Schulkinder mit Deutsch-Defiziten: So würde eine Dortmunder Forscherin das Problem lösen

hzLinnemann-Debatte

Sollten Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen in die Grundschule dürfen? Die Aussagen von Carsten Linnemann (CDU) sorgen bundesweit für Wirbel. Das sagt eine Dortmunder Schul-Forscherin.

Dortmund

, 09.08.2019, 11:47 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist eine Aussage, die bundesweit die Gemüter erhitzt: Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen hätten „auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“.

Die Aussage stammt von Carsten Linnemann, Bundestagsabgeordneter der CDU, getätigt in einem Interview mit der Rheinischen Post.

Gleichzeitig forderte er aber auch eine verpflichtende Förderung dieser Kinder in Vorschulen. Daraus entbrannte bundesweit eine politische Debatte um die Integration von Migrantenkindern.

Ein politischer Paukenschlag oder eine wissenschaftlich fundierte Aussage? Die geschäftsführende Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund, Prof. Dr. Nele McElvany, ist da zwiegespalten. „Ich würde Herrn Linnemann in dem Punkt zustimmen, dass die Frage besteht, wie wir solche Kinder besser fördern können“, sagt sie.

Auch Deutsche sprechen schlechter Deutsch

Die Schlussfolgerung, diese Kinder hätten auf Grundschulen noch nichts zu suchen, teile sie jedoch nicht. Diese Aussage sei „eher dem Bereich des Populismus zuzuordnen“, sagt McElvany. Denn Schule sei seit jeher dafür da, auch Sprachkompetenzen zu fördern. Ohnehin sei die Debatte kein neues Thema. Dass es gerade jetzt so für Wirbel sorge, „ist eher dem Sommerloch zuzuordnen“, sagt McElvany.

Dennoch: Die Entwicklung, dass immer mehr Kinder zuhause mit einer anderen Sprache aufwachsen und so mit schlechteren Deutschkenntnissen in die Grundschulen kommen, bestehe. „Das sind aber nicht nur Kinder, die mit einer anderen Familiensprache aufwachsen“, sagt die Wissenschaftlerin. „Es gibt auch immer mehr Kinder mit deutscher Familiensprache, die mit einem sehr begrenzten Wortschatz in die Grundschulen kommen.“

Kindergärten stärker in den Fokus rücken

Gerade in einer Stadt wie Dortmund – als Ballungsraum und Großstadt – habe das Thema eine besondere Dynamik, bestätigt sie. McElvany sieht das Problem, formuliert die Problemfrage allerdings anders. „Wir müssen uns eher fragen: Wie können wir die Kinder früher und wirksamer fördern?“ Einen Lösungsansatz sieht die Professorin der TU darin, zu überlegen, wie man die Kindergärten stärker als Bildungseinrichtungen in den Blick nehmen könne.

Bildungssystem ändern zu teuer?

Im Endeffekt eine Frage der Politik. Natürlich kostet es entsprechende Ressourcen, die Frühbildung auszubauen: Schulung von Erziehern, Förderung der Attraktivität des Jobs.

Aber: „Je früher man ansetzt, desto mehr Gewinn ist zu erwarten“, sagt McElvany. Die Folgekosten würden perspektivisch höher ausfallen als der Preis, den man für einen Ausbau der Frühförderung aufbringen müsste.

Schulkinder mit Deutsch-Defiziten: So würde eine Dortmunder Forscherin das Problem lösen

Prof. Dr. Nele McElvany. © IFS

„Diese Chance sollte man nutzen“
Prof. Dr. Nele McElvany

Einfach gesagt: Je weniger Geld man am Anfang in die Bildung steckt, desto teurer wird’s zu einem späteren Zeitpunkt, da Älteren das Lernen schwerer fällt. „Wenn es um entweder oder geht, würde ich lieber 100 Euro in die sprachliche Förderung eines Dreijährigen stecken, als 100 Euro in die Sprachförderung eines 17-Jährigen“, sagt Nele McElvany deshalb.

Vorschulen ein „interessantes Konzept“

Linnemanns Lösungsansatz, verpflichtende Vorschulen einzuführen, findet Nele McElvany nicht uninteressant. „Vorschulen sind ein interessantes Konzept“, sagt sie. Doch auch hier sieht sie die Idee nach Linnemann-Art eher kritisch. Nach seiner Vorstellung säßen 30 fremdsprachige Kinder dort in einem Raum, mit einer Lehrkraft, die ihnen Deutsch beibringen soll, führt McElvany aus. „Deutsch lerne ich eher mit Deutschsprechenden um mich herum als mit einer Lehrkraft vorne, die als einzige Deutsch spricht.“

Die stärkere Förderung der Deutschkenntnisse könnte sowohl in Kindergarten als auch Grundschule funktionieren, schätzt sie. Aber sie sagt auch: „Je früher, desto besser.“ Junge Kinder hätten den Vorteil, dass sie „unglaublich viel gleichzeitig lernen können.“ Gerade wenn es um das Thema Sprache ginge. „Diese Chance sollte man nutzen“, sagt McElvany.

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