Dortmunder warten bis zu 2,5 Jahre auf Therapieplatz: Das sind die Gründe dafür

hzPsychische Erkrankungen

Immer mehr Dortmunder brauchen eine Psychotherapie. Es gäbe genügend Therapeuten. Trotzdem fehlen Plätze. Das sind die Gründe für die absurde Situation.

Dortmund

, 16.09.2019, 07:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bei circa 18 Millionen Menschen in Deutschland ist eine psychische Erkrankung diagnostiziert, die behandlungsbedürftig ist. Für Dortmund gibt es keine speziellen Fallzahlen, aber viele Hinweise darauf, dass das Problem akut ist.

Psychische Erkrankungen sind in Dortmund der vierthäufigste Grund für Krankschreibungen und der häufigste Grund für dauerhafte Berufsunfähigkeit. Wegen seelischer Probleme einen Therapeuten aufzusuchen, ist gesellschaftlich nicht mehr stigmatisiert. Doch die Strukturen im Gesundheitssystem halten mit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht Schritt.

Wer psychisch krank ist, sollte schnell behandelt werden. Einen gesetzlichen Anspruch darauf gibt es seit 1999. Wer einen der rund 150 Dortmunder Psychotherapeuten anruft, bekommt jedoch meistens eine gleichlautende Antwort. Sie lautet: „Nein, ich habe kurzfristig keinen Therapieplatz frei.“ Die durchschnittliche Wartezeit beträgt in Dortmund rund sieben Monate. In Extremfällen, wie in einer Praxis am Dortmunder Stadtrand, sind es zweieinhalb Jahre.

Diagnose jetzt, Termin in über einem halben Jahr

Wer also beispielsweise jetzt die Diagnose Depression erhält, kann statistisch zu Ostern 2020 eine Behandlung beginnen. Dadurch können sich Probleme verschlimmern oder Betroffene lassen sich entmutigen.

Dortmund ist wie das gesamte Ruhrgebiet unterversorgt – doch eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Die Gründe dafür liegen tief in einer gesetzlichen Systematik. Für alle Regionen in Deutschland gibt es eine Bedarfsplanung. Mehr Therapeuten, als hier festgelegt sind, dürfen über die Kassenärztliche Vereinigung nicht zugelassen werden. Das Ruhrgebiet war bis 2018 eine Sonderregion. Die Großstädte wurden nicht getrennt betrachtet und dadurch ergibt sich ein schlechtes Verhältnis zwischen Einwohnerzahl und zugelassenen Psychotherapeutenplätzen.

Warum das Ruhrgebiet besonders schlecht mit Psychotherapeuten versorgt ist

Der Sonderstatus ist mittlerweile aufgehoben, die Mangelversorgung bleibt. In Dortmund kommt laut Statistik ein Psychotherapeut auf 5424 Einwohner. In Münster oder Bielefeld gibt es fast doppelt so viele Psychotherapeuten pro Bewohner.

„Das liegt daran, dass der Bedarf nie empirisch ermittelt worden ist. Stattdessen soll Psychotherapie immer nur nach der Vorgabe der Krankenkassen kostenneutral sein“, sagt Manfred Radau, Vorsitzender des Beratenden Fachausschusses Psychotherapie der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL).

Statistisch gesehen gilt Dortmund mit 136,2 Prozent als überversorgt. Die Psychotherapeutenkammer NRW hat jedoch errechnet, dass die Zahl der Angebote in Dortmund in Wirklichkeit nur für 56 Prozent der Betroffenen reicht.

Von der Honorierung bis zur Bedarfsplanung: Es gibt viele grundlegende Probleme

Es gibt stattdessen weiterhin viele strukturelle Probleme. Die Aus- und Weiterbildung wird gerade reformiert. Zudem wünschen sich viele Therapeuten mehr Kompetenzen, etwa die Möglichkeit, Patienten krankschreiben zu dürfen. Die Honorierung bleibt ein großes Problem. Keine Fachrichtung in der Kassenärztlichen Vereinigung wird schlechter bezahlt als Psychotherapeuten. „Trotzdem haben wir keinen Nachwuchsmangel“, sagt Dr. Gerhard Nordmann, Vorsitzender der KVWL.

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Eine Idee gegen die Terminnot sind Online-Erstberatungen. Computerprogramme sollen auf Anordnung der Krankenkasse psychische Erkrankungen erkennen. Barabara Lubisch, Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, sieht das skeptisch: „Es muss immer eine fachliche Begleitung geben.“

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