Seniorin gibt Betrügern eine Million Euro - Wie kann so etwas nur passieren?

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Eine Dortmunderin hat eine Million Euro an Betrüger verloren. Verbrecher haben bei älteren Menschen besonders leichtes Spiel. Ein Grund ist ein biologischer Fakt, der uns alle treffen wird.

Dortmund

, 13.07.2019 / Lesedauer: 3 min

Die Masche ist eine altbekannte, doch der Erfolg ist außergewöhnlich: Im Juni und Juli erbeuten Telefonbetrüger, die sich als Polizisten ausgeben, von einer Dortmunderin Gold und Wertgegenstände im Wert von einer Million Euro - allein von dieser einen Frau. Die Betrüger fordern die 79-Jährige am Telefon dazu auf, ihre Wertsachen taschenweise zu einem Friedhof zu schleppen und dort zu deponieren, damit die Polizei sie abholen und sicher verwahren könne – zum Schutz vor Einbrechern. Und die Seniorin tut genau das.

Liest man die Reaktionen auf den aufsehenerregenden Fall auf Facebook, lautet der Tenor in etwa: „Wie kann man nur so blöd sein?“ Solche Aussagen sind infam, weil sie die Schuld vom Täter auf das Opfer verschieben. Und sie sind auch falsch. Denn hinter der Anfälligkeit älterer Menschen für Betrugsmaschen wie den „Enkeltrick“ oder – wie in diesem Fall – die „falschen Polizisten“ steht ein Prozess im Gehirn, der alle Menschen betrifft.

Wenn das Bauchgefühl verloren geht

Uwe Johansson ist Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychologie der LWL-Klinik, also der Psychologie des Alterns. Er beschreibt eine bahnbrechenden Studie aus dem Jahr 2012, die untersucht hat, was bei Vertrauensentscheidungen im Gehirn passiert: „Dabei wurden den Probanden Gesichter gezeigt und auch Stimmen vorgespielt und sie sollten einschätzen, ob die entsprechende Person vertrauenswürdig ist oder nicht. Mit einem MRT wurde dabei die Hirnaktivität gemessen. Dabei hat sich deutlich gezeigt, dass Menschen ab 60 weniger Aktivität in zwei Hirnregionen haben, die bei uns für das schlechte Bauchgefühl verantwortlich sind.“

Das Gehirn ersetzt dieses geschwächte Bauchgefühl durch Erlerntes, erklärt Uwe Johansson. Darauf bauen zum Beispiel der Enkeltrick und die Falsche-Polizisten-Masche auf. „Verwandtschaft und die Polizei haben ältere Menschen als vertrauenswürdig kennen gelernt. Dieses positive Bild wird vom Gehirn abgerufen.“

Der Rückgang der Hirnaktivität in den entsprechenden Bereichen sei unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Intelligenz und Bildung. „Das betrifft uns alle irgendwann“, so Uwe Johansson.

Unter Druck knickt jeder ein

Auch die Polizei beschäftigt sich seit Jahren mit Betrugsmaschen gegen Senioren. So wisse man zum Beispiel, dass Täter über ein Callcenter gezielt Menschen mit älteren Vornamen im Telefonbuch abtelefonieren – oft mehrere hundert. Dabei werde abgeklopft, ob Vermögen vorhanden ist. „Die Täter rufen dann gezielt immer wieder an, bauen Druck auf und rufen Urängste hervor“, so Polizeisprecher Peter Bandermann. Der Verlust des Ersparten sei eine solche Urangst.

Und auch wenn ältere Menschen psychologisch anfällig für solche Manipulationen sind, unter genügend Druck und mit den richtigen Ängsten, knickt selbst der eloquenteste und skeptischste Mensch irgendwann ein.

Was kann man tun?

Eine Art psychologisches Training zur Prävention gibt es nicht, bedauert Uwe Johansson. Man könne ältere Menschen nur immer wieder für Betrügerein sensibilisieren und ihnen zur Seite stehen.

Die Polizei NRW gibt einige Tipps: Angerufene sollen sich Namen der vermeintlichen Polizisten geben lassen und diese unter der 110 bei der örtlichen Polizei prüfen. Sie sollen grundsätzliche keine Auskünfte über Vermögen an Fremde geben und eine bekannte Vertrauensperson hinzuziehen. „Die Polizei ruft Sie niemals mit der Nummer 110 an“, betont Peter Bandermann. „Und sie bittet Sie auch niemals, Wertgegenstände irgendwo zu deponieren.“

Enkeltrick und falsche Polzisten: Beide Maschen sind lukrativ und Täter erbeuten laut Polizei schnell fünfstellige Summen. Wer sich schützen will, sollte zwei und drei Mal überlegen, welche Informationen er Fremden gibt und Vertraute oder Seniorenbüros hinzuziehen – und im Zweifel selbst die echte Polizei anrufen.

Weißer Ring

Weitere Tipps zum Verhalten bei verdächtigen Anrufen gibt der Weiße Ring unter weisser-ring.de/praevention/tipps/enkeltrick. Der Weiße Ring ist ein gemeinnütziger Verein, der Menschen Hilfe anbietet, die von Straftaten betroffen sind, und Präventionsarbeit leistet. Das anonyme Opfer-Telefon des Weißen Rings ist unter 116 006 zu erreichen – täglich von 7 bis 22 Uhr. Die Dortmunder Beratungsstelle des Vereins ist unter (0231) 91 29 86 1 zu erreichen.
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