Psychisch Erkrankte wie Catharina Friele (33) leiden gerade besonders

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Tages-Einrichtungen für psychisch Erkrankte sind geschlossen, das kann für Betroffene eine Krise bedeuten. Für die Dortmunderin Catharina Friele bricht ein wichtiger Anker ihres Alltags weg.

von Nicola Schubert

Dortmund

, 02.04.2020, 17:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Um 7 Uhr aufstehen, Gassigehen mit dem Hund und dann ab zum Bus. Gegen 16.15 Uhr Rückkehr nach Hause: So sah für viele Menschen bis vor kurzem ihr Alltag aus. Und so war es auch bei Catharina Friele. Die 33-Jährige ist seit drei Jahren Besucherin der Tagesstätte der Halte-Stelle.

Der Verein hat verschiedene Angebote für psychisch Erkrankte, etwa einen täglichen Treff. Sie bekommen hier, was andere aufgrund von Berufstätigkeit von selbst haben: eine Tagesstruktur, einen Grund, morgens aufzustehen. Für viele ist das eine große Hilfe, die nun wegfällt.

Andere Hilfsangebote

„Wir müssen im Moment nach anderen Lösungen suchen“, sagt Carmen Krüger von der Halte-Stelle. Das sind zum Beispiel Aufgaben, die sie Klienten gibt. „Die Teilnehmer unserer Theatergruppe nehmen ihre Rollen-Texte mit dem Handy auf, daraus schneide ich ein Hörspiel.“ Auch Videotelefonie ist im Moment eine Überlegung. „Viele leben aber am Existenzminimum und verfügen gar nicht über die entsprechenden Geräte.“

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Catharina Friele ist Borderlinerin. Seit zwei Jahren geht es ihr gut, auch dank der Halte-Stelle. Ihr Hund Teddy, der morgens ausgeführt werden will, leistet ihr in dieser Zeit Gesellschaft. In der vergangenen Woche hat sie die Wohnung tapeziert, ist bisher ganz gut beschäftigt. Im Moment kümmert sie sich um andere Besucher, ruft sie an, fragt nach.

Damit tut sie das, was die Mitarbeiter aller Tagesstätten und Kontaktstellen in Dortmund tun: telefonieren, was das Zeug hält. Neben der Halte-Stelle sind das die Diakonie, die LWL-Tagesstätte Brackel und der Psychosoziale Trägerverbund Dortmund (PTV). Gemein ist diesen vier Einrichtungen auch, dass sie ambulantes betreutes Wohnen anbieten. Jeweils mit etwas unterschiedlichen Zielgruppen. Das sind neben psychisch Erkrankten zum Beispiel Suchterkrankte oder Menschen mit Behinderung.

Direktkontakt nicht immer möglich

Und hier sitzt für einige ein finanzieller Knackpunkt: Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, über den Gelder für die Klientenbetreuung fließen, schreibt einen „Face-to-Face-Kontakt“ vor, also eine direkte Begegnung. Die ist im Moment schwierig.

Beim betreuten Wohnen schicken die Träger normalerweise einen Mitarbeiter, um Klienten etwa beim Einkauf oder bei Behördengängen zu unterstützen. Das fällt nun weg. Unaufschiebbare Dinge werden weiter zusammen erledigt, etwa der Gang zum Arzt für Depotspritzen, die Psychopharmaka enthalten. Mit dem geforderten Abstand. Doch alle Leistungen können aufgrund der allgemein bekannten Sicherheitsmaßnahmen nicht wie bisher gewährleistet werden.

„Da spielen viele Dinge mit rein“, sagt Ingo Zimmermann vom PTV. „Zugehörige zur Risikogruppe gibt es auf Klienten- und auch auf Mitarbeiterseite. Da müssen wir natürlich alle schützen.“ Rund 900 Menschen betreut der PTV im ambulanten betreuten Wohnen.

„Der LWL hat aber angepasst“, sagt Zimmermann. So könne nun zum Beispiel auch ein Einkauf für den Klienten, den der Mitarbeiter allein macht, abgerechnet werden. Oder der Kontakt über elektronische Medien. Alles geht aber nicht. Der PTV rechnet mit Einbußen von 30 Prozent in der Woche. Ebenso die Diakonie. Die Halte-Stelle geht sogar von 40 bis 50 Prozent aus.

Existenzgefährdungen greifen auch hier

Das ist eine mögliche Bedrohung für solche Einrichtungen. Zumal niemand weiß, wie lange der Zustand andauert oder ob er in den nächsten Monaten immer wiederkehren kann. Die Halte-Stellen-Besucherin Catharina Friele ist gut aufgestellt, sie hat Eltern, die sie sehen kann, ist in guter Verfassung, tapeziert fleißig weiter ihre Wände.

Anderen geht es da anders. „Ich fürchte, dass das viele in eine schwere persönliche Krise stürzen kann“, sagt Halte-Stellen-Geschäftsführer Bernd Rethemeier. Und auch die Träger selbst wissen nicht, wie es weitergeht. Sie sind auf die Gelder des LWL angewiesen.

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Die Gelder im betreuten Wohnen gehen nur indirekt an die Träger. Sie sind für die Leistungen bestimmt, die den einzelnen Klienten zustehen. In einem Hilfeplanverfahren wird der Bedarf berechnet, zum Beispiel drei Fachleistungsstunden pro Woche pro Person. Dafür überweist der LWL Geld an die Träger, die damit ihre Arbeitsplätze finanzieren können – vereinfacht gesprochen.

Kurzarbeit ein Thema

Dem LWL geht es in der Planungsunsicherheit nicht viel anders. Auch hier kann mehr oder weniger nur tagesaktuell entschieden werden. Pressesprecher Thorsten Fechtner erklärt den aktuellen Kurs so: „Bevor wir jetzt viele grundsätzliche Regelungen ändern, setzen wir auf individuelle Lösungen. Das bedeutet, dass die Träger ermitteln können, welche Bedarfe ihre Klienten in der aktuellen Situation haben. Das können sie mit uns abstimmen, wir sind da gut im Kontakt.“

Trotzdem: Kurzarbeit ist sowohl für die Diakonie als auch für die Halte-Stelle ein Thema. Das könnte ihnen auch beim vom Bund beschlossenen Sozialschutz-Paket zugutekommen: Bevor es staatliche Hilfen gibt, muss jede Einrichtung erstmal auf solche Mittel zurückgreifen.

Ein weiteres Mittel könnte sein, Arbeitskräfte aus der eigenen Einrichtung, die aufgrund der Krise weniger gebraucht werden, anderweitig zur Verfügung zu stellen. Wie das alles aussehen kann, ist derzeit aber noch nicht klar.

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