So weh tat es, mir den Joker auf den Oberschenkel tätowieren zu lassen

hzTattoo-Convention

Die Tattoo-Szene hat sich bei der Tattoo-Con in den Westfalenhallen getroffen. Ruhr Nachrichten-Reporterin Patrica Zernik hat sich selbst tätowieren lassen. So schmerzhaft war es wirklich.

Dortmund

, 26.05.2019, 15:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nur noch weiß, dann ist es geschafft.“ Sehnsüchtig warte ich auf diesen Satz. Ich warte darauf, dass der Tätowierer ihn endlich ausspricht. Darauf, dass Patrick Kwiatkowski alias Paddy mit weißer Farbe die letzten Akzente setzt. Doch zwischen dem ersten Nadelstich und diesen Worten liegen sechs Stunden. Stunden voller Schmerzen, die ich für mein neues „Black-and-Grey-Tattoo“ im Realismus-Stil gerne auf mich nehme.

So weh tat es, mir den Joker auf den Oberschenkel tätowieren zu lassen

Mehrere Stunden hat das Tätowieren gedauert. © Nils Foltynowicz

Beim Betreten der Westfalenhallen brummt und summt es bereits überall um mich herum. Auf den über 12.000 Quadratmetern der Messehallen 2 und 3 sind viele der Tattoo- und Piercingkünstler bereits dabei, die Körper ihrer Kunden kunstvoll zu verschönern. Die Künstler reisen aus der ganzen Welt an. Manche von ihnen kommen sogar aus Taiwan, China, Brasilien, Amerika, Neuseeland oder Australien. Mein Tätowierer vom Tattoostudio Skinbusters kommt hingegen aus Dortmund.

Tattoovorlagen auf dem Tablet

Die Künstler der Tattooszene sind längst in der digitalen Neuzeit angekommen. Von Hand zeichnen nur noch wenige. Die meisten Tattoovorlagen entstehen auf dem Tablet. Bilder aus den Internet oder Fotos werden zu Motiven für die ewig währenden Kunstwerke auf den lebenden Leinwänden. Sie werden mit einem sogenannten Stencil-Drucker auf eine Art Pauspapier gedruckt und mit einer speziellen Lotion auf die Haut übertragen.

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Tattoo Con in den Westfalenhallen 2019

Die internationale Tattoo-Szene hat sich bei der Tattoo-Con in den Westfalenhallen getroffen. Mit dabei waren auch prominente Gäste wie Gina-Lisa Lohfink.
26.05.2019
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Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowicz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen zeigte die Szene ihr Können.© Nils Foltynowicz
Bei der Tatto-Convention in den Westfalenhallen ging es neben Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden. © Nils Foltynowicz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowicz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowicz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowciz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowicz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowicz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowicz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowicz
Bei der Tattoo-Convention in den Westfalenhallen ging es neben der Tattoo-Kunst auch ums Sehen und Gesehenwerden.© Nils Foltynowicz

So auch mein neues Tattoo: Das Konterfei von Heath Ledger in der Rolle als Joker aus den Batman-Filmen und der Schriftzug „Why So Serious?“ (Warum so ernst?) sollen künftig meinen rechten Oberschenkel zieren. Das Abpausen ist für mich definitiv der entspannteste Arbeitsschritt an diesem Tag. Mit einem Hautmarker zeichnet Tätowierer Paddy noch einige Markierungen. Es kitzelt etwas. Doch als der Marker Richtung Kniekehle geht, wird mir das erste mal mulmig zumute.

„Wenn sich die Spitze des Stiftes schon unangenehm anfühlt, wie fühlt es sich wohl an, wenn mehr als zehn spitze Nadeln gleichzeitig über 100 mal pro Sekunde in diese sensible Körperstelle stoßen?“, frage ich mich. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten.

Minute um Minute bringt er mehr Tinte unter meine Haut

Die Tattoo-Maschine beginnt zu summen. Noch einmal grinst Tätowierer Paddy zu mir rüber. Meine innere Anspannung lasse ich mir nicht anmerken. Völlig unbeeindruckt und selbstbewusst lächle ich zurück. Paddy wendet den Blick zurück auf mein Bein und setzt zum ersten Stich an. Jetzt gibts kein Zurück mehr. Minute um Minute bringt er immer mehr Tinte unter meine Haut.

So weh tat es, mir den Joker auf den Oberschenkel tätowieren zu lassen

Tätowiere Paddy achtet sehr auf die Details. © Nils Foltynowicz

Ich liege seitlich auf einer gepolsterten Holzliege. Zwar hab ich mir ein kleines Kissen mitgebracht, bequem ist es aber trotzdem nicht. Mein linker Arm ist bereits eingeschlafen. Und so muss ich nun mehrere Stunden verharren, ohne mich zu bewegen. Nur in den kurzen Pausen, in denen Paddy absetzt, um die Nadel in neue Tattoo-Farbe zu tauchen, traue ich mich, meine Position ein wenig zu verändern.

Das Summen der Tattoo-Maschine nehme ich nach kurzer Zeit gar nicht mehr wahr. Es geht in einem lauten, akustischen Potpourri unter. An sämtlichen Messeständen spielt unterschiedliche Musik. Dazu kommt das Stimmenwirrwarr der Leute um mich herum. Und auf der Messebühne passiert auch die ganze Zeit irgendwas. Von dem Bühnenprogramm bekomme ich allerdings überhaupt nichts mit.

Mitleidige Blicke und Aufmunterung

Stundenlang liege ich fast regungslos da und werde immer wieder von vorbeilaufenden Messebesuchern und Tätowierern inspiziert. Manche werfen mir einen mitleidigen Blick zu, andere sind amüsiert und wieder andere geben mir mit einem Daumen hoch zu verstehen, dass Paddy gute Arbeit leistet. Selbst auf die Arbeit schauen kann ich wegen meiner Position nämlich nicht. Stattdessen suche ich nach Ablenkung, beobachte mein Umfeld oder schließe die Augen und versuche mich - den Umständen entsprechend - zu entspannen.

Nach den ersten vier Stunden spannt sich meine Haut wie ein prall aufgeblasener Luftballon. Ich spüre, wie mein Bein immer wärmer wird. Die Haut schwillt an und glüht. Und immer wieder stechen die Nadeln ein. Es fühlt sich an, als würde jemand mit langen Fingernägeln immer wieder in einen frischen Sonnenbrand kneifen. Mit einem in Wasser getränkten Stück Küchenpapier wischt der Tätowierer immer wieder die überschüssige Farbe und das Blut weg.

Kleine Wohltaten

Die kurze Abkühlung durch das kalte Wasser ist eine Wohltat für meine geschundene Haut. Doch umso öfter Paddy das Tuch benutzt, umso trockener wird es. Bis es sich letztlich so anfühlt, als würde er den frischen Sonnenbrand mit feinem Schleifpapier bearbeiten.

Obwohl es meine einzige Aufgabe ist still dazuliegen, spüre ich, wie mein Körper immer mehr Energie verliert. Daran können auch die ganzen Schokoriegel und Bananen, die ich gegessen habe, nichts ändern. Und dann endlich höre ich sie. Die Worte, die ich mir nach stundenlangen Schmerzen mehr wünsche als alles andere: „Nur noch weiß, dann ist es geschafft.“

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