Pünktlich zum Muttertag durften Angehörige zum ersten Mal wieder die Bewohner von Pflegeheimen besuchen, allerdings unter strengen Sicherheitsvorkehrungen.

Dortmund

, 10.05.2020, 19:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist ein ungewöhnliches Bild, das sich den Besuchern der „Weißen Taube“ am Sonntagmorgen (10. Mai) bietet: Zum ersten Mal steht ein Sicherheitsmann vor dem Eingang zum Seniorenheim. Neben ihm wurden Absperrungen aufgestellt, nur ein einziger, mit Flatterbändern abgesteckter Weg weist zur Eingangstür des Pflegeheims hinein.

Hinter dem Absperrband geben Christoph Tiegel und Patrizia Kurth, Teil der „Kellerband“, derweil ein Privatkonzert für die Bewohner. Von „Que Sera“, „Imagine“ bis „Sonne in der Nacht“ ist alles dabei. Auf den Balkonen, an den Fenstern und am Speisesaal haben sich die Senioren versammelt und klatschen Beifall. Eine von ihnen ist Tiegels Mutter.

Sänger Christoph Tiegel nutzt Konzerte, um seiner Mutter zuwinken zu können.

Sänger Christoph Tiegel nutzt Konzerte, um seiner Mutter zuwinken zu können. © Lena Heising

Schon zum zweiten Mal spielt die verkleinerte Besetzung der Kellerband auf dem Gelände der „Weißen Taube.“ Die Konzerte, sagt Tiegel, sind als trojanischer Trick gestartet: So hat er die Chance, seine Mutter wenigstens aus der Ferne zu sehen und ihr zuzuwinken. Mittlerweile spielt die Kellerband fast jedes Wochenende vor Wohneinrichtungen.

Doch an diesem heißen Vormittag packt Christoph Tiegel gegen 11.30 Uhr seine Gitarre wieder ein. Seine Mutter wartet auf ihn. Zum ersten Mal seit sieben Wochen dürfen Angehörige die Bewohner wiedersehen.

Muttertag über Walkie Talkie und Glastüren

Für ein paar Angehörige läuft der Besuch jedoch nicht so ab wie erwartet. Birgitt Weinrich wartet mit ihrem Bruder vor der Absperrung darauf, ihre demenzkranke Mutter zu sehen. Neben Weinrich steht ein Präsentkorb auf dem Pflaster: zwei Fernsehzeitungen, Kekse, eine Flasche Eierlikör, eine neue Bluse, Seife und eine Karte für die 92-jährige Mutter

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Persönlich überreichen dürfen die Kinder den Korb aber nicht. Als sie grünes Licht von den Pflegekräften bekommen, dürfen sie nur durch die erste der zwei Glastüren durch. Dort stellen sie ihr Geschenk in eine Kiste.

In einer Kiste konnten Besucher den Bewohnern kleine Geschenke hinterlegen.

In einer Kiste konnten Besucher den Bewohnern kleine Geschenke hinterlegen. © Lena Heising

Die zweite Glastür blieb geschlossen. Hinter der sitzt ihre Mutter mit einer Art Walkie-Talkie auf einem Stuhl. Auch für die Kinder liegen auf einem Tisch orangefarbene Funkgeräte bereit. 10 bis 15 Minuten hat die Familie nun Zeit, um miteinander zu sprechen.

„Das macht jetzt alles noch schlimmer“

Das, sagt Weinrich später, habe aber nicht geklappt. „Ich weiß nicht, ob ich heulen sollte“, sagt sie aufgewühlt. „Es war wie im Zoo.“ Die Mutter habe ihren Kindern gestikuliert, dass sie kein Wort verstehe. Sie würde jetzt wieder sehr weinen. Als Pflegekräfte sie wieder auf ihr Zimmer bringen wollten, habe sie nur gesagt „Nein, ich geh nicht“.

Für Birgitt Weinrich war der Muttertag dieses Jahr eine Katastrophe.

