Julien März (18) aus Dortmund über seine Erlebnisse in Lissabon während der Corona-Pandemie. © Julien März
Dortmunder erzählt

„Mittlerweile fast Angst, auf die Straße zu gehen“ – Auslandsjahr im Lockdown

Mitten in der Corona-Pandemie verbringt unser Autor ein Jahr in Portugal - jenem Land, das im Moment besonders hart getroffen ist. Hier berichtet er über seine Erfahrungen.

Mein Name ist Julien März, Ich bin 18 Jahre alt und habe vergangenes Jahr mein Abitur gemacht. Wie viele andere junge Menschen wollte ich vor dem Studium etwas reisen, etwas von der Welt sehen, neue Länder, Kulturen und Menschen kennenlernen. Also entschlossen sich meine Freundin und ich, für ein Jahr nach Lissabon auszuwandern.

Im Oktober 2020 haben wir dann den großen Schritt ins Ungewisse gewagt. Seit unserer Ankunft vor knapp vier Monaten hat sich in Lissabon allerdings einiges geändert. Das Land befindet sich momentan im Ausnahmezustand, es gelten sehr strenge Regeln, um das Coronavirus in den Griff zu bekommen.

Zu Beginn meiner Zeit gab es kaum Einschränkungen

Doch ich erzähle die Geschichte am besten der Reihe nach. Die Anfangszeit in Lissabon war sehr schön, es war noch sehr warm und es gab fast keine Corona-Regeln, die einen wirklich eingeschränkt haben.

So verbrachten meine Freundin und ich die ersten Wochen in der portugiesischen Hauptstadt sehr unbeschwert und glücklich.

Zu Beginn meiner Zeit in Lissabon konnte ich noch viel unternehmen.
Zu Beginn meiner Zeit in Lissabon konnte ich noch viel unternehmen. © Julien März © Julien März

Doch Anfang Dezember infizierten wir uns beide mit dem Virus. Wir waren beide sehr krank, durften und wollten natürlich auch nicht raus. Das alles in einer fremden Stadt, einer Stadt, in der wir kaum jemanden kannten. Nach einer Woche erholten wir uns schließlich langsam von der Krankheit.

Auch im Dezember gab es in Portugal eher milde Einschränkungen, darunter zählte auch eine nächtliche Ausgangssperre. Seit etwas über einem Monat schießen die Infektionszahlen jedoch gewaltig in die Höhe, die portugiesische Politik reagierte Anfang Januar mit einem Lockdown, dessen Regeln Mitte des Monats noch einmal drastisch verschärft wurden.

Harter Lockdown und viele Einschränkungen

Restaurants, Bars, Fitnessstudios und Kultureinrichtungen, sie alle sind geschlossen. Auch die Strände, ja selbst die Parks sind geschlossen. Meinen Wohnbezirk darf ich nicht verlassen, das bedeutet, Ich darf mich maximal 500 Meter von meiner Wohnung entfernen. Auch Freunde treffen oder Sachen unternehmen liegt momentan auf Eis. Genau die Sachen, wegen der ich eigentlich nach Lissabon gekommen bin.

Zurzeit ist die Situation in Lissabon wirklich sehr angespannt. Als ich vor ein paar Tagen rausgehe, um einkaufen zu gehen, werde ich von Polizisten kontrolliert. Ich soll mich rechtfertigen, warum ich rausgehe, woher ich komme.

Die Polizisten sind zudem sehr aggressiv. Als meine Freundin vor zwei Wochen mit einer Freundin spazieren war, wurden sie auch von Polizisten angehalten, die direkt mit Schlagstöcken aggressiv auf die beiden zugegangen sind.

Die Polizei kontrolliert jeden, der sich auf der Straße aufhält.
Die Polizei kontrolliert jeden, der sich auf der Straße aufhält. © Fatine El Hilali © Fatine El Hilali

Die Realität entspricht nicht meinen Vorstellungen

Meine Zeit hier in Lissabon habe ich mir einfach anders vorgestellt. Natürlich war mir klar, dass die aktuelle Situation einen Einfluss auf mein Jahr hier haben wird. Doch das sich die Situation so entwickelt, damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich kaum vor die Tür gehen darf und ich auch nicht damit, von der Polizei so massiv kontrolliert zu werden.

Natürlich verstehe ich den Sinn hinter all den Regeln und Einschränkungen, aber die Umsetzung und Kontrolle dieser Regeln kommt einem doch hin und wieder maßlos überzogen vor. Aufgrund der vermehrt negativen Erlebnisse mit der Polizei hat meine Freundin mittlerweile beinahe Angst, zumindest ein mulmiges Gefühl, auf die Straße zu gehen.

Was bleibt, ist die Hoffnung

So bleibt mir derzeit nur die Hoffnung, die Hoffnung darauf, dass sich die Lage in den kommenden Wochen und Monaten wieder stabilisiert, die Hoffnung darauf, hier einen schönen Frühling und Sommer verbringen zu können. Denn dafür bin ich ja schließlich hier hergekommen.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
2002 in Bochum geboren, aufgewachsen in Dortmund, BVB-Fan. Seit dem Abitur 2020 als freier Mitarbeiter für die Ruhr Nachrichten unterwegs. Immer auf der Suche nach guten Geschichten am Puls der Stadt.
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