Dortmunder Wirtin: „Gehen die Leute überhaupt noch raus?“

hzNeue Sperrstunde in Dortmund

Die Sperrstunde ab 23 Uhr ist ein harter Schlag für viele Dortmunder Wirte - auch für Nicole Gronert, die das Atlantico im Gerichtsviertel betreibt. Hier spricht sie offen über ihre Ängste.

Dortmund

, 19.10.2020, 19:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als ich zum ersten Mal von der Sperrstunde in der Gastronomie gehört habe, gingen mir ganz viele Dinge durch den Kopf. Vor allem eine gewisse Sorge und Angst. Was mache ich jetzt mit meinen Mitarbeitern und dem Laden? Sind die ganzen neuen Maßnahmen noch umsetzbar? Gehen die Leute überhaupt noch raus?

Vielleicht resignieren unsere Gäste auch und bleiben lieber zu Hause, weil es gerade alles so schlimm ist. Denn für die Allgemeinheit ist es sicherer, wenn man sich mit dem Ausgehen zurückhält, nicht mehr auswärts isst oder feiern geht. Aber wenn es nun mal sein Job ist, Leute zu bewirten, dann steht man plötzlich zwischen den Stühlen.

„Viele Gäste haben ihre Reservierung storniert“

Wer das Atlantico kennt, der weiß, dass wir gerne große Gruppen bewirten. Ganz egal ob Junggesellenabschiede oder Firmenfeiern. Die neuen Corona-Beschränkungen machen Feiern mit großen Gruppen unmöglich.

Als die gebürtige Dortmunderin von der Sperrstunde hörte, hatte sie direkt Angst und Sorgen um ihren Laden.

Als die gebürtige Dortmunderin von der Sperrstunde hörte, hatte sie direkt Angst und Sorgen um ihren Laden. © Anne Schiebener

Und das gerade jetzt, wo die Weihnachtsfeiern vor der Tür stehen. Seit Donnerstag klingelt das Telefon fast ununterbrochen. Viele Gäste haben ihre Reservierung storniert, denn die Gruppengröße hätte die Fünf-Personen-Regel überschritten.

Am Freitag habe ich auch sehr viele Telefonate geführt, um den Unterschied zwischen Sperrstunde und Ausgangssperre zu erklären. Ich muss als Gastronomin jetzt auch als Übersetzerin fungieren.

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Heute hatte ich eine Gruppe aus Essen am Telefon, die nach der Arbeit zu uns kommen wollte. Die hatte Sorge, dass sie um 23 Uhr schon wieder in Essen sein müssen und das mit der Zugfahrt nicht schaffen würde. Nein, ihr müsst nicht um 23 Uhr zu Hause sein, nur das Lokal verlassen haben. Es ist wieder eine ganz neue Situation, die für viele nicht greifbar ist.

Wir öffnen das Atlantico jeden Tag um 18 Uhr. Richtig voll wird es dann um 20 Uhr. Gerade jetzt am Wochenende bleiben die Gäste auch gerne mal länger, weil alle anderen Ausgeh-Möglichkeiten wie Clubs geschlossen haben. In den vergangenen Wochen war der Laden um 0.30 Uhr noch zur Hälfte gefüllt.

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Es ist schwierig jetzt schon einzuschätzen, wie viel von unseren Einnahmen durch die Sperrstunde wegfallen wird. Wir haben noch geöffnet, deswegen ist die Angst vor der Insolvenz gerade nicht so groß. Der komplette Lockdown im Frühjahr hat schon ein Loch in unser Konto gerissen. Auch wenn der Biergarten im Sommer gut gefüllt war, kann man nicht von Rücklagen sprechen.

„Mitarbeiter haben persönliche Existenzängste“

Auch meine Mitarbeiter machen sich Sorgen. Beim ersten Lockdown waren wir eines der ersten Lokale, die schließen mussten. Das haben alle Mitarbeiter miterlebt. Denen fehlt das Einkommen oder sie müssen in Kurzarbeit gehen. Die haben persönliche Existenzängste. Einige Mitarbeiter haben sich dann selbst dazu entschieden, sich einen neuen Job zu suchen.

Wir haben so lange wie möglich versucht, niemanden wegen Corona entlassen zu müssen - und das mussten wir auch noch nicht. Auch aktuell sehe ich erst einmal keinen Bedarf jemanden zu entlassen.

Die Gastronomie lebt von ihren Mitarbeitern, die gerne arbeiten und ihr Herzblut hier lassen. Die Leute im Stich zu lassen, ist nicht meine Art. So lange ich es hinbekomme, möchte ich meinen Mitarbeitern die Möglichkeit geben, hier zu bleiben - wenn sie das auch wollen.

Vor allem große Gruppen kommen gerne zum Feiern ins Atlantico - unmöglich mit den neuen Corona-Schutzmaßnahmen.

Vor allem große Gruppen kommen gerne zum Feiern ins Atlantico - unmöglich mit den neuen Corona-Schutzmaßnahmen. © Anne Schiebener

Alternative Konzepte würden dem Atlantico nicht gerecht werden. Wir wollen uns und unseren Gästen treu bleiben. Aus dem Laden das nächste Frühstückslokal zu machen, würde nicht passen.

Ich habe mich auch explizit gegen einen Außer-Haus-Verkauf entschieden. Mit Käse überbackene Chips würden keine Lieferung nach Hause überleben ohne matschig zu werden und an Qualität zu verlieren.

„Erneuter Lockdown macht viel mehr Angst“

Jetzt wird die Zeit zeigen, wie die Dortmunder mit der neuen Situation umgehen werden. Jedes Mal, wenn Frau Merkel zu uns spricht und es neue Regeln gibt, kommen weniger Leute in unseren Laden. Die Menschen werden unsicher.

Und ich möchte auch, dass die Sicherheitsmaßnahmen ernst genommen werden. Obwohl ich mit der Gastronomie mein Geld verdiene, müssen meine Mitarbeiter und ich auch Verantwortung für unsere Gesellschaft mit übernehmen.

Solange wir im Moment noch geöffnet haben dürfen und Einnahmen erzielen können, auch wenn es weniger ist, macht ein erneuter Lockdown viel mehr Angst vor der Insolvenz als die Sperrstunde.

Wir möchten weiter offen bleiben und die Dortmunder bewirten. Sollten die Corona-Zahlen trotz strengerer Maßnahmen weiter steigen, werden wir sehr unter diesem Zustand leiden. Jetzt müssen alle an einem Strang ziehen.

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