Dieser Dortmunder Lehrer reicht seinen Schülern die Spraydose

hzNordmarkt-Grundschule

Andreas Milcke ist Erlebnispädagoge: Wenn die ehemalige Aushilfslehrkraft der Nordmarkt-Grundschule an die alte Wirkungsstätte zurückkehrt, steht Graffiti auf dem Lehrplan.

Nordstadt

, 14.11.2019, 15:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn die Kinder der Nordmarkt-Grundschule Andreas Milcke sehen, dann rufen sie ihm „Andy“ oder „Du, Herr Milcke“ hinterher. Das geht beides. Und das, obwohl der 36-jährige Dortmunder eigentlich Lehrer, also eine Respektsperson, ist.

Der Umgang, den der Pädagoge mit seinen Kids pflegt, ist locker. Aber trotzdem: Wenn dieser Lehrer was zu sagen hat, dann kann er seiner Stimme auch Nachdruck verleihen. Andreas Milcke unterrichtet Sport und Geschichte – und Graffiti. Vor zwei Jahren rief er eine Graffiti-AG an der Nordstadt-Schule mit ins Leben.

Dieser Dortmunder Lehrer reicht seinen Schülern die Spraydose

Andreas Milcke zeigt mithilfe seines Skizzenbuches, was wie ausgemalt werden soll. © Fabian Paffendorf

Mittwoch, 14 Uhr: Andreas Milcke hat kurz zuvor seinen Unterricht an einer Hörder Schule für diesen Tag beendet, jetzt besucht er die Kinder der Nordmarkt-Grundschule. Nur diesmal bleiben Füller und Kreide in der Tasche. Milcke hat nämlich noch andere Unterrichtsmaterialien dabei.

Knapp 100 Dosen mit Sprühfarben, Fleece-Teppiche, Müllbeutel und Atemmasken holt er aus dem Kofferraum seines Autos. Das ist ein kleines Spektakel – auch für Kinder, die nicht in seiner Graffiti-AG sind.

Zaungäste gehören dazu

„Du, Andy. Kann ich auch in deiner AG mitmachen?“, fragt ein Grundschüler, der unbedingt dem Lehrer beim Tragen helfen will. „Natürlich, du musst dich nur im nächsten Halbjahr anmelden, dann bist du dabei“, entgegnet Andreas Milcke. Der Junge darf leider noch nicht mitmachen. Das hindert ihn und andere Neugierige aber nicht daran, sich mal anzusehen, was da im hinteren Hof der Schule so passiert.

Jetzt lesen

„Fünf Jungs und Mädchen sind heute mit dabei. Eigentlich sind elf angemeldet, aber wie das so ist – irgendwas ist ja immer“, meint Milcke. Das lässt sich nicht ändern, daher nimmt es der Lehrer locker.

Bevor sich die Kinder jedoch mit den Spraydosen an einem Waldmotiv versuchen, das „der Andy“ vorbereitet und für sie skizziert hat, steht weniger Angenehmes an: Jacken auf Links ziehen, Mülltüten überziehen und mit Klebeband fixieren. Die Kleidung soll ja nicht dreckig werden.

Müllsäcke zum Schutz

Anna-Sofie schmollt. Sie hat „keinen Bock“, sich in Mülltüten zu kleiden. Noch nicht. Aber kurze Zeit später ist ihr egal, wie sie ausschaut. Hauptsache, die 10-Jährige kann mitmachen, die Spraydose zu schwingen. „Die Müllsäcke sind nicht schön, aber wir müssen mit dem Material arbeiten, das der Etat zulässt. 305 Euro pro Halbjahr stehen zur Verfügung“, erklärt Milcke.

Dieser Dortmunder Lehrer reicht seinen Schülern die Spraydose

Anna-Sofie arbeitet an einem „Planeten-Bild“. © Fabian Paffendorf

Mit dem, was man hat zu arbeiten, das ist dem Lehrer bekannt: „Als ich vor über 20 Jahren mit Graffiti anfing, hatten wir keine legalen Wände zum Sprühen. Da musste man sich auch organisieren.“

Organisiert hat sich der Pädagoge auch beruflich ganz gut. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer leitet er Workshops und AGs an mehreren Dortmunder Schulen. Mit dem Vor- und Nachbereiten des Unterrichts sei's aber beim Graffitisprayen mit den Kindern auch nichts anderes als beim „gewöhnlichen“ Unterricht.

„Wenn beim Sprayen den Kindern was danebengeht, dann muss ich später auch mal für ein paar Stunden ran und die Korrekturen besorgen.“ Macht nichts, denn Milcke ist mit Lust und Leidenschaft dabei, wie er sagt.

Bunte Planetenbilder

Knapp eine halbe Stunde lang wird die Hofwand mit den Dosen ausgemalt, dann steht die abschließende Übung an: Sprüh-Techniken lernen auf dem Papier. Mithilfe von Papptellern und Bechern als Schablonen erstellen die Kinder sogenannte „Planeten-Bilder“.

„Solche Techniken musste ich mir früher selbst beibringen. Dass die Kinder heute sowas im Unterricht lernen können, ist schon eine tolle Sache“, meint Milcke, der über die HipHop-Kultur damals zum Graffiti-Fieber kam.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt