, die für rund 150.000 Einwohner zuständig ist.
  • Sie betreut pro Jahr etwa 1500 Patienten stationär, dazu circa 250 teilstationär in der Tagesklinik. In der Psychiatrischen Institutsambulanz (Pia) werden pro Jahr bis zu 30.000 Patientenkontakte registriert.
  • Es gibt eine Intensiv- und eine Komfortstation sowie vier Stationen mit unterschiedlichen Schwerpunkten: affektive Erkrankungen (Depressionen), Suchterkrankungen (Alkohol, Tabletten), Psychosen (Halluzinationen, Wahn, Realitätsverlust, Ich-Störungen) und eine Station für ältere Patienten.
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