Stadt beendete Feier mit 300 Gästen: „Arabische Hochzeiten mit Hygienekonzept kaum möglich“

hzAhmet Toprak

Samstag (3.10.) wurde eine syrische Hochzeit in der Nordstadt vom Ordnungsamt beendet. Ein Dortmunder Professor sagt: Eine traditionelle arabische Hochzeit mit Hygienekonzept funktioniert nicht.

Dortmund

, 10.10.2020, 04:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

An der syrischen Hochzeitsfeier in der Nordstadt sollen laut Ordnungsamt und Polizei am Samstag (3.10.) 300 oder mehr Menschen teilgenommen haben. Der Inhaber des Saals an der Arnoldstraße spricht von 180 Gästen. In beiden Fällen zu viele Teilnehmer für die Coronaschutzverordnung. Das Ordnungsamt hat die Feier beendet und musste dafür nach Aggressionen auch die Polizei hinzuziehen.

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Professor Ahmet Toprak lehrt Erziehungswissenschaften an der FH Dortmund und hat zum Eheverhalten türkischer Migranten promoviert. Er sagt: „Ich wüsste nicht, wie ein Hygienekonzept für eine traditionelle arabische Hochzeit aussehen sollte.“

Sichtbares Symbol für den Übergang in das Erwachsenenleben

Die Hochzeit symbolisiere den Übergang des Paares von Kindern zu Erwachsenen. Deshalb seien arabische Hochzeiten von herausgehobener Bedeutung. Sie sollen, so Toprak, diesen Übergang auch öffentlichkeitswirksam an die Gemeinschaft mitteilen.

Auch Geschlechtsverkehr oder auch nur zusammen zu wohnen sei für ein Paar traditionell erst nach der Hochzeit erlaubt.

Professor Ahmet Toprak von der FH Dortmund hält traditionelle arabische Hochzeiten mit Hygienekonzept für kaum möglich.

Professor Ahmet Toprak ist Buchautor (aktuelles Buch: „Muslimisch, männlich, desintegriert“) und lehrt an der FH Dortmund Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Gruppenpädagogische und therapeutische Handlungsmöglichkeiten bei Verhaltensstörungen, insbesondere Dissozialität. © Achim Graf/FH Dortmund

Die Größe der Hochzeitsfeier ist laut Toprak ein wichtiges Statussymbol: „Je größer die Hochzeit ist, desto angesehener ist die Familie, die sie ausrichtet.“ Für eine traditionelle arabische Hochzeit könne der Bräutigam als Ausrichter mit etwa 20.000 Euro Kosten rechnen.

Frage nach Personenzahl kann unhöflich sein

Die Einladungen zur Feier lauten laut Toprak in der Regel nur auf die Familien. „Zu fragen, wie viele Personen kommen, kann als unhöflich empfunden werden.“ So könnte sich auch erklären, dass bei der Feier in der Arnoldstraße mehr Gäste kamen, als der Bräutigam nach eigenen Angaben erwartet und angemeldet hatte.

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„Viele junge Türken möchten gar nicht mehr so groß feiern. Das ist oft der Wunsch der Eltern oder der Gemeinde.“ Insbesondere den Eltern des Brautpaares komme bei traditionellen Hochzeiten die Rolle der Gastgeber zu - nicht etwa dem Paar selbst. Nicht alle arabischen Hochzeiten werden aber traditionell gefeiert.

Auch in arabischen Ländern schwierig

Auch der Ablauf von traditionellen arabischen Hochzeitsfeiern kann den Infektionsschutz erschweren. Dazu gehören laut Toprak ein großer Auftritt des Brautpaars, Live-Musik, Tanzen in der Gruppe und gemeinsames Essen. „Das müsste man alles in Frage stellen.“

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Insgesamt sieht Professor Ahmet Toprak kaum einen Weg, eine große und traditionelle arabische Hochzeit so zu feiern, dass sie mit dem Infektionsschutz konform geht. Auch in arabischen Ländern seien solche Feiern aktuell offiziell nicht möglich. „Dort ist ebenso klar, dass eine traditionelle Hochzeit Auslöser eines Hotspots seien kann.“

Keine bekannten Fälle in Verbindung mit der Feier in der Nordstadt

Im Zusammenhang mit der syrischen Hochzeitsfeier in der Nordstadt sind dem Gesundheitsamt der Stadt Dortmund bisher (Stand: Freitag 16 Uhr) keine Ansteckungen mit dem Coronavirus bekannt.

Mitte September war jedoch bekannt geworden, dass sich auf einer in Dortmund gefeierten türkischen Hochzeit mit mehreren Hundert Personen Dutzende Gäste mit dem Coronavirus infiziert hatten. Unter ihnen besonders viele Menschen aus Hamm. Die Stadt zählte in der Folge einen rasanten Anstieg der Corona-Fallzahlen.

Das Ordnungsamt Dortmund teilt auf Nachfrage mit, es lege kein besonderes Augenmerk auf arabische Hochzeiten, kontrolliere diese aber selbstverständlich auch. Das NRW-Gesundheitsministerium betont auf Nachfrage, dass große private Feiern unabhängig von der ethnischen Herkunft der Teilnehmenden das Risiko bergen, zu einem Superspreader-Event zu werden.

Zahlen zur Rolle arabischer Hochzeiten bei der Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland haben das NRW-Gesundheitsministerium, das Bundesgesundheitsministerium und das Robert-Koch-Institut nicht genannt.

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