Der Umzug des Drogenkonsumraums war beschlossen. Anwohner machten der Stadt einen Strich durch die Rechnung. Nun gibt es Gespräche. Nachbarn machen sich Sorgen.

Dortmund

, 03.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Ende 2019 soll der Drogenkonsumraum von der Straße „Eisenmarkt“ in einen Neubau auf den Innenhof des neu gebauten Gesundheitsamtes ziehen. Ob die Stadt den Zeitplan einhalten kann, hängt weniger von den Bauarbeitern ab. Denn eine Klage von Anwohnern ist nach ersten juristischen Auseinandersetzungen vor Gerichten in ein „Mediationsverfahren“ gemündet.

Ein erfahrener Richter des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen moderiert das Schlichtungsgespräch zwischen der Stadt Dortmund und den Anwohnern. Erste Gespräche sind bereits geführt worden. „Ein Ergebnis gibt es noch nicht“, sagt Stadtsprecherin Katrin Pinetzki. Beide Seiten prüften „verschiedene Lösungsmöglichkeiten“.

Handel mit Drogen

Die Anwohner der kleinen Straße „Grafenhof“ wollen eine Situation wie an der Ecke Kuhstraße / Eisenmarkt verhindern. Süchtige halten sich dort zeitweise in großen Gruppen auf. Der Handel mit Drogen und der Konsum von Drogen sind sichtbar. Aufgabe des Drogenkonsumraums ist es, die Abhängigen von der Straße zu holen. Das gelingt dem sehr engagierten Team seit vielen Jahren. Weil die Kapazitäten nicht immer reichen, verlagert sich der Konsum ins Umfeld.

Auch das begründet die Sorgen der Anwohner. Zu ihnen gehört der frühere Inhaber des italienischen „Vabene“-Restaurants auf dem Westenhellweg, Gerardo Derosa. In einer Wohnung eines Mehrfamilienhaus gegenüber vom Eingang zum Innenhof des Gesundheitsamtes streicht er gerade die Wände an. Im Kinderzimmer mit Blick nach vorn auf die Straße steht ein Babybett.

Kein Ärger mit Drogenkonsumraum

„Wir haben uns bewusst für diese Wohnung entschieden, wegen der Nähe zu unserem Restaurant in der Thier-Galerie. Ich wäre der Letzte, der etwas gegen die Hilfe für Drogenabhängige sagen würde. Und wir hoffen, dass es ruhig bleibt.“ Der 60-Jährige will, dass die Stadt Dortmund den Drogenkonsumenten einen Zugang ins Gesundheitsamt über den Haupteingang am Hohen Wall ermöglicht, dass es keine großen Menschenansammlungen gibt und „alles etwas diskreter organisiert wird“.

Neuer Drogenkonsumraum: Thier-Galerie will nicht „Hauptstraße“ für Süchtige werden

Der Haupteingang zum Gesundheitsamt am Hohen Wall. Anwohner wollen, daass Drogenkonsumenten über diese Seite den Zugang zum Drogenkonsumraum nehmen. © Peter Bandermann

Konstruktiv äußert sich auch Gerardo Derosas Nachbarin Cecilia Prawira. Die Mutter von zwei und fünf Jahre alten Kindern: „Noch sind die Kinder klein und immer bei mir. Ich habe auch noch keine Vorstellung davon, ob die Süchtigen hier vor unserem Haus herumhängen oder da hinkommen und dann auch schnell wieder weggehen.“ Hat sie Angst? „Nein“, sagt sie nach einer fünf Sekunden dauernden Denkpause und spricht von „Sorgen“.

Zur Not wegziehen

„Sollte es hart auf hart kommen, können wir immer noch ausziehen. Das ist unser Joker“, sagt sie. So setzt sich eine Kettenreaktion fort: Die Sorgen der Mieter sind schnell die Sorgen der Vermieter, die einen Wertverlust ihrer Immobilie und fliegende Wechsel befürchten müssen, wenn Süchtige in ihren Hauseingängen Drogen kaufen oder konsumieren. Für einen Investor ist die Nähe zum Drogenkonsumraum allerdings nicht abschreckend:

Neuer Drogenkonsumraum: Thier-Galerie will nicht „Hauptstraße“ für Süchtige werden

Gegenüber vom neuen Drogenkonsumraum entsteht an der Ecke Grafenhof / Martinstraße das Wohnrojekt "Exklusives Wohnen Dortmunder Mitte". © Peter Bandermann

Keine 40 Meter von der Hofmauer entfernt steht ein großes Bauschild, das für „exklusives Wohnen“ im Projekt „Dortmunder Mitte“ wirbt. Acht bis zu 110 Quadratmeter große Wohnungen entstehen, darunter zwei Penthouse-Wohnungen. Obendrauf 100 Quadratmeter große Dachterrassen. In derselben Straße wird das frühere City-Hotel modernisiert.

Das sagt die Thier-Galerie

Ein weiterer Nachbar: die Thier-Galerie. Das Einkaufszentrum ist seit der Eröffnung im September 2011 ein Nachbar des Drogenkonsumraums. „Viel ändern wird sich für uns nicht. Schon jetzt versuchen wir, unsere Nebeneingänge abzusichern. In Zukunft werden wir aufpassen müssen, dass wir für die Drogenkonsumenten nicht zur Hauptstraße werden“, sagt Center-Manager Markus Haas.

Drogen würden jetzt schon im Umfeld oder versteckt in der Thier-Galerie konsumiert. „Wir müssen die Laufwege im Auge behalten“, sagt er, „und wir müssen sehen, wie sich die Lage entwickelt.“

„Es wird definitiv besser“

Michel Mantell vom Vorstand der Dortmunder Aidshilfe, die den Drogenkonsumraum betreibt, kann sämtliche Sorgen der Anwohner und Unternehmen nachvollziehen: „Uns lässt das nicht kalt“, sagte er auf Anfrage. Er sichert Anwohnern „ein vernünftiges Sicherheitskonzept“ zu, „es wird definitiv besser“.

Der Mediator beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ist ein „Güterichter“. Er fällt am Ende der Mediation kein Urteil, sondern moderiert fortwährend die Gespräche, damit beide Parteien ein abgestimmtes Ergebnis erzielen. Für diesen Kompromiss sollen die Beteiligten „verbindliche Einigungen“ treffen, erklärt Wolfgang Thewes vom Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

Mediationen würden „gute Erfolge erzielen“, sagt Wolfgang Thewes, weil kein rein juristischer Blick auf den Streit geworfen werde: „Da kommt man ganz ohne juristische Spitzfindigkeiten aus.“ Im Idealfall werde eine Lösung erzielt, mit der alle Beteiligten leben könnten. Ein weiterer Vorteil: Für die Mediation erhebt das Gericht keine Gebühren. Verbindlich ist, dass aus den Gesprächen nichts nach außen dringt. Ende 2019 soll der Umzug erfolgen. Viel Zeit ist das nicht mehr.

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