Parkourläufer ebnen sich eigenen Weg über Hindernisse

hzFitness-Serie

Beim Parkour gibt es keine Sieger oder Verlierer, jeder bewältigt auf seine eigene Art die Hindernisse. Autorin Paulina Würminghausen hat sich mit Dortmunder Trainern auf den Weg gemacht.

Dortmund

, 28.08.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die roten Asphaltsteine geben eine flirrende Hitze ab, in den Ecken riecht es nach Urin. Es ist Samstagmittag in den Sommerferien, nur ein paar Menschen sind in der Stadt unterwegs. Thalis Weizmann von der Dortmunder Gruppe „Symphony of Movements“ steht zwischen Treppe und dem Gauklerbrunnen am Stadtgarten, Schweißtropfen laufen seine Wange hinunter.

Er lehnt sich etwas nach vorne. Dann läuft er los, schwingt sich seitlich über eine flache Mauer, springt in die Lücke zwischen Metallgeländer und Treppe, richtet sich geschmeidig auf der anderen Seite wieder auf. Ein großer Schritt auf die nächste, etwas höhere Mauer, dann ein Sprung über den Bach. Schon steht er oben. Die Treppenstufen hat er kein einziges Mal berührt. „Jetzt du“, fordert er auf.

Der kürzeste Weg führt querfeldein

Was so einfach aussieht, ist mit jahrelanger, harter Arbeit verbunden. Früher trainierte Thalis Weizmann zwei Mal die Woche sechs bis acht Stunden am Tag, mittlerweile sind es „nur“ noch vier bis fünf. Er ist ein Parkourläufer, ein sogenannter Traceur. „Jeder normale Mensch würde einfach die Treppe hochlaufen. Ich versuche aber, den kürzesten Weg querfeldein zu nehmen“, sagt Thalis Weizmann.

Möglichst schnell und effizient von dem einen Ort zum anderen zu gelangen, das ist Parkour. Dabei müssen verschiedene Hindernisse wie Treppen, Geländer oder Mauern überwunden werden.

Insgesamt besteht „Symphony of Movements“ aus 40 bis 50 Menschen und fünf Trainern. Manche trainieren in Gruppen, manche alleine. 50 Orte haben sie bereits für sich entdeckt, neben dem Stadtgarten zum Beispiel die Treppen neben dem Eissportzentrum an der Westfalenhalle oder verschiedene Stellen im Hoesch-Park.

„Aber ein paar aus unserem Team trainieren auch in Wäldern wie der Bolmke, das hat dann eher einen Trailrun-Aspekt“, sagt Thalis Weizmann. Wenn mal indoor trainiert werden soll, trifft sich die Gruppe im Skatepark am Dietrich-Keuning-Haus. Dort werden auch regelmäßig Workshop und Parkour-Events angeboten. Das Angebot ist komplett kostenlos.

Fortbewegungsart hat Ursprung in Frankreich

Die Gruppe aus Dortmund sind jedoch längst nicht die einzigen „Traceure“ oder „Freerunner“, wie sich die Sportler nennen. Die Fortbewegungsart kommt ursprünglich aus Frankreich, wo Ende der 1980er Jahre eine Gruppe um David Belle den Sport für sich entdeckte. „Vor einigen Jahren war Parkour ein großer Hype“, sagt Weizmann. Und ist es immer noch.

Auf dem Portal YouTube gibt es mittlerweile viele Videos mit Millionen Klicks, die die besten Stunts zeigen. Oftmals balancieren die Traceure in den Videos auf Höchhäusern herum, springen von Dach zu Dach oder schlagen beeindruckende Salti.

Wie bei jedem anderen Sport muss man sich auch für Parkours aufwärmen. Sonst kann man sich leicht verletzen.

Wie bei jedem anderen Sport muss man sich auch für Parkours aufwärmen. Sonst kann man sich leicht verletzen. © Oliver Schaper

Bei „Symphony of Movements“ geht es etwas ruhiger zu: „Wir sind keine Extremsportler, wollen das auch gar nicht sein“, sagt Co-Trainerin Mira Kriempardis. Es gehe eher darum, den öffentlichen Raum und die Architektur anders zu nutzen, fügt Thalis Weizmann hinzu.

Und obwohl sie nicht am Rande von Hochhäusern entlang spazieren, sehen die Stunts beeindruckend aus. Durch die Luft zu fliegen, das sei ein Moment völliger Freiheit. „Ehrlich“, sagen beide fast gleichzeitig. So fühle sich das an. „Ich bin dann im Hier und Jetzt, alle Probleme sind vergessen“, sagt Mira Kriempardis.

Als sie zum ersten Mal ganz alleine eine Garage hochkletterte, hatte sie Tränen in den Augen, so frei fühlte sie sich. Manchmal sei es aber frustrierend, wenn man monatelang übt und den Parkours immer noch nicht so schafft, wie man es sich vorstellt. Trotzdem sollte man nicht ungeduldig oder ängstlich werden. „Angst kann dich zwar blockieren, aber sie kann dich auch schützen“, sagt Thalis Weizmann.

Die Basis-Griffe lernt man schnell

Die Gemeinschaft beim Parcours ist groß und über die ganze Welt verteilt, öfters würden die Sportler Traceure in anderen Städten treffen. „Das ist wie Couchsurfing, man kann überall auf der Welt umsonst übernachten“, sagt Mira Kriempardis. Sie habe ihren engsten Freundeskreis im Parkoursport gefunden, und das, obwohl sie alle ganz verschiedene Typen seien. „Ohne Parkours hätten wir uns wahrscheinlich gar nicht kennengelernt.“

In ihren Augen könne jeder Parkour machen, egal ob Jung oder Alt, gelenkig oder nicht. Alles, was man braucht, seien Sportklamotten und eine gesunde Portion Selbsteinschätzung. Die Basics lerne man ganz schnell, etwa, die Hand immer flach und nicht abgespreizt hinzulegen, wenn man sich über Mauern schwingt.

