Ein Kampf gegen sich selbst, die brennenden Beine und den Berg. Unser Autor Lukas Wittland hat beim Rennradkurs des Unisports eine schmerzhafte Erfahrung gemacht.

Dortmund

, 02.09.2018, 04:21 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ein Schmerzgewitter donnert in meinen Beinen. Schweiß rinnt unter dem Helm herunter und tropft auf den Rahmen meines Rennrads. Das Herz pumpt Sauerstoff in meinen Körper. Nicht genug. Meine Oberschenkelmuskeln übersäuern völlig. Bei jedem Tritt in die Pedale krampfen sie. Aus dem Sattel gehen kann ich nicht mehr, dann machen die Beine komplett zu.

„Wittland, du kannst nicht mehr“, geben mir meine Beine zu verstehen. „Gleich haben wir die Hälfte des Anstiegs geschafft“, versucht Martin Temmen, einer der drei Leiter der Rennradgruppe beim Unisport der TU Dortmund, mich zu motivieren. In meinem Kopf hämmert es: „Warum tue ich mir das an?“

Regelrecht entspannt fährt Martin (beim Sport duzt man sich schließlich) einige Meter vor mir. Die anderen der Unisport-Rennradgruppe sind längst enteilt. Jeder fährt ab dem Anstieg sein eigenes Tempo. Mit schneckenartigen 11 km/h krieche ich den Berg hinauf.

Martin Temmen, Jonas von Haebler und Hendrik Schrandt sind wissenschaftliche Mitarbeiter der TU Dortmund und leiten den Rennrad-Kurs des Unisport.

Martin Temmen, Jonas von Haebler und Hendrik Schrandt sind wissenschaftliche Mitarbeiter der TU Dortmund und leiten den Rennrad-Kurs des Unisport. © Dieter Menne

Mein persönliches L’Alpe d’Huez

Wobei sich sicherlich darüber streiten lässt, ob Berg die richtige Bezeichnung ist. Der Bürenbrucher Weg in Schwerte hinauf zur Iserlohner Schälkstraße ist sicher kein Le Bourg-d’Oisans nach L’Alpe d’Huez, der legendären Tour-de-France Bergankunft, aber tut mit seinen gut 180 Höhenmetern auf circa sechs Kilometern trotzdem ganz schön weh.

Oben angekommen warten die anderen auf mich. Ich blicke auf den Tacho: gut 45 Kilometer gefahren, noch 25 übrig. „Wie soll das gehen, wenn meine Beine jetzt schon krampfen“, frage ich mich. Martin drückt mir eine Banane in die Hand. Ich sehe offensichtlich so aus, als könnte ich ein bisschen Energie vertragen.

Christoph Edeler, Leiter des Unisports an der TU und vorab mein Ansprechpartner, sagt lachend: „Jetzt verstehst du auch, warum ich am Telefon so oft nachgefragt habe.“ Als ich ihm von unserer Fitness-Serie und meinem Rennrad erzählte, war bei seinen Fragen die Skepsis durchaus herauszuhören: „Hast du Erfahrungen auf dem Rennrad?“ – „Ich fahre schon regelmäßig, dann aber eher kürzere Strecken.“ – „Du bist also noch nie so eine Tour auf dem Rad mitgefahren?“ – „Nein, aber das schaffe ich schon.“ – „Und du sagtest, dein Rennrad sei schon etwas älter?“ – „Ja, circa aus den 80er-Jahren und mit Rahmenschaltung. Mein Nachbar hat mir das überlassen. Zur Not quäle ich mich dann halt ein wenig.“

Und das muss ich dann auch - nicht nur ein bisschen. Ich fühle mich durch mein Fußballtraining und anderen Sport fit, hatte aber durchaus Respekt vor der Distanz und dem Tempo. Mein Gedanke „ist ja nur Radfahren“, stellt sich jedoch schnell als sehr naiv heraus. Dabei laufen die ersten 35 Kilometer echt gut.

Die hügelige Landschaft südlich von Dortmund

Von der Universität aus fahren wir anfangs parallel zur A45 in Richtung Süden und dann hoch auf den Schnee. Die circa 150 Höhenmeter sind mit erst sechs gefahrenen Kilometern gut machbar und die darauffolgende Abfahrt herunter zur Ruhr macht einfach nur Spaß. 62 km/h zeigt mein Tacho als Spitzengeschwindigkeit an.

Doch hier merke ich auch erstmals den Unterschied zwischen meinem Retro-Rad und den Carbon-Rennmaschinen meiner Mitfahrer. Ich trete bergab wie verrückt in die Pedale, schaffe es aber nicht, näher an die anderen heranzukommen. Im Gegenteil, sie entfernen sich immer weiter. Die Übersetzung meines Rads lässt nicht mehr zu.

Die Übersetzung meines Rennrads macht mir auch bergab Probleme. Obwohl ich in die Pedale trete, fahren mir die anderen davon.

