Tobias Jeckel hat gegen Drogensucht und Obdachlosigkeit gekämpft. Jetzt steht er in seiner eigenen Wohnung. © Oliver Schaper
Wohnungslosigkeit

„Schlechter Film“ mit Happy End: 41-Jähriger besiegt Sucht und Obdachlosigkeit

Die Drogensucht hat Tobias Jeckel im Griff gehabt. Über Monate lebte der 41-Jährige auf der Straße. Er bettelte in der Innenstadt. Jetzt erzählt der Familienvater, was ihn gerettet hat.

Alkohol, Cannabis und Heroin haben Tobias Jeckel rund 20 Jahre durch den Alltag begleitet. Angefangen habe seine „Suchtkarriere“ als er 18 Jahre alt war, erzählt der 41-Jährige. Die Drogen haben sein Leben bestimmt, ihm alles kaputt gemacht, sagt er.

Offen spricht er über seine Vergangenheit. Irgendwann türmten sich die Schulden. Drei Monate lebte er zwischenzeitlich auf der Straße. Weil er dutzende Bußgelder nicht zahlen konnte, musste er auch mal für drei Monate wegen Schwarzfahrens ins Gefängnis. Vor rund drei Jahren hat sich für den Dortmunder aber alles schlagartig verändert: Seine Lebensgefährtin wurde schwanger.

Jeckel: Freunde gibt es in der Drogenszene nicht

Zwei Ausbildungen hatte Tobias Jeckel nach der Hauptschule begonnen. Als Kunststoffschlosser und als Maler und Lackierer habe er sich ausprobiert. Dazwischen seien ihm beide Male die Fehlzeiten wegen des Drogenkonsums gekommen, schildert er. Immer mal wieder habe er in Lagern gejobbt, aber nie habe er etwas durchziehen können, sagt der dreifache Familienvater nun in seiner Wohnung in Brechten.

Bis 2017 lebte der 41-Jährige in einer „Drogen-Zweck-Wohngemeinschaft“ in Hagen, wo es weder eine Küche noch Möbel gegeben habe: „Das war wie in einem schlechten Film. In meinem Zimmer lag nur eine Matratze.“ Von dort habe er irgendwann nur noch weg gewollt, raus aus der Stadt. Freunde habe man in der Drogenszene sowieso nur, wenn man Geld habe, erzählt er: „Beim Absturz beklauen sie dich am Ende noch.“

Neuanfang in Dortmund: Das Leben auf der Straße

Den Neuanfang startete er zusammen mit seiner Lebensgefährtin im September 2017 in der Dortmunder Innenstadt – auf der Straße. „Du bist ständig müde, du schläfst nie richtig, alles tut dir weh“, schildert der 41-Jährige sein damaliges Leben.

Zum Aufwärmen ist das Paar durch die Geschäfte gezogen, Frühstück hat es im Gast-Haus an der Rheinischen Straße gegeben. Das Geld für ihre Drogen haben sie sich in der Innenstadt von Passanten erbettelt: „Das ist kein schönes Leben.“

Mit der Hilfe der Diakonie haben Jeckel und seine Lebensgefährtin schließlich Geld beim Amt beantragt, sagt er. Sie bekamen bei der Diakonie ein Postfach, um eine Postadresse angeben zu können. Sie begaben sich auf Wohnungssuche und nach drei Monaten auf der Straße bezogen sie ihre erste Wohnung in der Nordstadt – und die Freundin von Tobias Jeckel wurde schwanger.

„Meine Kinder sind jetzt meine Droge“

Im November wird sein Sohn drei Jahre alt, ist kerngesund und hat kürzlich zwei kleine Geschwister bekommen. Für die Drei sind ihre Eltern clean geworden und haben ihr Leben komplett umgekrempelt. Der Wille sei immer da gewesen, etwas zu ändern, aber erst durch seine Kinder habe er es geschafft, erzählt Tobias Jeckel. Ganz klar: „Meine Kinder sind jetzt meine Droge. Sie sind das Schönste, was mir hätte passieren können.“

Jetzt mache er schon seit einem Jahr eine Umschulung zum Konstruktionsmechaniker, sagt der Dortmunder stolz. Bald stehe seine Zwischenprüfung an. Besonders wichtig sei es ihm, für seine Kinder ein gutes Vorbild zu sein und arbeiten zu gehen.

Tobias Jeckel will Hilfe zurückgeben

Alleine hätte er es aber niemals geschafft, die Sucht und die Obdachlosigkeit zu besiegen, unterstreicht der 41-Jährige. Zwar brauche man einen starken Willen und eigene Antriebskraft, selbst wenn es schwerfalle, entscheidend sei aber auch das breite Hilfsprogramm in Dortmund für ihn gewesen.

Um Hilfe zurückzugeben, die er jahrelang bekommen hat, unterstützt Jeckel nun Aktionen für obdachlose Menschen, etwa auch die der Young Caritas in Dortmund. Sobald es möglich sein sollte, könne er sich sogar vorstellen, Vorträge vor Schulklassen zu halten.

Über die Autorin
Volontärin
Ist am Niederrhein geboren und aufgewachsen. Hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und lebt seitdem in ihrer Wahlheimat Bochum. Liebt das Ruhrgebiet und all seine spannenden Menschen und Geschichten.
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