Die in Europa einzigartige Akademie für Theater und Digitalität nimmt nach und nach ihre Arbeit auf. Experimente mit 3D-Modellen und Virtual Reality zeigen, wohin sich die Akademie bewegt.

von Anna Maria Stock

Dortmund

, 26.01.2020, 14:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ich sitze auf einem Stuhl, meine Hände liegen auf meinen Beinen. Ich sehe an mir hinunter. Doch es sind nicht meine Beine, und auch nicht meine Hände, die ich da sehe. Ich trage keine Ringe, doch an den beiden Händen vor mir stecken gleich zwei. Und am Morgen habe ich eine schwarze Hose angezogen, doch jetzt trage ich plötzlich eine blaue Jeans.

Ich stecke im Körper einer anderen Person. Und nein, das ist kein Traum. Sondern ein Experiment, das Soziologie-Studierende der Universität Witten/Herdecke zusammen mit der Akademie für Theater und Digitalität entwickelt haben. Eine Virtual-Reality-Brille macht es möglich, in die Haut meines Gegenübers zu schlüpfen.

Die Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität wird zunehmend sichtbar

Bei der Generalprobe testen die Studierenden ihr Experiment: Körpertausch durch Virtual Reality. © Schaper

„The Machine to Be Another“ nennt sich das Experiment. Es ist eines der aktuellen Projekte an der neuen Akademie für Theater und Digitalität, die nun nach und nach ihre Arbeit aufnimmt. Die Idee zu einer Akademie, die Darstellende Kunst und Technik vereint, hatte Kay Voges. Er ist seit bald zehn Jahren Intendant des Dortmunder Schauspiels und gilt als Pionier auf dem Gebiet des digitalen Theaters. Zur nächsten Spielzeit verlässt er Dortmund, bleibt der Akademie aber als Direktor erhalten.

Veränderung durch Digitalisierung

Die Digitalisierung drängt in alle Lebensbereiche. Und verändert sie. Heute sind die analoge und digitale Welt so miteinander verschmolzen, dass wir den Übergang von der einen in die andere oft nicht mehr wahrnehmen. Wie kann das Theater diese Veränderung inhaltlich aufgreifen? Und wie kann es gleichzeitig die technischen Möglichkeiten für neue Erzählweisen nutzen? Das sind die Leitfragen der Dortmunder Akademie. „Im Kern geht es darum, die Sprachen der Kunst und der Technik zu verbinden. Da herrscht ein dringender Nachholbedarf“, so Dramaturg Michael Eickhoff, einer der zentralen Kräfte der Akademie.

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Im Juni 2019 wurde die Akademie als sechste Sparte an das Theater Dortmund angegliedert. Das äußert sich derzeit auch noch räumlich: Bis 2022 das eigene Gebäude in der Hafenstadt fertig ist, hat die Akademie Räume im Theaterhaus bezogen. Dieser Tage wird die Baufläche im Hafen geebnet: Am 30. Januar (Donnerstag) wird das alte Gebäude abgerissen. Kurz darauf ist Baubeginn für das neue.

Wie entsteht über Bildschirme Nähe?

In der alten Schreinerei ist ein Experimentierraum entstanden, auf dem sich Technikerinnen und Künstler Projekten widmen, die Kunst und Technik vereinen. Seit Anfang dieser Spielzeit experimentiert hier der erste Jahrgang der Akademie-Fellows. Rahel Spöhrer ist eine der vier Stipendiatinnen und Stipendiaten. Die Performance-Künstlerin und freischaffende Dramaturgin untersucht in ihren Monaten an der Akademie, wie über Bildschirme Nähe entsteht, etwa in einem Skype-Gespräch.

„Das Team der Akademie steht mit viel Engagement hinter uns Fellows“, sagt sie. Dazu gehören dramaturgische und technische Betreuung. Dabei sei es toll, dass die Techniker die künstlerischen Prozesse mitdenken, sagt sie. Mit ihrer Hilfe – und der eines Autoren und eines Komponisten – hat sie in den letzten Monaten eine Klangperformance entwickelt. Die Akademie hat ihr dazu einen kleinen Raum zur Verfügung gestellt. Er gleicht einem Kokon und ist am Rand der alten Schreinerei in die Halle hineingebaut.

Es gibt mehrerer solcher kleinen Räume. Gleich gegenüber von Rahels Kokon, mitten in der großen Halle, ist ein weiterer Kokon: Hier gibt es den virtuellen Körpertausch. An diesem Freitagnachmittag ist der kleine Raum mit einer Handvoll Leuten gefüllt. Darunter Jonathan Harth, Dozent an der Universität Witten/Herdecke. Er begleitet „The Machine To Be Another“ aus wissenschaftlicher Sicht, zusammen mit fünf Soziologie-Studierenden. „Wir untersuchen, ob Virtual Reality tatsächlich Empathie fördert, so wie es ihr nachgesagt wird“, erklärt Jonathan.

