Stadt Dortmund greift Daten bei Hundewettbewerb ab

"Schönste Schnauze"

496 Dortmunder wollten ihren Hund zur "Schönsten Schnauze" wählen lassen, jetzt haben einige von ihnen nur Scherereien. Die Abteilung für "Allgemeine Gefahrenabwehr" im Ordnungsamt witterte angesichts großer Hunde beim alljährlichen Fotowettbewerb Verstöße gegen das Landeshundegesetz.

DORTMUND

, 23.03.2017, 17:47 Uhr / Lesedauer: 3 min
Marva-Linnéa Kroh mit ihrem Hund Findus. Sie hat Post vom Ordnungsamt erhalten, nachdem Stadtmitarbeiter Findus in der Fotostrecke zur „Schönsten Schnauze“ als großen Hund identifiziert hatten. Jetzt muss seine Halterin einige Nachweise erbringen, etwa dass Findus haftpflichtversichert und gechippt ist und sie selbst die erforderliche Sachkunde besitzt.

Marva-Linnéa Kroh mit ihrem Hund Findus. Sie hat Post vom Ordnungsamt erhalten, nachdem Stadtmitarbeiter Findus in der Fotostrecke zur „Schönsten Schnauze“ als großen Hund identifiziert hatten. Jetzt muss seine Halterin einige Nachweise erbringen, etwa dass Findus haftpflichtversichert und gechippt ist und sie selbst die erforderliche Sachkunde besitzt.

Eine der Leidtragenden ist Marva-Linnéa Kroh. Wie 495 andere Dortmunder hatte sie für die Aktion des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) und der Ruhr Nachrichten ein Foto von ihrem Hund Findus im Internet hochgeladen mit einem kurzen Text, ihrem Namen und der Stadt, aus der sie kommt. Die „schönste Schnauze“ wird – wie seit mehreren Jahren – Plakatmotiv für die Messe „Hund & Katz“ im Mai in den Westfalenhallen.

Findus ist schon vor dem Halbfinale ausgeschieden. Doch geärgert hat sich Marva-Linnéa Kroh über etwas anderes – ein Schreiben vom Ordnungsamt mit der Einleitung: „aufgrund der Veröffentlichung Ihrer Daten zum Wettbewerb ,Schönste Schnauze 2017‘ wurde hier bekannt, dass Sie Halter eines Hundes sind.“

Stadt will Unterlagen

Mit dem Brief verlangte die Stadt Kopien von sämtlichen Unterlagen, die beweisen, dass Marva-Linnéa Kroh rechtmäßige Besitzerin des Hundes ist und ihr Hund weder gefährlich noch illegal im Land ist. Sie wurde aufgefordert, einen Versicherungsnachweis, einen sogenannten Sachkundenachweis zur Halterbefähigung und eine tierärztliche Bescheinigung über die Identitätskennzeichnung des Hundes per Mikrochip vorzulegen.

„Ich bin in diesem Moment aus allen Wolken gefallen“, sagt Findus‘ Frauchen: „Mein Hund ist gemeldet, ich bezahle regelmäßig die Hundesteuer, und der Stadt soll nicht bekannt sein, dass ich einen Hund habe?“

Ruhr Nachrichten haben keine Daten weitergegeben

Ihr Verdacht: Die Ruhr Nachrichten könnten ihre Daten an die Stadt weitergegeben haben. Dem war aber mitnichten so. Mitarbeiter des Ordnungsamtes haben sich die Fotostrecke im Internet angesehen, dort die großen Hunde und die nach dem Landeshundegesetz als gefährlich eingestuften Hunde aus Dortmund herausgesucht, und dann die veröffentlichten Namen ihrer Halter mit eigenen Daten verwaltungsintern abgeglichen.

Diese „Art der Informationsbeschaffung ist nicht ungewöhnlich“, sagt Stadtsprecher Maximilian Löchter auf Nachfrage, schließlich seien die Informationen der Aktion „Schönste Schnauze“ im Internet frei zugänglich.

Stadt hat das Recht auf ihrer Seite

Für Dr. Wolfram Kiwit, Chefredakteur der Ruhr Nachrichten, ist dieses Vorgehen kritikwürdig: „Ich finde es nicht richtig, dass die Stadt einen Schönheitswettbewerb nutzt, um ihre Bürger – in diesem Fall Hundehalter – auszuschnüffeln.“ „Höchst irritierend“, meint auch VDH-Hauptgeschäftsführer Leif Kopernik: „Als Nächstes werden sie sich vor die Messe stellen und abgleichen. Das hat schon Geschmäckle. So was habe ich noch nie gehört.“

Die Stadt hat das Recht auf ihrer Seite. Wer einen als gefährlich geltenden Hund oder einen Hund bestimmter Rassen wie Rottweiler hält oder einen großen Hund von mindestens 40 Zentimetern Schulterhöhe und 20 Kilogramm Körpergewicht, muss dies bei der Stadt gebührenpflichtig anzeigen. Das heißt: Diese Hunde sind nicht nur steuerrechtlich, sondern auch ordnungsbehördlich anzumelden. Unter Letztere können dann auch Familienhunde wie Golden Retriever und Labrador fallen.

16 Hunde waren nicht angemeldet

Der stadtinterne Abgleich mit den Daten der „Schönsten-Schnauze“-Aktion habe ergeben, dass in 16 Fällen keine ordnungsbehördliche Anmeldung vorgelegen habe, sagt Löchter. Die potenziellen Halter seien deshalb Anfang März um Auskunft, beziehungsweise um die gesetzlich vorgeschriebene Anmeldung gebeten worden.

Darunter war auch Svenja Kim Vennewald mit ihrem zwölf Jahre alten Hund Ole. Für sie schießt das Ordnungsamt „mit Kanonen auf Spatzen“, auch angesichts folgender Androhung: „Die Nichtbeachtung der Anzeigepflicht stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einer Geldbuße bis zu 100.000 Euro geahndet werden kann.“

Kommentar: Schlafende Hunde geweckt

Von Gaby Kolle

Völlig unbeabsichtigt hat die Aktion „Schönste Schnauze“ beim Ordnungsamt schlafende Hunde geweckt. Auch wenn sie rechtlich auf der sicheren Seite sind – haben die Spürnasen im Ordnungsamt nichts Besseres zu tun, als Haltern von sanften Riesen wie Berner Sennhunden, Bernhardinern und Riesenschnauzern in Fotostrecken hinterherzuschnüffeln?

Warum gucken die Stadtmitarbeiter nicht gleich in ihre eigenen Daten, wie die zur Hundesteuer, um zu ermitteln, ob große oder gefährliche Hunde ordnungsbehördlich angemeldet sind?

Natürlich sollten Hundehalter ihre vierbeinigen Lieblinge – nicht nur die gefährlichen – Haftpflicht versichern, chippen lassen und mit ihrem Tier umgehen können, aber angesichts solcher Ermittlungsmethoden können auch die Hundehalter bissig werden.

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