Für Birgitt Weinrich war der Muttertag dieses Jahr eine Katastrophe. © Lena Heising

„Das macht jetzt alles noch schlimmer“, sagt Weinrich. Eigentlich, betont sie, sei sie mit dem Seniorenheim „Weiße Taube“ sehr zufrieden. Doch sie hätte es besser gefunden, wenn sie beispielsweise von Balkon aus mit ihrer Mutter hätte sprechen können. „Für mich ist mein Muttertag gelaufen.“

Kaiser will einen Corona-Muttertag verhindern

Kurz nachdem Weinrich mit ihrem Bruder das Heim verlassen hat, kommt Geschäftsführer Martin Kaiser in dem Seniorenheim an. Er ist für acht Pflegeheime verantwortlich, in denen insgesamt 1000 Menschen leben. Angesichts der Pandemie bittet er um Verständnis für die strengen Maßnahmen. „Wir schützen die Bewohner vor einem Virus, das gerade in Pflegeheimen tödlich ist“, stellt er klar. „Ich möchte nicht, dass es auch nur zu einem einzigen Todesfall im Pflegeheim kommt, weil wir nicht genug Maßnahmen ergriffen haben.“ Ein Corona-Muttertag solle um jeden Preis verhindert werden.

Zum ersten Mal seit dem 21. März durften Bewohner des städtischen Seniorenheims Weiße Taube wieder Besucher empfangen.

Zum ersten Mal seit dem 21. März durften Bewohner des städtischen Seniorenheims Weiße Taube wieder Besucher empfangen.

Dabei seien die Pflegeheime, die er betreut, eigentlich sehr offene Häuser. „Jetzt müssen wir sagen: Es geht nicht mehr. Das fällt uns unglaublich schwer.“ Die Ampel der Vorsichtsmaßnahmen sei bisher auf Rot gewesen. Jetzt sei man in einer Übergangsphase von Rot auf Gelb. „Eine gelbe Ampel heißt nicht, dass wir mit 100 km/h losbrettern können.“

Die meisten Bewohner haben laut Kaiser Verständnis für Maßnahmen

Besuche vom Balkon aus zu empfangen, lehnt er bisher ab. Einige Bewohner, sagt er, haben zudem gar keinen Balkon. Das Pflegeheim suche nach einer einheitlichen Lösung. Nächste Woche beginne man deshalb damit, einen „Outdoor-Begegnungscontainer“ für Besuche zu errichten.

Die meisten Bewohner, so Kaiser, haben für die Maßnahmen am Muttertag viel Verständnis und würden die Bedrohung durch das Virus verstehen. Heimleiterin Petra Ungewitter stimmt ihm da zu: „Die Freude war heute überwiegend.“

Handkuss durch die Glasscheibe

Zurück bei der Absperrung zum Pflegeheim stehen derweil immer noch Besucher an. Bettina Afouane will zusammen mit ihrem Mann Abdel Ali Afouane ihren Vater besuchen. Ursula Gehrmann, die Lebensgefährtin ihres Vaters, ist ebenfalls dabei. Bettina Afouane sagt, sie finde es schade, dass die Lockerungen erst jetzt kommen. Sie habe ihren dementen Vater zuletzt vor zwei Monaten gesehen. „Am Ende erkennt er uns gar nicht mehr“, sorgt sich auch Gehrmann. Um 12.30 Uhr dürfen sie schließlich die Absperrung überqueren. Eine Pflegekraft ermahnt die drei jedoch: Nur zwei Besucher dürfen gleichzeitig in den Eingangsraum. Abdel Ali Afouane geht zurück.

Ursula Gehrmann, Bettina Afouane und Abdel-Ali Afouane konnten zum ersten Mal seit März zu ihrer Familie.

Ursula Gehrmann, Bettina Afouane und Abdel-Ali Afouane konnten zum ersten Mal seit März zu ihrer Familie.

Kurze Zeit später läuft Ursula Gehrmann zwischen den Flatterbändern zurück zur Absperrung. Der Schwiegersohn darf rein. Gehrmann hat ein breites Lächeln auf dem Gesicht, als sie wieder an der Straße steht. „Der war richtig froh, uns zu sehen“, erzählt sie. Bettina Afouane kämpft dagegen bei der Rückkehr mit den Tränen. Ihr Vater habe irgendwann nicht mehr viel mitgekriegt und wenig Emotionen gezeigt. Seinen Liebsten habe er aber noch einen Handkuss zugeworfen. Und eine Mahnung an seine Lebensgefährtin: „Er hat gesagt: Fremdgehen gibt‘s aber nicht“, sagt Gehrmann und kichert.

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