Hilfe für Raucher: Forscher der TU Dortmund züchten Tabak ohne Nikotin

hzInterTabac

Rauchen ist tödlich. Deshalb haben Forscher der TU Dortmund Tabak ohne Nikotin gezüchtet. Er kann Rauchern beim Aufhören helfen. Präsentiert wird die Pflanze jetzt bei der Messe InterTabac.

von Ines Maria Eckermann

Dortmund

, 19.09.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

14,85 Millionen Deutsche rauchen täglich und setzen sich damit einem starken Nervengift aus: Nikotin. Tabak, ohne den gefährlichen Stoff herzustellen, war das Ziel von Felix Stehle und Julia Schachtsiek von der TU Dort­mund. Nun ist es ihnen gelungen.

Vom Wüterich zum entspannten Raucher

Eigentlich soll das Nikotin die Blätter der Tabakpflanze vor Fressfeinden schützen. Tiere schreckt die Pflanze damit wirkungsvoll ab. Doch die Natur hat die Rechnung ohne den Menschen gemacht: Subjektiv erzeugt der Tabak bei Rauchern für kurze Zeit ein Glücksgefühl. Die Konzentration steigt, Hunger, Unruhe und Stress lösen sich in Rauch auf.

Schnell wird aus dem Genuss ein Zwang. Denn Nikotin gehört zu den Stoffen mit dem höchsten Suchtpotenzial. Das brachte Stehle auf die Idee: „Mit Freunden hatte ich mich über laktosefreie Milch und glutenfreies Mehl unterhalten. Dabei fiel uns auf, dass es noch keinen nikotinfreien Tabak gibt.“ Aus einer Diskussion unter Freunden machte der Bio- und Chemieingenieur ein Forschungsprojekt.

Mit der Schere ins Erbgut

Wie so oft in der Forschung begann alles in einer Petrischale: In diese legten Stehle und Schachtsiek Blätter einer Tabakpflanze und übergossen sie mit einer Lösung. Darin befand sich etwas, das Forscher als Genschere bezeichnen. Eine Kombination aus einem Eiweiß, das das Erbgut der Pflanze aufschneidet und Molekülen, die der Schere sagen, wo sie den Schnitt setzen soll.

Ihr Ziel: Die Gene, die für die Nikotinproduktion sorgen. Dabei hofften die Forscher darauf, dass die Zelle einen Fehler macht – oder genauer: 12 Fehler. So viele Stellen sind im Erbgut der Tabakpflanze dafür verantwortlich, dass die Blätter das Nervengift enthalten.

Die Zelle möchte die Schnitte wieder reparieren und dabei passieren immer wieder Fehler. Meist hat das keine Auswirkungen, manchmal aber eben doch. Dann kann die Information nicht mehr korrekt umgesetzt werden. Und wenn alle 12 Stellen betroffen sind, die für die Produktion des Nikotins zuständig sind, verlieren die Blätter ihr Gift.

Drei Jahre gegen das Gift

Stehle ist seit rund sieben Jahren nikotinfrei. Die Entwöhnung der Pflanze hat deutlich länger gedauert, als bei ihm: Fast drei Jahre lang suchte das Team nach einer Pflanze, bei der alle Gene für die Nikotinproduktion inaktiv waren.

Am Ende hatten sie genau eine Pflanze, von der sie nun die Samen nutzen können. Danach entfernten sie die Genschere. „Unserem Verständnis nach ist die Pflanze nun gentechnikfrei“, sagt Stehle. Nach europäischem Recht dürfen auf diese Weise hergestellte Pflanzen dennoch nicht unter freiem Himmel angebaut werden. Deshalb steckten sie ihre grünen Köpfe erstmal im Keller des Gebäudes auf dem Campus Nord aus der Erde. Unter künstlichem Licht.

Neuer Ansatz für ein altes Problem

Schon in den 1920er-Jahren experimentierten Forscher mit der Züchtung nikotinfreier Tabakpflanzen. Doch der Geschmack der neuen Züchtungen ließ so sehr zu Wünschen übrig, dass sich dieser Tabak nie durchsetzen konnte. Ob der Tabak aus den Kellerpflanzen der TU schmeckt, konnte Stehle noch nicht testen. Doch schon jetzt ist klar: In den Blättern steckt 400 mal weniger Nikotin als in herkömmlichen Pflanzen. Damit ist es nicht mehr nachweisbar.

Innovation auf der Messe

Am Sonntag (22.9.) stellt Stehle sein weltweit einmaliges Forschungsergebnis auf der Messe InterTabac in den Westfalenhallen vor. „Der Tabak könnte genutzt werden, wenn man mit dem Rauchen aufhören möchte“, erklärt Stehle den praktischen Nutzen seiner Forschung. „Denn Rauchen hat immer zwei Komponenten: Die Sucht und die Gewohnheit.“

Die Sucht könne der Körper innerhalb von zwei Wochen überwinden, doch die Gewohnheit sei stärker. Mit einer Mischung aus normalem und nikotinfreiem Tabak könnten Raucher die Gewohnheit nach und nach ablegen.

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