Selbst fürs Jägermeister-Fläschchen gibt es am Kiosk neuerdings einen Kassenbon

hzGesetzesänderung

Seit dem 1. Januar besteht auch für kleinste Geschäfte eine Bonpflicht. Viele Kaufleute lehnen die bürokratische Neuerung ab, doch einige begrüßen sie sogar ausdrücklich.

Dortmund

, 03.01.2020, 17:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die kleine Trinkhalle am Ostenhellweg besitzt - ganz wie in alten Zeiten - noch ein Fenster für den Straßenverkauf. Vor dieser Luke erscheint ein Herr mittleren Alters, räuspert sich kurz und bestellt einen kleinen Jägermeister. Kiosk-Inhaber Mehmet Kilic tut wie ihm geheißen, gibt dem Kunden den Flachmann und kassiert 1,70 Euro.

„Was soll ich denn damit?“

Als Kilic dem Mann anschließend das Wechselgeld mit der Frage zurückgibt, ob auch ein Bon benötigt würde, sorgt er damit zunächst für betroffenes Schweigen, ehe ihm die Gegenfrage gestellt wird: „Was soll ich denn damit?“ Jägermeister-Fläschchen lassen sich offenbar schlecht von der Steuer absetzen.

Dabei hat der Kiosk-Besitzer nur ausgeführt, was ihm das Gesetz seit dem 1. Januar vorschreibt. Denn jedes noch so kleine Geschäft muss seit Jahresbeginn eine Kasse mit fälschungssicherem System besitzen und an jeden Kunden einen Bon ausgeben.

Keiner will den Zettel haben

„Aber keiner meiner Kunden will den Zettel haben“, sagt Kilic, „keiner.“ Da er den neuen Auflagen trotzdem nachkommt, steht seit dem 2. Januar ein Plastikschälchen hinter der Theke, in dem er die Bons entsorgt, nachdem sie dankend abgelehnt wurden.

Ein Stammkunde betritt das winzige Ladenlokal, kauft Getränke, zahlt - und ärgert sich geradezu, als ihm der Kassenzettel entgegengehalten wird. „Da sollen alle was fürs Klima tun - und dann das“, kritisiert der junge Mann die Umweltbelastung aufgrund des vermehrten Papieraufkommens. Und erklärt Kilic sogleich dessen künftiges Verhalten: „Die Zettel brauche ich auch demnächst nicht. Die kannst du dir sparen.“

Selbst fürs Jägermeister-Fläschchen gibt es am Kiosk neuerdings einen Kassenbon

Da bislang noch keine neue Kasse angeschafft wurde, wird im Imbiss "Wurstkultur" jede verkaufte Speise notiert. Auf Wunsch erhält der Kunde auch eine handschriftliche Quittung. © Michael Schuh

Joyce Huang, Mitarbeiterin der „Wurstkultur“, hat den Imbiss am Westenhellweg erst vor wenigen Minuten geöffnet. Die somit überschaubare Anzahl an Speisen hat die junge Frau alle handschriftlich in einen Block eingetragen: vier Bratwürste, ein Käsegriller, einmal Currywurst-Pommes.

Denn die Imbissbude besitzt zwar noch kein neues Kassensystem, hält sich aber trotzdem an die Vorschriften: Alles wird exakt notiert; möchte ein Kunde einen Bon haben, gibt es eine handschriftliche Quittung. „Aber das kommt nie vor“, sagt Huang, die dem Gesetz wenig abgewinnen kann: „Das bedeutet Umweltverschmutzung - und zusätzliche Arbeit für mich.“

Selbst fürs Jägermeister-Fläschchen gibt es am Kiosk neuerdings einen Kassenbon

Cervet Demirbas vom "Antep Kebab Haus" druckt neuerdings für jeden verkauften Artikel einen Kassenbon aus - selbst wenn es sich nur um Cent-Beträge handelt. © Michael Schuh

Wenn Cervet Demirbas ein paar Meter weiter im „Antep Kebap Haus“ Döner verkauft, legt er neuerdings automatisch den Kassenbon mit auf die Theke. Die meisten Zettel schmeiße er anschließend selbst weg, manche würden auch die Gäste umgehend entsorgen: „Nur wenige wollen wirklich einen Bon.“ Dennoch hält sich Demirbas an die bürokratischen Vorschriften, die er mit einem Grinsen kommentiert: „Das ist Deutschland.“

Die positive Seite

Es gibt aber auch Geschäftsleute, die der Verordnung Positives abgewinnen können. „Wir drucken schon seit ein oder zwei Jahren alle Kassenbons aus“, sagt Christa Fischer, Seniorchefin der Traditions-Bäckerei „Fischer am Rathaus“ in der Betenstraße. Einerseits wollten einige Kunden einen Beleg, andererseits biete das Papier den Mitarbeiterinnen eine zusätzliche Kontrollmöglichkeit.

Ganz so neu sei der Ausdruck der Kassenbons ohnehin nicht. „Das haben früher schon die ganz alten Kassen automatisch gemacht“, erzählt Fischer, „nur standen damals nicht solche Details wie die Steuernummer auf dem Beleg.“

Mehr Gerechtigkeit

Und Rita Kiel, Gast im Café Central am Markt, begrüßt die Gesetzesänderung, die auch die Gastronomie betrifft, sogar ausdrücklich. „Dem kleinen Mann gegenüber, der als Arbeiter oder Angestellter immer brav seine Steuern zahlt, ist das nur gerecht.“

Außerdem sei es noch gar nicht lange her, da hätten alle über den Steuerbetrug in Griechenland geschimpft: „Und wenn man hier dagegen vorgehen will, dann meckern auch alle.“ Übrigens: In Griechenland gibt es die Bon-Pflicht schon seit Jahren.

Alle Ladeninhaber in Deutschland mussten ihre elektronischen Registrierkassen bis zum 1. Januar 2020 auf ein fälschungssicheres System umstellen, damit das Löschen von Umsätzen nicht mehr möglich ist. Außerdem müssen Kassierer den Kunden einen Bon anbieten, und sei es auch nur für ein Brötchen oder eine Kugel Eis. Als Alternative ist aber weiterhin auch eine offene, nicht elektronische Ladenkasse erlaubt. Kaufleute oder Wirte, die diese Möglichkeit bevorzugen, müssen allerdings täglich einen exakten Kassenbericht dokumentieren.
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