Rückfallgefahr: Kokainsüchtige Mutter (34) wartet seit Monaten auf Reha-Platz

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17 Jahre lang hat sie gekokst. Bis ihr kleiner Sohn zur Welt kam. Die Dortmunderin machte einen Express-Entzug - doch seitdem fühlt sie sich vom System alleingelassen. Es kam zu Rückfällen.

Dortmund

, 26.01.2020, 10:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich wollte Lena Steinmann (Name geändert) nie Kinder. Bis Anfang 2019, bis die damals 33-Jährige bemerkt hat, dass sie schwanger ist. Da war sie schon im fünften Monat, deutlich zu spät für eine Abtreibung. Und höchste Zeit, mit dem Kokain aufzuhören.

Seit ihrem 17. Lebensjahr hat Steinmann gekokst. Nicht durchgängig, immer mal wieder, aber schon so, dass es über Wochen jeden Morgen das gab, was sie „Sportlerfrühstück“ nennt: eine Nase Kokain vor der Arbeit.

„Da hatte sie das ganze Geld verkokst“

Ihre Arbeit habe sie nie schludern lassen, betont die Dortmunderin. Aber die Sache mit dem Kokain wurde so schlimm, dass sie fast aus ihrer Wohnung geflogen wäre. Ihre Mutter musste drei Monatsmieten für sie zahlen: „Da hatte sie das ganze Geld verkokst“, sagt die Mutter.

Erst als der kleine Sohn im Sommer auf die Welt kam, merkte Lena Steinmann so richtig, dass ihr Leben so nicht weitergehen kann. „Er ist mein Ein und Alles, ich liebe ihn über alles. Aber es war mir am Anfang alles zu viel“, sagt sie.

Ihre Wohnung in der Reihenhaussiedlung sieht nicht aus wie die einer klischeemäßigen Drogenabhängigen: „Ich bin sehr pingelig, muss jeden Tag saugen, die Fernbedienungen müssen gerade liegen. Ich mache mir selbst viel Druck.“

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Ein Schrei-Baby, wenig Geld, ein Partner, mit dem es häufig Streit gab, ein Pferd, das es zu versorgen galt - und eben ein bemerkenswertes Drogenproblem. Lena Steinmann fuhr mit ihrer Mutter Anfang Oktober zur Entgiftung in die LWL-Klinik in Dortmund-Aplerbeck. Aus komplett freien Stücken, ohne jeden Kontakt mit der Polizei, wie sie betont.

Mit einem Vierteljahr Abstand sagt die heute 34-Jährige: „Da waren richtige Opfer, die haben mich gefragt, ob ich eine neue Mitarbeiterin bin.“ So „normal“ habe sie für die anderen ausgesehen.

Sechs Tage lang war sie in der Klinik

Nur sechs Tage lang war Steinmann stationär in der Klinik. Wegen des Sohnes wollte sie so schnell wie möglich wieder raus. Sieben bis zehn Tage seien normal, sei ihr gesagt worden. Drogenberatungsstellen-Chef Wolfram Schulte meint, zehn Tage bis drei Wochen seien eher die Regel.

Als sie entlassen wurde, sollte sich die Frau bei Schultes Einrichtung Drobs am Schwanenwall melden. Dort fühlt sie sich auch gut betreut. Doch auf einen Reha-Platz zur weiteren Betreuung wartet sie seit Oktober - also mehr als drei Monate lang.

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„Ein Blatt muss der Hausarzt ausfüllen, mit einem muss man zur Krankenkasse“, erzählt Steinmann. Der Antrag für die Reha wurde dann zur Rentenversicherung geschickt: „Dann wartet man“, sagt die heute 34-Jährige. Dabei fehlt Drogenabhängigen, die mental nicht sehr gefestigt sind, in der Regel die Geduld, zu warten.

„Bei mir gab es auch Rückfälle“, sagt Steinmann und wird deutlich leiser. Als es mal wieder zu Streit mit ihrem Partner kam - sie sind inzwischen kein Paar mehr, leben aber noch in derselben Wohnung - hat sie sich wieder Kokain besorgt. Einfach, um gut drauf zu sein und Probleme zu vergessen, sagt sie.

„Das kann Bereiche der Psyche betreffen, wo es wehtut“

Wolfram Schulte sagt, nach der Entgiftung müssen die Betroffenen auf die Reha vorbereitet werden. „Derjenige muss wissen, dass Rehabilitation nicht heißt, in einem Krankenhaus zu liegen. Das kann auch Bereiche der menschlichen Psyche betreffen, wo es wehtut.“ Deshalb sei eine längere Wartezeit manchmal sinnvoll.

Sicherlich gebe es administrative Hürden wegen der Antragstellung. Meistens handele es sich dabei um „einen Zeitraum zwischen Wochen und Monaten“, so Schulte. Aber: „Eine Reha macht eh nur Sinn, wenn der Mensch sie selbst auch will.“

Der Fachmann meint: „Es wäre natürlich schön, wenn man immer schnell vermitteln könnte. Man kann die Wartezeit aber auch gut nutzen.“ Sicherlich wolle ein Betroffener immer, dass es möglichst schnell weitergeht. Schulte habe aber auch Klienten, die erst zwei Jahre nach der Entgiftung eine Reha gestartet haben - und darüber heute sehr glücklich seien. So etwas kann gutgehen. Der Abhängige kann aber auch einfach rückfällig werden und sich nicht mehr melden.

Ob es zu wenig Behandlungsplätze für Drogenabhängige gibt, möchte Wolfram Schulte nicht sagen. Im Winter seien aber grundsätzlich mehr Menschen in seiner Beratungsstelle als im Sommer, sagt er nur. „Zum Ende des Jahres kommt man ins Bilanzieren und es gibt häufiger depressive Verstimmungen“, so Schulte.

Sie weiß genau, wo sie neuen Stoff bekommen könnte

Lena Steinmann ist gerade gar nicht glücklich mit ihrer Wartezeit. Sie möchte gerne weitere Hilfe bekommen, um endgültig ohne Kokain leben zu können. Sie weiß genau, wo sie immer noch neuen Stoff bekommen könnte. An der Brückstraße oder in Discos, erzählt sie. Sie könnte auch einfach einen Dealer anrufen, der ihr ein Tütchen zur Haustür bringt.

Viele Kontakte von früher seien das, „Freunde, die nicht wirklich viel in ihrem Leben hingekriegt haben“, so Steinmann. Zu den meisten habe sie keinen Kontakt mehr. Nur zu einem aus dem Milieu: „Aber der verkauft nicht das, was ich mag. Das ist mein bester Freund, der würde mir nie etwas andrehen wollen.“ Dem Baby im Haushalt ist zu wünschen, dass sie Recht behält.

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