Mann täuschte sein ganzes Leben nur vor – Ganze Familie fiel drauf herein – Es war ihr Tod

hzTheater Dortmund

Die Motive von Mördern und ihre Taten sind ein beliebtes TV-Format, füllen aber auch Bücher. Am Schauspielhaus wird nun „Der Widersacher“ gespielt - nach einem wahren Fall aus Frankreich.

Dortmund

, 11.12.2019, 14:33 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn das Ende nicht so tragisch wäre, könnte man von einer Langzeit-Performance oder einem ambitionierten Schelmenstück sprechen: Viele Jahre führte Jean-Claude Romand seine Frau, Nachbarn und Bekannte hinters Licht.

Er tischte allen das Märchen auf, dass er Mediziner sei, beschäftigt bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Jeden Tag verließ er das Haus, er ging für die WHO auf „Dienstreisen“, er lebte die Lüge so perfekt, dass er damit durchkam. Bis ihm 1993 die Sicherungen durchbrannten.

Er brachte Frau und Kinder um, anschließend seine Eltern, dann nahm er Schlaftabletten - und überlebte.

Buch über den Fall

Emmanuel Carrère hat ein Buch („Der Widersacher“) über den Fall geschrieben, einen Tatsachenroman auf Basis von Recherchen, um Täter und Tat zu verstehen.

„Der Widersacher“ heißt auch die Bühnenfassung, die Ed Hauswirth (Regie) und Dramaturg Matthias Seier entwickelt haben. Das Stück läuft aktuell im Studio des Schauspielhauses.

Zu sehen gibt es keinen Krimi, sondern das Protokoll einer traurig-komischen Verirrung, an deren Ende eine Sackgasse und fünf Morde warten. Wie getrieben muss jemand sein, der viele Jahre ein Doppelleben führt, für das er einen wahren Lügenpalast erbaut? Wie mag es in diesem Menschen aussehen?

Keine Chronik eines Verbrechens

Das Stück ist keine Verbrechens-Chronik wie Truman Capotes „Kaltblütig“. Es thrillert nicht sonderlich, weil es mehr auf eine Milieustudie mit grotesken Zügen hinausläuft.

Hauswirth und Seier arbeiten mit humorigen Tönen (manchmal aufgesetzt und zu grell), wenn sie ihre Darsteller zum Casting antreten lassen. „Ich wäre die Richtige für die Rolle von Romands Frau, ich würde mich ihr über Körperbilder nähern.“

In einer weiteren Volte spielt Uwe Rohbeck den Romanautor Carrère, der seine Begegnung mit dem Inhaftierten reportiert. Der Blick auf den Mörder ist kaleidoskopisch gesplittert, die Wahrheit über ihn mag bloß eine gefühlte sein.

Polizeibericht und Zeugenaussagen

Formal ist das eine Collage, die Polizeibericht und Gerichtsprotokolle mit Zeugeninterviews, Bekenntnissen Romands und Spielszenen verschneidet. Drei Rollen sind doppelt besetzt, die Figur tritt jung und alt auf, im Damals und im Heute.

Personelle Rochaden und der Wechsel der Erzählebenen machen das Stück unterhaltsam. Marlena Keil verausgabt sich als Hysterikerin, Caroline Hanke lässt gallige Wut aufblitzen, Björn Gabriels Luc plappert sich um Kopf und Kragen.

Wir erfahren, wo die Lüge den Anfang nahm. Der Charakter des Hochstaplers und Mörders bleibt undurchsichtig: Sensibel? Geltungssüchtig? Darauf müssen wir uns selbst den Reim machen.

Zu sehen noch am 13. und 29. Dezember, auch am 12.,16. und 26. Januar, Karten unter Tel. 0231 / 50 27 222.

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