Park-Sheriff zeigt Nachbarn an: „Ich mache das nicht, um Leute zu ärgern“

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Weil ein Nachbar immer wieder Anzeigen wegen verbotenen Parkens beim Ordnungsamt macht, haben Anwohner die Faust in der Tasche; denn sie glaubten sich im Recht.

Dortmund, Gartenstadt

, 30.09.2020, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Anwohner der Anna-Siemsen-Straße, einer Anliegerstraße in der nördlichen Gartenstadt, wähnten sich auf der sicheren Seite, als sie mit zwei Autorädern auf dem Bürgersteig parkten. Doch vor einem Monat hatten Nina Hessing und ihr Vater Heinz Hessing Post vom Ordnungsamt im Briefkasten mit je einem Knöllchen in Höhe von 20 Euro wegen verbotenen Parkens auf dem Gehweg.

Noch ehe sie das mit der Stadt klären konnten, erhielten sie ein paar Tage später wieder ein Knöllchen. Jemand aus der Nachbarschaft hatte sie erneut mit Fotos als Beleg beim Ordnungsamt angezeigt. Der Mann, der sich im Netz „Alltagsradler“ nennt, ist dort bekannt, weil er immer wieder Anzeigen –auch gegen Bewohner anderer Straßen – an die Verkehrsüberwachung schickt.

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Die Anwohner sind sauer auf ihn, zumal sie sich im Recht sehen. Aufgrund einer wiederholten Beschwerde eines Bürgers wegen des Gehwegparkens kam es bereits zweimal zu Ortsterminen mit der Stadtverwaltung.

Beim ersten Mal blieb alles wie es war. Nach der zweiten Beschwerde kam es zu einem Ortstermin mit Mitgliedern der Bezirksvertretung Innenstadt-Ost sowie mit Mitarbeitern von Ordnungs- und Tiefbauamt.

Dabei war man laut Protokoll übereingekommen, dass auf der rechten Seite „ein Gehwegparken angeordnet“ wird mit zwei Rädern auf dem Gehweg, auf der linken Seite ein absolutes Halteverbot eingerichtet wird und die Kosten für Markierungsarbeiten und Verkehrsschilder von der Bezirksvertretung übernommen werden.

Anwohner wollen alte Regelung zurück

Es war ein Kompromiss; denn eigentlich kämpfen die Anwohner für eine Regelung, die seit Jahrzehnten in der Anna-Siemsen-Straße geduldet wurde: Gehwegparken auf beiden Seiten der knapp zwei Meter breiten Bürgersteige. Damals habe sich bis zur ersten Beschwerde niemand behindert oder gefährdet gefühlt, „auch nicht Rollstuhlfahrer oder Personen mit Kinderwagen“, sagt Anwohner Gustl Edringer.

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Sein Nachbar Siegmund Seim plädiert für „Verhältnismäßigkeit“ und ergänzt, ältere und gehbehinderte Anwohner könnten bei einseitigem Parken ihr Auto nicht mehr vor der Haustür abstellen, Haushaltshilfen, Pflegedienste und Handwerker ebenso wenig, während obendrein Autos umliegender Firmen die nur noch zur Hälfte verbliebenen Plätze blockierten.

Die Straße sei mit einer Breite von 9,20 Metern, einschließlich Bürgersteigen, breit genug für beidseitiges Parken. Und jetzt auch noch die Knöllchen für das Gehwegparken, obwohl die Bezirksvertretung doch genau das beschlossen habe.

Nach dem Ortstermin wurden die Halteverbotsschilder aufgestellt, doch die Markierungen fürs Gehwegparken blieben aus. Auf Anfrage dieser Redaktion erklärte Stadtsprecher Christian Schön, die beim Ortstermin getroffenen Vereinbarungen hätten nach weiteren Überprüfungen abgewandelt werden müssen.

Nicht breit genug für beidseitiges Gehwegparken

Laut Sylvia Uehlendahl, Leiterin des Tiefbauamtes komme es „nicht ausschließlich auf die Maße, sondern auch auf die Beschaffenheit des Gehwegs an“. Die Markierung der angedachten Parkstände würden auf den Naturpflastersteinen gar nicht haften.

Zudem verfüge der Fahrbahnquerschnitt der Anna-Siemsen-Straße über eine ausreichende Breite, um legal am rechten Fahrbahnrand zu parken und gleichzeitig eine Fahrgasse von mindestens 3,05 Meter zu gewährleisten. Es sei hier nicht erforderlich, mit zwei Rädern auf dem Gehweg zu parken.

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Dem Wunsch der Anwohner, wie früher beidseitig halb auf dem Gehweg zu parken, erteilte Sylvia Uehlendahl eine Absage. Dieses jahrzehntelang praktizierte Parken sei schon immer illegal gewesen, und eine Legalisierung sei bei einem Straßenquerschnitt von 9,20 Meter nicht möglich, weil für die Fußgänger allenfalls ein Restgehweg von etwa einem Meter Breite auf beiden Seiten bliebe.

„Für den Fußgängerverkehr ist jedoch grundsätzlich ein Restgehweg von mindestens zwei Metern vorzuhalten“, so Uehlendahl. Nur in Ausnahmefällen dürfe das Mindestmaß auf bis zu 1,50 Meter unterschritten werden.

„Anzeigen schreiben ist nicht meine Freizeitbeschäftigung“

Die Bezirksvertretung wurde laut Tiefbauamt damals über die Abwandlung ihres Beschlusses informiert. „Die Anwohner aber nicht“, sagen Nina und Heinz Hessing. Sie meinen, dass in ihrem Fall mit zweierlei Maß gemessen werde, weil einige andere Straßen mit schmaleren Fahrbahnen von den Anzeigen des „Alltagsradlers“ aus der Nachbarschaft verschont geblieben seien.

Auf Nachfrage der Redaktion erklärte der „Alltagsradler“: „Auf der Anna-Siemsen-Straße ist genug Platz zum Parken. Es besteht definitiv keine Notwendigkeit, auf dem Gehweg zu parken.“

Ist es nicht unangenehm, von der Nachbarschaft wegen der Anzeigen angefeindet zu werden? „Ich mache das nicht, um Leute zu ärgern“, sagt der „Alltagsradler“, er habe schon häufig genug mit Autofahrern diskutiert, „die nicht einsehen wollen, dass man schwächeren Verkehrsteilnehmern den Platz geben soll.“

Anzeigen zu schreiben, sagt er, sei nicht seine Freizeitbeschäftigung. „Ich schreibe nicht alle Leute auf, ich mache es da, wo es mich persönlich betrifft.“

Die Anwohner jedenfalls, die eine bessere Information von der Stadt zur Änderung des Bezirksvertretungsbeschlusses erwartet hätten, haben die Faust in der Tasche, zahlen die Knöllchen – und parken jetzt auf der Straße.

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