OB-Kandidat Carl H. Draub will kostenlose Busse und Bahnen in Dortmund

hzOB-Wahl 2020

Chancenlos und selbstbewusst: Carl Hendrik Draub (29) will Dortmunds Oberbürgermeister werden. Und wenn der Einzelkandidat das geschafft hat, sollen Busse und Bahnen hier kostenlos fahren.

Dortmund

, 04.07.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eins kann man Carl Hendrik Draub nicht vorwerfen – mangelndes Selbstbewusstsein. Er ist 29, hat ein Jura-Examen in der Tasche und ein Jahr Berufserfahrung als Rechtsanwalt. Er hat keine Partei hinter sich, keinen Verband. Dennoch stellt er sich hin und sagt: „Ich will Dortmunds Oberbürgermeister werden.“ Was ist das für ein Mensch?

Zunächst ist Draub überzeugter Dortmunder. Hier ist er zur Welt gekommen und aufgewachsen. Sein Abitur legte er am Mallinckrodt-Gymnasium ab. Leistungskurse: Sozialwissenschaften und Englisch. „Englisch war der stärkere“, sagt Draub, der in der 11. Klasse in den USA Austauschschüler war, und: „Ich spreche Englisch praktisch wie eine zweite Muttersprache.“ Solche Sätze, die arrogant klingen könnten, sagt Draub ohne Aufschneider-Habitus.

Jura und Golf am Bodensee

Nach dem Abi wollte er zweierlei: raus aus Dortmund und Jura studieren. Ihn zog es nach Konstanz. Bis zur Zwischenprüfung nach dreieinhalb Jahren blieb er dort. „Es war eine Mega-Zeit. In der Zeit habe ich auch Golf gespielt, in der 2. Bundesliga.“ Spielt er heute noch Golf? „Nein. Für eine Bogey-Runde – eins über Par pro Loch – reicht‘s noch, aber sonst: Nein. Wenn ich weiß, dass ich nicht mehr auf höchstem Niveau abliefern kann, macht es mir nicht mehr so viel Spaß.“

In Konstanz habe er neben juristischem Fachwissen noch eine andere Erkenntnis gewonnen: „Je mehr ich von zuhause weg war, umso mehr habe ich gemerkt, dass ich Dortmunder bin.“ Nach der Zwischenprüfung robbte er sich daher näher ran an Dortmund. In Köln setzte er sein Studium fort und bestand 2016 sein Examen. „Ein Jahr zuvor hatte ich meine Freundin kennengelernt. Sie kommt aus Castrop-Rauxel. Wir wollen beide in der Region bleiben.“

Bußgeld-, Straf- und Arbeitsrecht

Draub absolvierte sein Referendariat am Landgericht Dortmund. Und dann? „Ich wusste immer schon, dass ich mich nicht anstellen lasse“, sagt er. Eine Stelle im Staatsdienst, als Richter oder Staatsanwalt, habe er nie angestrebt: „Der Weg war mir zu vorgezeichnet. Ich wollte nicht schon zu Beginn meiner Karriere wissen, was ich am Ende verdiene.“

Also sei er in die Kanzlei seiner Eltern eingestiegen. Vor 2015 sei das eine One-Woman-Show seiner Mutter gewesen, dann stieg sein Vater ein. 2019 sei er gefolgt. Während sich die Mutter um Miet- und Verkehrsrecht kümmere, decke sein Vater das Vertragsrecht ab. Er habe einen neuen Schwerpunkt eröffnet: „Ich bediene Bußgeld- und Strafrecht, mache auch Arbeitsrecht.“ Diese Art zu arbeiten, gefalle ihm: „Vor Gericht zu gehen und was zu erzählen, das liegt mir. Das kommt auch meinen Mandanten zugute“, sagt Draub.

Wie aus dem CDU-Werbeflyer

Wer jemals in einem Bewerbungsgespräch gesessen hat, weiß, dass eine der kniffligsten Fragen die nach eigenen Stärken ist. Bei vielen existiert eine natürliche Blockade aus Scham, Bescheidenheit und der Angst, als Prahlhans zu wirken. Dieses Problem hat Draub nicht. Er vermittelt den Eindruck, ein kristallklares Bild von sich, seinen Stärken und richtiger Politik zu haben.

Bewusst, sagt er, sei er nicht Mitglied einer Partei. Auf der Schule habe er zwar „viel mit CDU-Leuten abgehangen“, aber: „Das ist nur äußerlich“, sagt der Kandidat, der mit dunklen, exakt gescheitelten Haaren, dunkler Jeans, weißem Hemd und grau-braunem Sakko in jeden CDU-Werbeflyer passen würde. Alles nur äußerlich, wie er sagt.

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Er habe schon länger mit dem Gedanken einer Kandidatur gespielt. Als klar gewesen sei, wer als OB für CDU und SPD kandidiere, habe er sich entschieden: „Ich habe Zeit dafür und richtig Bock“, sagt er. „Ich bin einfach enttäuscht von der Politik meiner Stadt. Dass der neue Flughafenchef mit SPD-Parteibuch* noch mal so eben kurz vor der Wahl ins Amt gehoben wird, sagt alles.“

Er möchte vieles anders machen. Busse und Bahnen sollen kostenlos fahren, sagt er. Die Stadt müsse ein attraktives Alternativ-Angebot zum Auto machen: „Wem helfen denn Tempo 30 und eine Umweltspur? Das sorgt nur dafür, dass die Autos, die vorher auf zwei Spuren im Stau standen, jetzt auf einer Spur im Stau stehen, damit doppelt so lange und doppelt so viele Schadstoffe ausstoßen.“

Bei der Digitalisierung hinke Dortmund hinterher - nicht nur bei 5G: „Selbst an der B1 gibt es schwarze Löcher“, sagt er. Mehr Mitbestimmung könne er sich auch vorstellen: „Bei einem Bürgerentscheid hätte man sich den Bau des Fußballmuseums sparen können“, sagt er. Und zum Flughafen dieses: „Da der Flughafen maßgeblich osteuropäische Urlaubsziele anfliegt, steht eine kritische Überdenkung des Flughafens einer wettbewerbsfähigen Großstadt nicht entgegen.“

Nachhilfe in Sachen Twitter und Facebook

Draub ist fast Einzelkämpfer. Vater und Mutter unterstützen ihn, Bekannte, Ex-Klassenkameraden und Studenten. Hilfe werde er digital benötigen. „Mit sozialen Medien tue ich mich schwer. Ich hatte noch nie Facebook oder Twitter. Ich bin der Meinung, dass das Medien sind, die den Populismus bedienen.“ Gleichzeitig funktioniere ein Wahlkampf ohne soziale Medien nicht mehr.

Was ist mit der Aufgabe, Dortmund nicht nur politisch zu führen, sondern auch eine Verwaltung mit über 10.000 Beschäftigten? Traut er sich das zu? Draub zögert keine Sekunde: „Ja!“ Woher rührt die Zuversicht? „Ich habe bisher keine Kompetenz irgendwo bewiesen, das ist mir bewusst. Ich habe aber zwei Staatsexamina. Alles, was ich angepackt habe, hat irgendwie funktioniert.“ Im Übrigen werde er starke Mitarbeiter und einen starken Rat haben. „Ich bin einfach ein positiver Mensch.“ Und selbstbewusst dazu.

*Anm. d. Red.: Stadtpressesprecher Frank Bußmann weist darauf hin, dass der ausgewählte Bewerber kein SPD-Parteibuch hat.

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