Lebensversicherungen: Müssen Sparer wirklich Angst um ihr Geld haben?

hzMedienwirbel um Altersvorsorge

Rund 80 Millionen Policen für Lebensversicherungen gibt es in Deutschland. Nach Medienberichten über mögliche Pleiten gibt es nun Unsicherheiten. Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann kann beruhigen.

Dortmund

, 26.07.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Gelockt wurden die Sparer in der Vergangenheit damit, dass sich das Einzahlen in eine Lebensversicherung lohnt und sie am Ende mindestens drei Prozent mehr herausbekommen. Bis zum Jahr 2000 garantierten Versicherer sogar vier Prozent. Danach ging es bergab. Heute liegt der Zins bei 0,9 Prozent. Was bedeutet dieser Niedrigzins für die Lebensversicherungen?

Dazu äußert sich im Interview Ulrich Leitermann, der Vorsitzende der Vorstände der Signal Iduna Gruppe. Signal Iduna beschäftigt an ihrem Hauptsitz in Dortmund über 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist damit der größte private Arbeitgeber in der Stadt.

Seitdem eine große Boulevardzeitung berichtet hat, dass jede vierte Lebensversicherung von einer Pleite bedroht ist, sorgen sich deutsche Sparer um ihre Altersversorgung. Wie reagieren Ihre Kunden?

Die Resonanz von Kunden war verglichen mit der Größe der Schlagzeilen eher gering. Aber es entsteht eine Verunsicherung, die im Zweifel zu weniger Altersvorsorge führt.

Wie ernst ist denn aus Ihrer Sicht der Pleite-Alarm zu nehmen?

Er ist gar nicht ernst zu nehmen. Die Sorge um die Lebensversicherung ist unbegründet. Dem Ganzen liegt eine falsche Kennzahl zugrunde. Alle Versicherer unterliegen einem Eigenkapitalberechnungs-Regime. Kurz gesagt: Die Rechenlogik zeigt jedem Unternehmen an, ob es über genug Eigenmittel verfügt, um die Verpflichtungen gegenüber den Versicherten auch erfüllen zu können. Und diese Solvenzquote wird von uns übererfüllt.

Wie kommen Sie darauf?

Jedes Lebensversicherungs-Unternehmen muss eine 100-prozentige Deckung der Verträge, die zu erfüllen sind, gewährleisten. Diese Solvenzquote, das weist die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) aus, wird von keinem Unternehmen in Deutschland unterschritten. Im Gegenteil: die deutschen Lebensversicherer kommen im Schnitt auf eine Quote von 387 Prozent. Unsere Solvenzquote lag im Jahr 2019 bei 514 Prozent. Es gibt also keinen Grund, an der vollen Auszahlung seiner Lebensversicherungs-Leistung zu zweifeln.

Ulrich Leitermann von Signal Iduna in Dortmund

Den Medienwirbel um die Lebensversicherungen hält Ulrich Leitermann, Chef der Signal Iduna Gruppe, für völlig unberechtigt: „Dem Ganzen liegt eine falsche Kennzahl zugrunde.“ © Stephan Schütze

Seit Jahren gibt es aber Berichte, dass der in den 80er- und 90er-Jahren versprochene Garantiezins von drei bis vier Prozent nicht zu halten ist und Insolvenzen drohen, wenn die Versicherungsunternehmen diese Garantie nicht kürzen. War das immer schon Blödsinn?

Richtig ist: eine Problemstellung durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) gibt es. Der Gesetzgeber hat daher eine zusätzliche Absicherung eingeführt: die Zinszusatz-Reserve. Das heißt, die Unternehmen müssen eine zusätzliche Rückstellung bilden, die es ihnen ermöglicht, vor dem Hintergrund einer andauernden niedrigen Zinserwartung, die vor 20 oder 30 Jahren gemachten Garantiezusagen weiterhin erfüllen zu können. Wir haben dafür eine Zinszusatzreserve von über zwei Milliarden Euro aufgebaut.

Jetzt lesen

Das heißt, die Signal Iduna und auch alle anderen Versicherer kompensieren den Niedrigzins durch verschiedenste Aktivitäten auf dem Kapitalmarkt?

Ja, so ist es. Wir legen die Einzahlungen der Kunden in diversen Kapitalanlagen an. Wir streuen derzeit etwa 50 Milliarden Euro für unsere Versicherungsnehmer in Hypotheken, Rentenpapieren, Unternehmensanleihen, Aktien und Immobilien, aber auch in nachhaltigen Beteiligungen wie Windparks.

Wie risikoreich und schwierig ist das? Schließlich bekommt man bei Staatsanleihen, in die früher viel investiert wurde, weil sie als sicher galten, heute keine Rendite mehr.

Deshalb haben wir unsere Kapitalanlagen breit gestreut, traditionell haben wir stark in Hypotheken und Immobilien investiert. Deutsche Staatsanleihen sind gerade keine Option. Das Kernproblem ist einfach der Niedrigzins. Der führt in allen Systemen, die auf Kapitalerträge für ihre Aufgaben angewiesen sind, zu Herausforderungen - am stärksten in der Altersvorsorge in jeglicher Form, aber auch beim Bausparen, bei Krankenversicherern oder Stiftungen.

