Landwirt aus Grevel: „Wir wollen nicht die Sündenböcke für alles sein“

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Auch Friedrich Mertin aus Grevel nahm an der Treckerdemo Anfang der Woche teil. Im Interview erklärt er seine Beweggründe dafür und was er an der momentanen Agrarpolitik für falsch hält.

Grevel

, 29.11.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Anfang der Woche fuhren über 200 Trecker über die B1, um gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung zu protestieren. Auch Friedrich Mertin vom gleichnamigen Hof in Grevel war mit drei Traktoren vertreten. Wir sprachen mit ihm. Ein befreundeter Landwirt aus Salzkotten, Simon Weilandt, der dort eine Erdbeer-Plantage betreibt, war dabei.

Hallo Herr Mertin, hallo Herr Weilandt, wie sehen Sie die Demo im Nachhinein?

Wir waren etwas enttäuscht, dass die Bauern aus dem Rheinland und aus Bochum an der Stadtgrenze festgehalten wurden und erst abends weiterfahren durften. Wenn sie ebenfalls von Anfang an dabei gewesen wären, wären es viel mehr Trecker gewesen. Wir verstehen das nicht. Das Demonstrationsrecht gilt doch für alle.

Dortmunds City-Straßen sind momentan voller Baustellen, und wir sind in der Vorweihnachtszeit. Haben Sie auch Reaktionen erhalten wie: „Ach, jetzt kommt Ihr auch noch?“

Nur vereinzelt. Die meisten Leute, die wir am Straßenrand gesehen haben, haben den Daumen nach oben gereckt. Auch die Fahrer von Lkw auf der Gegenfahrbahn haben das gemacht.

Bitte erklären Sie noch einmal, wogegen Sie genau protestiert haben.

Gegen immer schärfere Auflagen, die uns das Leben immer schwerer machen. Wichtig ist uns, klarzumachen, dass wir nicht gegen die Natur sind, sondern dafür. Es gibt überhaupt keinen Landwirt, der gegen den Naturschutz ist. Wir leben sogar von der Natur. Für große Teile der Gesellschaft sind wir Landwirte momentan die Sündenböcke, die für alles herhalten müssen: das Insektensterben, das Quälen von Tieren, die Luftverschmutzung und natürlich den Klimawandel. Im Gegenteil: Wir leiden am meisten unter dem Klimawandel.

Das müssen Sie erklären.

Ein Beispiel: Weil es auch bei uns immer wärmer wird, breiten sich Schädlinge, die sonst nur in südlichen Ländern beheimatet sind, immer mehr nach Norden aus. Die extrem schädliche Kirschessigfliege zum Beispiel. Die kann man im Grunde nur mit Chemie bekämpfen. Oder man muss die gesamten Pflanzen unter ein Netz legen. Aber dann haben auch keine Bienen und Insekten eine Chance, raus oder rein zu kommen.

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Also sollten Pflanzenschutzmittel weiterhin erlaubt sein.

Nur im Rahmen dessen, was wirklich nötig ist. Schließlich schützen Pflanzenschutzmittel die Pflanzen. Auch düngen wollen wir nur bedarfsgerecht. Es kann nicht sein, dass die Regierung ausschließlich mit Vertretern von Organisationen wie dem BUND spricht, aber nicht mit uns. Da muss ein vernünftiger Mittelweg gefunden werden. Übrigens ist es ein Irrglaube anzunehmen, dass ein Bio-Hof ganz ohne Pflanzenschutzmittel auskommt. Was viele Menschen einfach nicht wissen, ist, dass gerade die Landwirte enorm viel für die Natur tun.

Landwirt aus Grevel: „Wir wollen nicht die Sündenböcke für alles sein“

Friedrich Mertin hat neulich einen Preis für eine neue Maschine erhalten, die unter anderem zu einem reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln führt. © Andreas Schröter


Inwiefern?

Obstbäume haben eine Lebensdauer von 15 Jahren. In dieser Zeit bilden sich auf den Grünstreifen zwischen den Bäumen regelrechte Biotope, die Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen sind. Wir legen Blühstreifen an mit vielen Blüten für die Bienen, und wir kaufen Hummeln hinzu, um nur ein paar wenige von vielen Beispielen zu nennen.

Herr Mertin, was bedeutet es konkret für Ihren Hof, wenn die Gesetze bleiben wie sie sind oder sich verschärfen?

Es wird immer enger. Ich weiß, dass viele Landwirte einfach momentan schiere Existenzangt haben. Wenn Pflanzenschutzmittel verboten werden, müssen ganz viele Betriebe schließen. Und daran hängen ja auch Arbeitsplätze. Wir haben auch eine soziale Verantwortung.

Haben Sie das Gefühl, dass die Treckerdemo etwas genutzt hat?

Ja, doch. Der Agrargipfel mit Frau Merkel wäre wahrscheinlich ohne die Demo nicht zustande gekommen.

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