Beim Parkours gibt es nur wenige Regeln, weiß Mira Kriempardis. Eine davon ist, seine Hand immer flach hinzulegen, um Verletzungen zu vermeiden.

Beim Parkours gibt es nur wenige Regeln, weiß Mira Kriempardis. Eine davon ist, seine Hand immer flach hinzulegen, um Verletzungen zu vermeiden. © Oliver Schaper

Thalis Weizmann unterscheidet zwischen drei Leveln im Parkours: Das erste: „Ich schaffe das“, das zweite „Ich kann das“ und das dritte „Ich meister das“.

„Ich schaffe viele Sachen und ich kann viele Sachen, aber meistern tue ich sie nicht“, sagt er über seine eigenen Trainingslevel. Die Übungen im Parkour zu meistern, das heißt, unabhängig vom Ort sofort jedes Hindernis zu bewältigen.

Da das Training häufig an öffentlichen Plätzen stattfindet, müsse die Gruppe ein paar Dinge beachten: Es sei wichtig, Respekt davor zu haben, was erlaubt ist und was nicht. „Manchmal werden wir von der Polizei weggeschickt, aber meistens erfahren wir Zuspruch“, sagt Thalis Weizmann. Schließlich tun die Traceure auch etwas dafür: Wenn Orte vollgemüllt sind oder Scherben herumliegen, machen sie vor dem Training sauber. „Wir wollen Akzeptanz für den Sport schaffen“, sagt Weizmann.

Thalis Weizmann trainiert am liebsten an öffentlichen Plätzen wie hier am Stadtgarten. Oft wird er dabei von Zuschauern bewundert - manchmal aber auch beschimpft.

Thalis Weizmann trainiert am liebsten an öffentlichen Plätzen wie hier am Stadtgarten. Oft wird er dabei von Zuschauern bewundert - manchmal aber auch beschimpft. © Oliver Schaper

Denn die meisten vorbeilaufenden Menschen wissen nicht, warum er die Mauern am Stadtgarten hochklettert oder am Geländer herumturnt. „Die finden das komisch und sehen das Training dahinter nicht“, sagt er. „Angeber“ werde er dann genannt und darauf hingewiesen, dass der Ort nicht dafür gedacht sei.

„Aber wofür ist er denn dann gedacht?“, fragt er. Viele Zuschauer würden auch ungefragt filmen, das müsse man ganz einfach ausblenden. „Und irgendwann wird man selbstbewusster und kann mit solchen Menschen umgehen“, sagt Mira Kriempardis. Diese Entwicklung sehen die beiden auch bei den Kindern, die sie trainieren. „Unsichere oder schüchterne Kinder wandeln sich im Training, werden viel selbstbewusster. Das ist echt schön zu sehen“, sagt die Trainerin.

Ein guter Gleichgewichtssinn ist beim Parkour sicher von Vorteil. Aber auch den kann man trainieren, meint Trainer Thalis Weizmann.

Ein guter Gleichgewichtssinn ist beim Parkour sicher von Vorteil. Aber auch den kann man trainieren, meint Trainer Thalis Weizmann. © Oliver Schaper

Beim Parkour gibt es keine klar definierten Regeln. Und auch keine Verlierer oder Sieger. Jeder habe einen anderen Stil: Mira Kriempardis baue viele Turnelemente wie Radschläge in ihren Parkour ein. Was für einen Stil Thalis Weizmann hat, könne sie gar nicht beschreiben. „Aber ich würde ihn auf fünfzig Meter Entfernung nur anhand seiner Bewegungen erkennen.“

Parkour soll sogar olympisch werden

Deswegen sei eine der wichtigsten Regeln beim Parkour: Vergleiche dich nicht. Jeder habe andere Veranlagungen, wie gut er in dem Sport ist, erklärt Thalis Weizmann. Die Parkour-Rolle zum Vorbeugen von Verletzungen könnten manche Traceure bereits beim ersten Mal perfekt, manche bräuchten ein Jahr dafür. „Es ist immer jemand besser als du. Man sollte nur versuchen, besser als man selbst zu sein“, sagt Thalis Weizmann.

Der Weltturnverband (Fig) will Parkour jedoch zu einem Wettbewerbssport umfunktionieren und ihn ins olympische Programm aufnehmen. Ausgerechnet David Belle, der Mitbegründer der Parkourszene, ist der Vorsitzende des Verbandes.

Nicht nur Thalis Weizmann und Mira Kriempardis sind dagegen: Die gesamte Szene wehre sich gegen das Vorhaben. „Die Kreativität geht verloren, alles wird ein Einheitsbrei“, sagt Thalis Weizmann. Er hoffe, dass sich die Szene durchsetzen kann. Doch die Zeichen stehen gut: Traceur ist Französisch und bedeutet: „Der, der eine Linie zieht“ oder „Der, der sich den Weg ebnet“.

  • Weitere Infos auf Facebook. Dort erfährt man alles über zukünftige Treffen. Oder man schreibt eine E-Mail an: somdortmund@gmail.com
  • Das Dietrich-Keuning-Haus bietet außerdem regelmäßig Parkourtraining für Kinder und Jugendliche an.
Lesen Sie jetzt