Meine Bildschirme, die Isolation und ich

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Die Coronavirus-Krise hat unsere Leben verändert. Meines besteht derzeit aus Bildschirmen. Wie wir mit der Isolation umgehen, verrät vielleicht ein wenig darüber, wer wir sind.

Dortmund

, 12.04.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der dunkle Zauberer Tom Riddle, in den Harry-Potter-Büchern besser bekannt als Lord Voldemort, hat seine Seele in sieben Teile gespalten und ihre Bruchstücke an Gegenstände gebunden. In meiner Wohnung gibt es sieben Bildschirme. Jene nicht mitgezählt, die seit Jahren in einer Schublade liegen oder nur die Zeit auf der Mikrowelle anzeigen. Ich beginne, gewisse Parallelen zwischen mir und Tom Riddle zu sehen.

Seit Mitte März bin ich in freiwilliger Isolation. Um diese sieben Bildschirme herum gestalte ich gerade mein Leben. Das Coronavirus, das die größte Krise in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat, lässt Vieles verschwinden. Was bleibt, sind Strategien zur Bewältigung dieser Realität.

Familie - Nokia 7.1

Mein Smartphone nutze ich dieser Tage vor allem zum Telefonieren mit meiner Familie. Meine Eltern und Großeltern sind die, um die ich mich in dieser Krise am meisten sorge.

Auch junge Menschen können von schweren Verläufe der durch das Coronavirus ausgelösten Erkrankung Covid-19 betroffen sein. Das Gros des Risikos dieser Pandemie tragen jedoch andere. Und viele Menschen in Deutschland werden an ihrem Ende, wann immer es denn kommt, sagen müssen: Ich habe einen Verwandten an das Coronavirus verloren.

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In diesem Jahr werden meine Familie und ich zu Ostern zum ersten Mal nicht gemeinsam an einem Tisch sitzen. Das tut weh, doch diese Ostertage verlangen von uns andere Opfer als Lämmer. Und vermutliche komme ich in meiner Familie damit noch am besten zurecht.

Arbeit - Dell Latitude 5480 / Apple iPhone 8

Mein großes Glück in der Krise ist, dass ich arbeiten kann. Die Maßnahmen zum Infektionsschutz werden wirtschaftliche Existenzen vernichten. Kleine Unternehmen und Selbstständige wird es am härtesten treffen. Und auch für einige Monate mit weniger Einkommen auskommen zu müssen, ist für viele nicht leicht. Ich mache Homeoffice.

Meine Arbeits-Bildschirme sind mein Dienst-Notebook und mein Dienst-Handy. Jeden Morgen schaltet sich die Redaktion zu einer Videokonferenz zusammen. Ich kenne jetzt die beeindruckende Plattensammlung eines Kollegen, die wunderschöne offene Holzbalkendecke einer anderen.

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Und noch etwas fällt auf, beobachtet man die diversen Videoschalten von Berühmtheiten, Experten und Entscheidungsträgern: Durch diese eingebaute Notebook-Kamera sehen alle irgendwie ein bisschen gleicher aus.

Natürlich gibt es Berufe, die man nicht aus dem Homeoffice erledigen kann. Allen voran müssen da die Mediziner genannt werden. Aber die Videosprechstunde, die ich jüngst mit einem Dortmunder Facharzt hatte, zeigt, dass jetzt Lösungen gefunden werden, von denen manche auch nach der Krise Entlastungen schaffen könnten.

Freundschaft - Microsoft Surface Pro 7

Nicht nur Arbeitskollegen und Ärzten begegne ich über einen Bildschirm – auch meinen Freunden. Einige von ihnen wohnen keine 200 Meter Luftlinie von mir entfernt. Für unsere abendlichen Videokonferenzen nutzen wir das, zurecht von Datenschützern kritisierte, Tool „Zoom“. So halten wir uns gegenseitig davon ab, dass uns die Decke zu hart auf den Kopf fällt.

Einer meiner Freunde ist glücklicherweise sowas wie ein professioneller Freizeitgestalter. Er hat uns zusammen mit seiner Partnerin liebevoll Spielmaterial gebastelt und uns in die Briefkästen geworfen – für digitale Spieleabende. Manche meiner Freunde, die in anderen Städten leben, sehe ich momentan häufiger als sonst. Die kollektive Isolation hat eben auch etwas Verbindendes.

