Nazi-Aussteiger Lukas Bals (31): Dortmunder Rechte sind „sehr gefährlich“

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Lukas Bals hat beim Rathaus-Sturm 2014 eine Politikerin geschlagen, bei einer Demo laut grölend NS-Opfer Anne Frank verhöhnt und im Gefängnis gesessen. Jetzt will der Nazi-Aussteiger reden.

Dortmund

, 18.10.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ein großgewachsener junger Mann steht nervös bis aufgekratzt etwas abseits der Masse. Er hält eine Sektflasche am Flaschenhals, bereit, mit dem schweren Boden zuzuschlagen. Er schleicht sich regelrecht an, schlägt dann mit der freien Faust einer Frau im Getümmel gegen den Kopf. Das ist Lukas Bals im Mai 2014.

Der 25. Mai war der Tag der Kommunalwahl in Dortmund. Die Neonazi-Splitterpartei Die Rechte hatte ein Ratsmandat errungen und wollte am Abend symbolisch ins Rathaus einziehen. Vertreter verschiedener Parteien stellten sich dem angetrunkenen Nazi-Mob in den Weg, es kam zu Handgreiflichkeiten.

Lukas Bals ist für seinen Faustschlag, gut auf Video sichtbar, verurteilt worden: Er musste eine Geldstrafe und Schmerzensgeld zahlen. Aber er musste nicht ins Gefängnis, wo er früher schon mal neun Monate seines Lebens verbrachte, weil er jemandem Joch- und Nasenbein brach.

Im Oktober 2020 denkt Bals an diese Szene und sagt: „Ich habe Fremdscham, obwohl ich es selber bin.“ Er denke sich nur: „Was hast du da gemacht?“ Die Person mit der Sektflasche und dem hasserfüllten Blick erkenne er kaum. Lukas Bals will heute mit dem Rechtsextremismus nichts mehr zu tun haben.

Als Jugendlicher war der spätere Neonazi ein „Event-Linker“

Dabei fing alles auf der ganz anderen Seite an. Der heute 31-Jährige ist in Wuppertal aufgewachsen und war als Jugendlicher zunächst in linksextremen Kreisen unterwegs. „Ich war ein Event-Linker“, sagt Bals: „Mir ging es um die Action. Nazis und Bullen fanden wir scheiße.“

Er sei bei Hausbesetzungen und anderen Straftaten dabei gewesen, aber nie wirklich „politisiert“, wie er sagt. Seine Sprache sei zum Beispiel nie gendersensibel gewesen: „Ich war nicht politisch korrekt und bin angeeckt“, formuliert er es.

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Gleichzeitig kannte Bals aber auch Leute aus dem rechtsextremen Spektrum. Zum Bruch mit den Linken kam es, als einer dieser Rechten mal - wie Bals meint, zu Unrecht - eines Überfalls verdächtigt wurde. Er wechselte die Seiten, wie es übrigens gar nicht so selten der Fall ist, und lief bei Demos fast von einem Tag auf den anderen bei den Neonazis mit.

Wie es kam, dass er sich dort plötzlich besser aufgehoben fühlte? „Die haben es drauf, Gehirnwäsche mit einem zu vollziehen“, sagt Bals: „Das war wie eine Sekte, gerade in Dortmund.“ Wenn man nur Kontakte innerhalb der Szene hat, werde das Weltbild schnell festgezurrt.

„Dortmund ist der FC Bayern des Rechtsextremismus“

Wenige Monate vor der Kommunalwahl 2014 ist der junge Mann nach Dortmund gezogen. „Dortmund wirbt alles ab, was irgendwo aktiv ist. Ich nenne es immer den FC Bayern des Rechtsextremismus“, so Bals. Und im Mai kam es dann zu den Szenen vor dem Rathaus. „Wir hatten nicht mit dem Einzug in den Rat gerechnet“, sagt er heute: „Wir wollten den Leuten da den Abend versauen.“

Sechs Jahre danach ist er immer noch regelrecht verblüfft, dass es überhaupt zu diesen Szenen kommen konnte. „Wir hatten den ganzen Tag über Polizei im Stadtteil stehen“, sagt der damalige Dorstfelder: „Dann kam einer vom Staatsschutz an die Tür und hat mit einem von unserer Führungsriege geredet.“

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Dem Beamten sei gesagt worden, dass die Nazis zum Feiern in Dorstfeld bleiben wollen: „Und fünf Minuten später ist die ganze Polizei abgezogen. Damit haben wir nicht gerechnet.“ So konnte der Mob unbehelligt zum Friedensplatz ziehen.

An der Emscherstraße hat Bals selbst gewohnt, in dem Haus, an dem manchmal schwarz-weiß-rote Fahnen wehen. Wer dort einziehen wollte, hatte die Pflicht, sich einmal pro Woche politisch zu betätigen und 10 Prozent des Gehalts in die Kameradschaftskasse einzuzahlen, erzählt er. Bals habe mal hier und mal da gejobbt, unter anderem in einem Callcenter.

