„Wir wählen Westphal“: Wirtschafts-Initiative für den SPD-Kandidaten ist stillos – und schädlich

hzKlare Kante

Führende Wirtschaftsleute haben die Initiative „Wir wählen Westphal“ gegründet. Unser Autor meint: Das ist ungehörig. Und dumm. Sie schaden nicht nur sich, sondern auch dem Kandidaten.

Dortmund

, 17.12.2019, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Früher, als Worte noch weniger verschleiernd daherkamen, hieß es Kungelei. Heute spricht man neudeutsch vom Networking. Das klingt weniger böse, ändert aber an der Sache nichts. Menschen, die was zu sagen haben, treffen sich mit anderen Menschen, die was zu sagen haben, und treffen Absprachen. In einer Kneipe, in einem Restaurant, im Konzerthaus, auf dem Golfplatz oder beim BVB.

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Diskretion ist oberstes Gebot. Was hier besprochen wird, landet in keinem Protokoll, in keiner Akte. Und wenn eine Frage bei einem solchen „informellen Treffen“ ­– ein schönes, zuweilen auch beschönigendes Wort – nicht direkt geklärt werden kann, kennt man bestimmt noch jemanden anderen, der was zu sagen hat und helfen kann.

So entsteht ein Netzwerk, in dem der eine dem anderen hilft. „Manus manum lavat“ nannte das der Lateiner, eine Hand wäscht die andere. Vetternwirtschaft nennt man das heute. In Dortmund heißt es „Dortmunder Konsens“.

Gefürchtete Beweise

In der Regel bleiben getroffene Absprachen geheim. Vermutungen oder Ahnungen von anderen – das hält ein gutes Netzwerk schon aus. Zur Not verteidigen sich die ehrenhaften Damen und Herren solcher Zirkel eben mit PR-Beratern gegen „böswillige Unterstellungen“, wie es dann oft heißt.

Wenn aber ein Netzwerk so mächtig und selbstbewusst ist, dass es sich für unantastbar hält, dann schert man sich nicht darum, wenn eine Absprache öffentlich wird. Erst recht nicht in einer Stadt, die sich schon lange resignierend damit abgefunden hat, dass man so etwas für alltäglich hält.

Damit wären wir in Dortmund bei den Wirtschafts-Vertretern, die Thomas Westphal zum Oberbürgermeister machen wollen.

Ein immens wichtiger Mann

Thomas Westphal ist SPD-Mitglied und er ist der Chef der Dortmunder Wirtschaftsförderung, ein mächtiger, für Firmenchefs immens wichtiger Mann. Er kann Türen öffnen, Dinge ermöglichen – manchmal sogar eine Straße verlegen lassen. Für Unternehmer wäre es höchst unklug, es sich mit ihm zu verscherzen.

Auch wenn all seine Entscheidungen in seinem Hoheitsbereich sicherlich ohne Ansehen der Person nach Recht, Gesetz und nur zum Wohle der ganzen Stadt gefällt werden, kann es einem Firmenchef nicht schaden, den Chef der Wirtschaftsförderung wohlwollend zu stimmen.

Zum Beispiel, indem man ihn bei seiner OB-Kandidatur unterstützt mit einer Wählerinitiative. Schließlich kann man bestimmte Anliegen im Chef-Büro sehr schnell oder sehr bürokratisch behandeln.

Wohlwollen kann hilfreich sein

Daher ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die Wirtschafts-Vertreter der Stadt verbünden und hinter Thomas Westphal, ihre Stimme im Rathaus, stellen. So ein Wohlwollen zu zeigen, kann hilfreich sein – wenn Westphal oberster Wirtschaftsförderer bleibt, und erst recht, wenn er zum Oberbürgermeister gewählt werden sollte.

Verständlich ist diese Strategie schon, die Wirtschaftsleute handeln eben im eigenen Interesse. Sie setzen auf den Mann, der die Partei vertritt, die seit Jahrzehnten die Geschicke der Stadt in ihrer Hand hält, die SPD. Es wäre töricht, sie nicht zu umgarnen.

Rene Scheer, Ehrenvorsitzender des Unternehmerverbandes Östliches Ruhrgebiet, Sprecher der Ehrenmeisterrunde der Reinoldigilde und Mitinitiator der Wählerinitiative pro Westphal, sagt, der Einsatz der Initiative hänge nicht an der Partei, sondern allein an der Person Thomas Westphal. Im Übrigen sei man offen für alle.

Kein Kontakt zu anderen Bewerbern

Das ist jetzt der Punkt, an dem es grotesk wird, denn: Kein einziges Mitglied der Wählerinitiative habe bisher mit ihm gesprochen, versicherte der Kandidat der CDU, Andreas Hollstein, glaubhaft unserer Redaktion. Niemand aus der Initiative, so sagte Hollstein, habe bisher auch nur um ein Gespräch gebeten. Und der Kandidat oder die Kandidatin der Grünen steht noch nicht einmal fest.

Wie kann in einer solchen Situation jemand, der „offen für alle“ sein will, sich auf einen Mann festlegen, wenn er die Alternativ-Kandidaten und was diese zu bieten haben überhaupt nicht kennt? Dieser Blindflug ist in höchstem Maße stillos.

Wenn die Wirtschaftsvertreter gewartet hätten, bis alle Personalkarten auf dem Tisch liegen und sie mit allen Kandidaten gesprochen haben, wäre ein Votum für einen von ihnen nicht im Mindesten zu beanstanden gewesen. Aber so?

Dieses Vorpreschen ist ungehörig - und dumm zugleich. Wer einen kleinen Moment darüber nachdenkt, wird nämlich erkennen, dass die Wirtschaftsleute mit ihrem Blindflug-Votum gleich einen doppelten Schaden anrichten:

1. Sie schaden dem Ansehen ihres Kandidaten, denn: Sie haben Thomas Westphal die Chance genommen, die Wirtschaftsexperten in einem echten Vergleich mit seinen Konkurrenten davon zu überzeugen, dass er der Beste ist. So steht er nur da als Günstling der mächtigen Dortmunder SPD, mit der man sich nicht anlegen sollte.

Es droht ein übler Wahlkampf

2. Die Wirtschafts-Chefs schaden sich selbst: Sie haben sich als taktlose, folgsame Lobbyisten der SPD entblößt, die keine ernsthaft abgewogene, sachlich begründete Wahlempfehlung abgeben, sondern sich nur nach dem ausrichten, was sie schon kennen.

Wenn das Verhalten der Wirtschafts-Vertreter zum Maßstab für den Wahlkampf werden sollte, dann gute Nacht. Dann gehen die Fairness und die Suche nach der Stadt Bestem die Emscher runter.

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