Die Übersetzung meines Rennrads macht mir auch bergab Probleme. Obwohl ich in die Pedale trete, fahren mir die anderen davon. © Lukas Wittland

Doch zu diesem Zeitpunkt lassen meine Beine und meine Lunge noch zu, den Blick auch mal von der Straße weg nach links und rechts schweifen zu lassen. Zu den Schwänen auf dem Harkortsee und den Tretbooten auf dem Hengsteysee, hoch zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal an den Ruhrsteilhängen der Hohensyburg.

Dortmund eignet sich für Anfänger und Fortgeschrittene

Und auch Gespräche sind noch drin. Martin Temmen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeographie, lobt Dortmunds Radfahr-Vorzüge: „Anfänger können perfekt in Richtung Münsterland nach Norden herausfahren. Dort ist es flach mit teilweise leichten Anstiegen, die aber nie lang sind.“

Richtung Süden sei es hingegen hügeliger und eher für fortgeschrittene Fahrer geeignet. „Außerdem hat Dortmund noch als Besonderheit die Radbahn in der Nähe von Phoenix-West im Wald. Dort kann man ohne Autoverkehr seine Runden drehen“, sagt Martin. „Mit wenig Verkehr kann man das auch abends gut an Phoenix-West tun.“

Da war noch alles in Ordnung. Gemeinsam mit Martin Temmen (links) fahre ich am Ende des Feldes.

Da war noch alles in Ordnung. Gemeinsam mit Martin Temmen (links) fahre ich am Ende des Feldes. © Christoph Edeler

Außerdem erzählt der 33-Jährige von seinem letzten Urlaub: Er war elf Tage in Europa unterwegs. Gut 4000 Kilometer. Alles auf dem Rennrad. „Ich habe drei Stunden in der Nacht geschlafen und eine am Tag, weil ich die Hitze tagsüber nicht so abkonnte“, erzählt der gebürtige Frankfurter.

Als Siebtschnellster schaffte er die Strecke von Geraarsbergen in Belgien, über die Alpen, hoch zur polnisch-tschechischen Grenze und dann runter nach Griechenland zu den Meteora-Klöstern. „Was richtig schlimm ist, sind die Hände. Durch den Druck, den man vom Lenker bekommt, werden sie irgendwann taub“, sagt der 34-Jährige. Noch vier Wochen nach dem Transcontinental Race sind seine kleinen Finger und Ringfinger leicht taub. „Aber das geht bald weg“, sagt Martin.

Als er mir davon erzählt, erscheinen mir 4000 Kilometer schon nicht machbar, als wir dann aber am Ortschild Schwerte-Ergste vorbeifahren und in den Bürenbrucher Weg einbiegen, kommt es mir schlicht unmenschlich vor.

Ich fahre wie im Tunnel

Und damit sind wir auch wieder am Anfang der Geschichte von meiner Tour der Schmerzen, die die letzten 25 Kilometer ziemlich gleichbleibend qualvoll bleiben sollte. Angetrieben von der Motivation meiner Mitfahrer fahre ich einfach nur noch: „Das Schlimmste haben wir hinter uns. Komm, in meinen Windschatten.“ Immer wieder befördert mich jemand mit einem helfenden Schubser ein paar Meter nach vorne. „Komm, bleib dran“, sagt der eine „Jetzt nur noch den Berg hoch und dann haben wir’s“, sagt ein anderer.

Einfach fahren: Den letzten Berg hoch zum Höchsten versuche ich nur noch hinter mich zu bringen.

Einfach fahren: Den letzten Berg hoch zum Höchsten versuche ich nur noch hinter mich zu bringen. © Christoph Edeler

Und dieser Berg ist kurz vor Schluss noch einmal besonders schön: Von der Sölder Straße in Schwerte geht es hinauf zum Höchsten. Noch einmal gut 100 Höhenmeter, die ich entweder mit einer Hand von Christoph Edeler auf dem Rücken, der mich anschiebt, fahre oder in seinem Windschatten.

Dass ich mit den Kräften am Ende bin, schlägt sich jetzt auch auf meine Konzentration nieder. Kurzzeitig gerate ich ins Schlingern und fahre zick-zack. Nach dann noch einmal endlos lang erscheinenden Kilometern über die Zillestraße und durch Barop bin ich froh, die Universität zu sehen und vom Fahrrad steigen zu können. Ich bin - Achtung Wortspiel - einfach nur gerädert.

Mittwochs von 17-20 Uhr treffen sich Mitarbeiter und Studenten der TU Dortmund zum gemeinsamen Rennrad fahren an der Otto-Hahn-Straße 3 an der Universität. In der Regel fahren sie in einer Gruppe von 12 bis 14 Fahrern. Die Teilnehmer brauchen eine Sportkarte des Hochschulsports, mit ihr ist die Teilnahme kostenlos. Mitzubringen sind ein Rennrad und ein Radhelm.
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