Also: Der vereinbarte Garantiezins von bis zu vier Prozent gilt weiter, auch wenn es schwer geworden ist, die Endsummen heute zu erwirtschaften. Die einst angepriesenen höheren Renditen gibt es nicht. So lukrativ wie mal gedacht sind die Lebensversicherungen also nicht. Was bedeutet das für ihr Neugeschäft? Welche Garantien geben Sie heute? Ist die Lebensversicherung noch ein Geschäftsmodell?


Nun, der deutsche Sparer liebt die Garantie. Und die Garantie war immer eine 100-Prozent-Garantie. Daher bieten wir sie auch noch an. Mehr Chancen sehen wir aber ganz klar in unseren fondsgebundenen Produkten.

Diese können so gestaltet werden, dass die Garantiewerte auf dem gleichen Niveau liegen wie bei den klassischen Lebensversicherungen. Wer aber bereit ist, auf einen Teil der Garantien zu verzichten, kann von einer deutlich höheren Rendite profitieren. Wir alle müssen uns daran gewöhnen, mehr Risiko beim Sparen zuzulassen.

Beispielsweise macht es für Sparer Sinn, nur noch 90 oder 80 Prozent des eingezahlten Betrages als Garantiewert zum Ende zu vereinbaren. Dann aber mit der Möglichkeit, eine deutlich höhere Rendite zu erwirtschaften. Der Trend geht derzeit auch zu einer 80-Prozent-Absicherung - mit der Chance, nach Vertragsablauf in 25 oder 30 Jahren auch eben deutlich mehr als 100 Prozent herauszubekommen.

Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann im Interview mit Redakteur Peter Wulle

Im Interview mit Wirtschaftsredakteur Peter Wulle sagt Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann: „Die Empfehlung, privat für das Alter vorzusorgen, bleibt und ist heute wichtiger denn je.“ © Stephan Schuetze

Da werden die Normalbürger doch lieber auf eine Lebensversicherung verzichten, als ein Fünftel ihres Sparbetrags zu riskieren...

Zu sagen, dann mach ich gar nichts, ist ganz schlecht. Die Empfehlung, privat für das Alter vorzusorgen, bleibt und ist heute wichtiger denn je. Denn die staatlichen Systeme geben ja auch nicht mehr viel her. Es wird davon geredet, die gesetzliche Rente von 48 Prozent des letzten Nettoverdienstes auf 42 Prozent zu senken. Wie soll das ohne private Vorsorge funktionieren? Viele Leute kommen heute schon mit 100 Prozent vom Netto nicht klar.

Des Weiteren sollen die Sozialabgaben insgesamt auch nicht über 40 Prozent steigen, deshalb ist auch eine Erhöhung der Rentenversicherungsbeiträge nicht möglich. Und dass der Staat noch mehr Steuergelder in die Rentensysteme pumpt, ist auch nicht zu erwarten. Die Sozialhaushalte machen heute schon über 50 Prozent des Bundeshaushalts aus.

Nicht vergessen sollte man außerdem auch, dass es, zusätzlich zu den erwirtschafteten Erträgen, auch verschiedene Förderungen für die eigene Vorsorge gibt. Bei einer Betrachtung aus Kundensicht müssen diese mit einfließen, da sie die Rentabilität deutlich erhöhen. Hierzu zählen beispielsweise die Riester-Zulagen und Arbeitgeberzuschüsse sowie die Steuer- und Sozialversicherungsfreiheit bei der betrieblichen Altersversorgung.

Wie läuft ihr Neugeschäft aktuell?

Die Signal Iduna Lebensversicherung a. G. erreichte 2019 im Neugeschäft, gemessen in laufendem Beitrag, gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um 4,5 Millionen Euro bzw. 5,6 Prozent auf 85,2 Millionen Euro. Somit stieg das eingelöste Neugeschäft auf den höchsten Wert seit 2014. Diese Steigerung wurde insbesondere von der betrieblichen Altersvorsorge getragen, deren Neugeschäft erneut zweistellig um 16,3 Prozent gewachsen ist. Dieser Trend setzt sich in diesem Jahr fort.

Jetzt lesen

Wie lange wird nach Ihrer Einschätzung die Niedrigzinsphase noch dauern?

Ich sehe nicht, dass sich da in den nächsten Jahren etwas ändert. Deshalb ist es wichtig, dass der Staat die Eigenvorsorge unterstützt und beispielsweise für die Riester-Rente mehr Anreize schafft und die betriebliche Altersversorgung weiter fördert. Das ist günstiger, als später immense Sozialleistungen zur Abfederung der Altersarmut aufbringen zu müssen. Durch den Niedrigzins spart der Staat jährlich 50 Milliarden Euro, die er fairerweise den Sparern geben müsste.

Signal Iduna Gruppe

Vor über 100 Jahren gegründet

  • Die Signal Iduna Gruppe geht zurück auf kleine Krankenunterstützungskassen, die Handwerker und Gewerbetreibende vor über 100 Jahren in Dortmund und Hamburg gründeten. Die Obergesellschaften der Gruppe sind genossenschaftlich organisiert.
  • Heute hält die Signal Iduna das gesamte Spektrum moderner Versicherungs- und Finanzdienstleistungen bereit.
  • In der Gruppe werden mehr als zwölf Millionen Kunden/Verträge betreut und 2019 Beitragseinnahmen in Höhe von mehr als 5,9 Milliarden Euro erzielt.
  • Weitere Informationen unter www.signal-iduna.de
  • Fragen rund um die Lebensversicherung beantworten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter Tel. (0231) 135 2024
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt