Gut 200 Teilnehmer machten sich am Sonntag auf den „Weg der Verbundenheit“ mit der jüdischen Gemeinde. Es war eine Mischung aus kulturellem Spaziergang und Demonstration. © Stephan Schütze
Weg der Verbundenheit

Rund 200 Spaziergänger erinnern an „ein Wunder mitten in Dortmund“

Mit dem „Weg der Verbundenheit“ erinnerten am Sonntag die Kirchen und die jüdische Gemeinde in Dortmund an die jüdische Tradition in der Stadt. Es war zugleich eine Demonstration.

Bundesweit werden in diesem Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert, wobei die Feiern angesichts der Corona-Pandemie natürlich eingeschränkt sind.

Ein ganz besonderes Format haben deshalb die evangelische und katholische Kirche gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde in Dortmund und der Stadt Dortmund gefunden, um das Ereignis zu würdigen. Sie luden am Sonntag (5.9.) gemeinsam zum „Weg der Verbundenheit“ ein.

Es sei ein „öffentlicher Spaziergang für alle, die jüdisches Leben in Dortmund kennenlernen und unterstützen wollen“, hieß es in der Einladung.

„Zugleich ist es eine Demonstration. Denn wir wollen damit ein Zeichen setzen gegen Antisemitismus“, erklärte Pfarrer Friedrich Stiller von der evangelischen Kirche zur Begrüßung der rund 200 Teilnehmer auf dem Platz der Alten Synagoge.

Die Umrisse der Alten Synagoge stellten die Teilnehmer des „Wegs der Verbundenheit“ auf dem Platz vor dem Opernhaus nach.
Die Umrisse der Alten Synagoge stellten die Teilnehmer des „Wegs der Verbundenheit“ auf dem Platz vor dem Opernhaus nach. © Oliver Volmerich © Oliver Volmerich

Der Weg führte über sechs Stationen durch die Innenstadt und war so gleichsam ein Streifzug durch die jüdische Geschichte in Dortmund. Denn der „Weg der Verbundenheit“ begann vor dem Opernhaus am Platz der Alten Synagoge – dort, wo von 1900 bis 1938 ein prachtvolles Gotteshaus der jüdischen Gemeinden gestanden hatte, an das auch Zwi Rappoport von der jüdischen Kultusgemeinden erinnerte.

Erinnerung an die Alte Synagoge

Und es wurde am Sonntag auf ungewöhnliche Weise wieder lebendig. Denn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bildeten die Umrisse der Synagoge, die auf Geheiß der Nationalsozialisten 1938 abgerissen wurde, auf dem Platz nach.

Friedrich Stiller regte bei der Gelegenheit an, ein großes Modell der Synagoge auf dem Platz aufstellen zu lassen und dafür Geld zu sammeln.

Welche Rolle jüdische Mitbürger für Dortmund hatten, machte Oberbürgermeister Thomas Westphal vor dem Rathaus auf dem Friedensplatz deutlich. Er erinnerte an Paul Hirsch, der von 1925 bis 1932 der erste und einzige jüdische Bürgermeister von Dortmund war und damals die Eingemeindung vieler heutiger Stadtteile von Hörde bis Mengede organisierte.

Oberbürgermeister Thomas Westphal (r.) erinnerte am Friedensplatz an den früheren jüdischen Bürgermeister Paul Hirsch.
Oberbürgermeister Thomas Westphal (r.) erinnerte am Friedensplatz an den früheren jüdischen Bürgermeister Paul Hirsch. © Oliver Volmerich © Oliver Volmerich

„Ohne ihn wären wir nicht die Großstadt, die wir heute sind“, sagte Westphal. Er sei ein gutes Beispiel dafür, dass jüdische Menschen die Stadt „zu ihrem Positiven mitgestaltet haben“.

Aktions- und Kulturprogramm

An jeder Station gab es ein eigenes Aktions- und Kulturprogramm – musikalisch gestaltet etwa vom Trio Wollner/Senst/Siebenhaar oder vom Jugendkonzertchor der Chorakademie Dortmund.

Bei der dritten Station vor St. Reinoldi erinnerten die evangelische Pfarrerin Annette Back und Pfarrer Ansgar Schocke von der katholischen Stadtkirche gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Max-Planck-Gymnasiums an Antisemitismus und die Mitschuld der Kirchen.

Jüdische Regeln und Einrichtungen

Danach ging es am Eiscafé Cream an der Kaiserstraße um jüdische Speiseregeln und am jüdischen Kindergarten an der Arndtstraße um jüdische Einrichtungen bevor das Finale in der jüdischen Gemeinde an der Prinz-Friedrich-Karl-Straße einen Tag vor dem jüdischen Neujahrsfest zum Fest der Verbundenheit wurde.

Dass die jüdische Gemeinde gleich nach dem Ende von Krieg und Holocaust im Sommer 1945 wiedergegründet worden war, bezeichnete Friedrich Stiller als „ein Wunder mitten in Dortmund“. Und Oberbürgermeister Thomas Westphal stellte fest: „Wir sind glücklich und froh, dass wir wieder eine lebendige jüdische Gemeinde in Dortmund haben.“.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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