Selbstversuch mit Videobildern in Echtzeit

Nachdem die Studierenden und der Techniker der Akademie die letzten Einstellungen an der Installation getroffen haben, mache ich zusammen mit einer anderen Probandin den Selbstversuch. Wir setzen uns auf die beiden Stühle, die sich gegenüberstehen. Ziehen die Virtual-Reality-Brillen auf, zurren sie fest. Kurz ist es dunkel. Dann geht der Strom an. Und wir sind plötzlich die andere Person. Denn an beiden Brillen sind Kameras angebracht, deren Videobilder in Echtzeit auf die Brille der jeweils anderen Person übertragen werden.

Die Verzahnung von Darstellender Kunst, Technik und Wissenschaft, wie es sie an der Akademie gebe, sei einzigartig in Europa, so Michael Eickhoff. Die künstlerische Forschung der Stipendiatinnen und Stipendiaten ist dabei eines der drei Standbeine der Akademie. Die anderen beiden sind die Aus- und Weiterbildung. Während das Fellow-Programm bereits in dieser Spielzeit angelaufen ist, ist der Bildungsbereich noch in der Entwicklung.

Ein Masterstudiengang ist geplant

Seit einem halben Jahr arbeitet das Team der Akademie an einem Masterstudiengang. „Gerade entwickeln wir den Lehrplan“, so Eickhoff. Einen offiziellen Namen für das Programm gebe es bisher nicht, sagt er weiter. Aber inhaltlich wird es ganz im Zeichen der Akademie stehen, Kunst und Digitalität verbinden. Zwei Jahre dauere es, einen Studiengang auszuarbeiten, so Eickhoff. Es wird also noch etwas Zeit vergehen, bis die ersten Studierenden an der Akademie einziehen.

In der Sparte Weiterbildung tut sich schon früher was: Die Akademie richtet Workshops aus. Bald werde es etwa einen Workshop geben, in dem es darum gehen soll, die technischen Möglichkeiten zu erkunden, einen Bühnenraum als 3D-Modell zu erfassen, verrät Eickhoff. Außerdem lädt die Akademie in der Reihe „Enjoy Complexity“ seit November einmal im Monat zu Vortrag und Diskussion ein. Darin geht es um die Auswirkungen der Digitalisierung auf Politik, Gesellschaft und Kunst. Denn „es braucht neben der Praxis immer auch einen Raum für Reflexion“, so Michael Eickhoff.

Fördert der Körpertausch Empathie?

Auch in Harths Projekt „The Machine to Be Another“ ist bewusst viel Raum zur Reflexion gelassen. Um herauszufinden, ob der Körpertausch durch VR-Technik tatsächlich empathiefördernd wirkt, hat er zusammen mit seinen Studierenden Fragen entwickelt, die sie den Probandinnen und Probanden vor und nach dem Experiment stellen.

Die Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität wird zunehmend sichtbar

Gegen Ende des 20-minütigen Experiments versuchen die beiden Probandinnen, sich gegenseitig zu berühren. © Schaper

Mit mir als Probandin macht das Experiment eine ganze Menge. Es lädt dazu ein, mich sehr auf mein Gegenüber einlassen. Eine Aufgabe in dem etwa 20-minütigen Experiment ist, einen Tennisball von der einen Hand in die andere zu geben. Da es aber ja nicht meine eigenen Hände sind, die ich da sehe, muss ich mich in meinen Bewegungen mit der anderen Probandin abstimmen. Das führt paradoxerweise weniger dazu, dass ich mich so fühle, als steckte ich in ihrem Körper, als vielmehr so, als steckten wir gemeinsam in ein- und demselben.

Diese Wahrnehmung ändert sich gegen Ende der 20 Minuten, als die Studentinnen die Trennwand zwischen uns wegnehmen. Als ich nach Anweisung meinen Blick von der jeansblauen Hose nach oben richte, sehe ich: mich selbst. So sehen meine schwarze Hose und ich also aus den Augen meines Gegenübers aus!

Für Jonathan Harth und sein Team geht es nach der Praxisphase von „The Machine to Be Another“ an die Auswertung der Fragebögen und Interviews. Das Ziel sei eine Publikation, sagt Jonathan. Und darüber hinaus hofft er, dass es nicht sein letztes Projekt mit der Akademie sein wird: „Ich würde mir wünschen, dass wir in Zukunft noch andere Projekte zusammen realisieren.“

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