„Dieses Nazi-Kiez-Gespinne ist lächerlich“

Wie das Leben in dem Haus war? Mit ein paar Jahren Abstand sagt Bals: „Dieses Nazi-Kiez-Gespinne ist lächerlich, das sind zwei Häuser. Die haben im Stadtteil nichts zu melden.“ Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Gott sei Dank.“

Gerade mal vier Personen seien es zu seiner Zeit gewesen, auf deren Ansagen gehört wurde. Jede Woche gab es Kameradschaftsabende, mehr als 30 Personen seien dahingekommen: „Vom Zahnarzt-Helfer bis zum Sachbearbeiter bei der Stadt war alles dabei.“

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Doch vieles sei nur Show gewesen, sagt der Aussteiger, Bals spricht vom „Angst-Business“. Es dürfe nicht sein, dass sich die Nazis mächtiger fühlen können als sie es sind. Beispiel Stadtschutz - die Rechtsextremen wollten sich als Guerilla-Patrouille in der Stadt inszenieren.

„Bis auf einmal sind wir nie rumgelaufen“, sagt Bals: „Es gab den Stadtschutz nie. Das war einfach nur eine Fake-Fotoaktion.“ Demonstrationen dienten seiner Meinung nach nur dazu, neuen Anhängern „ein Betätigungsfeld zu geben, damit die beim nächsten Mal wiederkommen“.

Für wie gefährlich er die Dortmunder Gruppe hält? „Sehr gefährlich“

Der Ex-Kamerad nennt die Dortmunder Nazis „sehr gefährlich“. Der Staat müsse sie streng im Blick behalten. Anschläge wie vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) traue er denjenigen, die er kennengelernt hat, zwar nicht zu. „Meine Hand würde ich dafür aber nicht ins Feuer legen“, sagt Bals.

Lukas Bals ist unter der Last des Hasses und der aufgesetzten Unnahbarkeit zwischen den harten Typen zerbrochen. „Ich habe meinen Job verloren, meine Beziehung ging kaputt, ich habe Schulden gemacht“, sagt er rückblickend: „Ich hatte mein Leben nicht mehr unter Kontrolle.“ Seine Selbst-Diagnose: „Hass-Burnout“ vor lauter Aggressionen um ihn herum.

Ein Bekannter, Bals sagt, tiefgehende emotionale Freundschaften gebe es in der Szene nicht, half ihm wieder auf die Beine und vermittelte ihm einen Job in München. Allerdings blieb Bals auch dort in der rechten Szene. Bis zu einer Veranstaltung im März 2017 mit AfD-Mann Alexander Gauland. „Das war komisch, von einem alten Mann, der mein Opa hätte sein können, etwas zu hören, was ich auf jeder Nazi-Demo hätte hören können“, sagt Bals.

In seiner „Bubble“ habe er jahrelang nichts hinterfragt. Das war an diesem Tag anders. Und der Vortrag war Bals’ letzter Besuch einer Nazi-Veranstaltung, wie er sagt. Länger dauerte es noch bis zur heutigen Erkenntnis: „Das, worüber sich Die Rechte beklagt - fehlende Meinungsfreiheit, Repression - das würde es mal zehn geben, hätten die nur ein Bisschen was zu sagen.“

Er wird von einem Aussteigerprogramm betreut

Bals packte nach dem Gauland-Erlebnis seine Sachen, arbeitete einen Sommer lang auf Mallorca und hat zurück in Deutschland Kontakt zu einem Aussteigerprogramm gesucht. Da gibt es nun ein strenges Sicherheitskonzept.

Doch warum hat der Ex-Extremist jetzt den Weg in die Öffentlichkeit gesucht? Vor ein paar Jahren wollte er noch Journalisten einschüchtern, jetzt bekommt er täglich Nachrichten voller Hass und Bedrohungen. Einmal sei er schon von einem Rechtsextremen krankenhausreif geprügelt worden, erzählt er.

Lukas Bals beim Rathaus-Sturm im Jahr 2014.

Der Rathaus-Sturm 2014: Am rechten Bildrand sieht man Lukas Bals, bereit mit der Sektflasche in seiner rechten Hand zuzuschlagen. © Oliver Schaper

„Ich hatte etwas auf dem Gewissen“, sagt Bals. Nach seinen größten Sünden gefragt, muss er tief durchatmen, kurz überlegen und sagt dann: „Ganz eklig war, als wir in der Nordstadt rumgegrölt haben gegen Anne Frank.“ Dann denkt er wieder an den Faustschlag am Rathaus: „Das war auch echt scheiße, einer Mutter ins Gesicht zu schlagen. Für die Bilder schäme ich mich heute richtig.“

Bei jedem Vorstellungsgespräch, bei jeder Wohnungsbesichtigung sei seine Nazi-Vergangenheit Thema, weil sein Name gegoogelt wurde. Nun will Bals dem offensiv entgegentreten: „Indem ich mein eh verbranntes Gesicht für die Aufklärung zur Verfügung stelle. Ich will nicht als Vorbild agieren, sondern als abschreckendes Beispiel. Jetzt ist die Zeit, auch mal etwas Gutes zu tun.“

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