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Doch dieses Bild hat einen Haken: „Die Romantisierung der Quarantäne ist ein Klassenprivileg“. So stand es erst auf einem Plakat in Peru, das dann per Tweet um die Welt ging. Allerdings hat die Krise, genau so, wie sie an den Klopapierregalen stupiden Egoismus hervorgebracht hat, Hilfsbereitschaft wachgerufen. Den weniger Privilegierten zu helfen ist auch ein fundamental christlicher Gedanke.

Wissen - Samsung S27F350 (zweimal)

Auch, dass ich all diese digitalen Möglichkeiten habe, ist ein Privileg. Ich bin mit der Digitalisierung groß geworden. Mit „Microsoft Encarta“ und „Age of Empires“. Meinen PC habe ich vor etwa zwei Jahren selbst zusammengebaut, später unter anderem um einen zweiten Bildschirm erweitert. Die Mehrheit jener älterer Menschen, die die Isolation besonders hart trifft, weil sie ohnehin zu vereinsamen drohen, hat die Digitalisierung abgehängt.

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In der Coronavirus-Krise gilt mehr als nur „Wissen ist Macht“. Momentan ist Wissen Überleben. Umso mehr macht es mich wütend, wenn Falschinformationen zum Coronavirus verbreitet werden. Wenn es unreflektiert mit der Grippe gleichgesetzt wird. Wenn die aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen kritisiert werden, kaum dass eine erste Wirkung zu erahnen ist.

Auch ich freue mich darauf, wenn ich nach der Isolation zum ersten Mal wieder mit Freunden in der Sonne ein Bier trinken, in den Freizeitpark oder gar in den Urlaub in ein anderes Land fahren kann. Ich freue mich sogar darauf, vermutlich zum ersten mal überhaupt voller Begeisterung vor vollen Supermarktregalen zu stehen. Doch diese Zeit ist noch nicht jetzt.

Zukunft - Samsung UE55NU7170

Der größte Bildschirm in meiner Wohnung ist ein Fernseher ohne Fernsehanschluss. Auf ihm schaue ich die Mediatheken von ARD, ZDF und Netflix. Aktuell die zweite Staffel der Serie „Altered Carbon“. Eine düstere Zukunftsvision, deren zentrale Prämisse lautet: „Du bist nicht dein Körper“ – der digital gespeicherte Geist wurde vom Körper gelöst. Eine Person schlüpft im Laufe von Jahrhunderten in verschiedene Körper.

Die in ständiges Neonlicht getauchte, brutale Welt von „Altered Carbon“ ist für mich immer noch ferne Science Fiction. Drohnen, die Passanten dazu auffordern, sich an die gesetzlichen Abstandsregeln zu halten, waren das bis vor Kurzem allerdings auch.

Ich frage mich dieser Tage oft, was eigentlich meine Rolle in dieser historischen Zeit ist. Was ich tun will, um einen positiven Einfluss zu nehmen. Denn ich bin sicher: Wir erleben gerade den Beginn eines globalen Umbruchs. Da erscheint mir der Gedanke, einfach nur den neuen Regeln zu folgen und einen Weg zu finden, angesichts ihrer mein Leben zu gestalten, reichlich kleinlich.

Das ist Unsinn, denn die aktuelle Krise ist keine individuelle, sondern eine globale. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das zu tun, was ich kann, um die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, und möglichst gut mit meinen Bildschirmen zu leben. Als Journalist darf ich zudem Texte wie diesen hier schreiben. Meine Gedanken an die Öffentlichkeit tragen, Wissen vermitteln, Mut machen.

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In diesen Tagen ist es okay, nicht das Beste aus der Isolation zu machen. Einen Tag oder vier auf dem Sofa zu verbringen. Es ist – auch wenn unsere hollywoodgeprägte Gesellschaft diesen Satz absurd erscheinen lässt – okay nicht glücklich zu sein. Wir durchleben außergewöhnliche, schwierige Wochen und wahrscheinlich Monate. Und wir wissen nicht, wie wir daraus hervorgehen werden.

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