Stadtgymnasium Dortmund – das ist dran am schlechten Image

hzStadtgymnasium Dortmund

Das Stadtgymnasium in Dortmund gilt in der öffentlichen Wahrnehmung als abgeschrieben. Nun will die Schule den Neustart. Man setzt auf Ziele der Unesco und Naturnähe mitten in der Stadt.

Mitte

, 12.11.2019, 14:58 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bernhard Koolen bringt es auf einen Satz: „Die älteste Schule der Stadt startet neu.“ Koolen ist Leiter des Stadtgymnasiums: rund 700 Schüler, 75 Lehrer – das mittlerweile kleinste Gymnasium Dortmunds. Die Anmeldezahlen in den vergangenen Jahren: stetig fallend.

Das soll sich nach einer Schulentwicklungs-Beratung ändern: mit einem modernen, klaren und unverwechselbaren Profil – als Schule mit einer Bildung für nachhaltige Entwicklung entsprechend den Zielen der Unesco.

Das Stadtgymnasium ist schon heute international. Die Schüler kommen aus 30 Nationen: aus Spanien, Griechenland, Osteuropa, dem arabischen Raum und Afrika. „Das ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses“, sagt Bernhard Koolen. „Kein Pfingsterlebnis, das über einen kommt.“

„Fridays for Future“ ist Thema im Unterricht

Nun ist Papier, auf dem Konzepte und Strategien stehen, bekanntlich geduldig. Die Probe aufs Exempel liefern am ehesten die, die jeden Tag zwischen Ostwall und Heiliger Weg die Schulbank drücken. „Das Besondere an unserer Schule sind die vielen kulturellen Einflüsse aus aller Welt“, sagt Mikail Özdogan. „Wir lernen mit sozialen Herausforderungen umzugehen.“

Jetzt lesen

Der 16-Jährige besucht die Jahrgangsstufe Q1 und war für ein Jahr lang Schülersprecher. „Eine Ehre“, betont er. Schüler, Lehrer und Eltern zögen an einem Strang. Beispielhaft macht er das am Engagement für die Bewegung „Fridays for Future“ fest. „Wir haben das Thema im Unterricht aufgearbeitet und Reden von Greta Thunberg analysiert.“

500 Schüler und viele Eltern nahmen an der Demo zum Weltklimastreik im Mai teil. Das macht auch Bernhard Koolen stolz: „Wir stellten da die größte Schülergruppe“, sagt der Schulleiter. „Unsere Schule steht der Bewegung äußerst positiv gegenüber und wird ihr weiter zum Erfolg verhelfen.“

Innenhof macht nachhaltiges Bildungsziel erlebbar

Der Klimawandel und die Bekämpfung seiner Folgen sind Teil des Programms „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen. 17 Ziele hat es insgesamt.

Ein weiteres wird in naher Zukunft im Innenhof des Stadtgymnasiums konkret: Die 900 Quadratmeter große Fläche soll zu einem naturnahen Lernort umgestaltet werden. Ziel 15 des Unesco-Programms heißt „Leben an Land“ und formuliert den Erhalt, die Wiederherstellung und den nachhaltigen Umgang mit Ökosystemen.

Stadtgymnasium Dortmund – das ist dran am schlechten Image

Tatjana Arngold, Yvonne Liening, Bernhard Koolen und Thomas Lohmeier starten mit dem Stadtgymnasium neu durch. Der Innenhof wird ein naturnaher Lernort. © Uwe von Schirp

Das Stadtgymnasium möchte seine Schüler damit zu Weltbürgern erziehen. Die deutsche Unesco Kommission schreibt zur „Global Citizenship Education“: „Lernende sollen in die Lage versetzt werden, ein Zugehörigkeitsgefühl zur Weltgemeinschaft zu entwickeln, sich zu engagieren und eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen.“

Kooperation mit einer Schule in der Ukraine

Konkret wird das am Stadtgymnasium durch internationale Beziehungen. Jüngstes Beispiel: die Kooperation mit der Ukrainian Global School in Kiew. Initiatorin ist Tatjana Arngold. „Wir verfolgen zwei Linien“, sagt die Lehrerin. Zum einen sollen Lehrer aus der Ukraine am Stadtgymnasium hospitieren.

Zum anderen gibt es eine Kooperation im Fach Musik mit der Privatschule. „Unsere Schüler schreiben die Musik“, erklärt Arngold. „Gemeinsam geben ukrainische und unsere Schüler ein Konzert.“ Mit einer Delegation, zu der auch zwei Schüler gehörten, war sie Anfang November in Kiew. Ziel ist eine Schulpartnerschaft.

Lehrer fördern persönlich und individuell

„Was Eltern am meisten interessiert, ist die Frage der Förderung“, sagt Yvonne Liening. Sie ist Lehrerin und die Presse-Beauftragte des Stadtgymnasiums. Lerncoaching, Förderung im Fach Deutsch in Zusammenarbeit mit Studenten der TU, Bestenförderung, Sprachzertifikate – all das zählt Bernhard Koolen auf.

Naomi Ikhuoria ist da viel konkreter. „Das Besondere am Stadtgymnasium ist, wie Schüler individuell gefördert werden. Bildung macht hier Spaß.“ Die 16-Jährige sagt das ohne eine Sekunde zu zögern. „Unsere Schule ist hervorstechend, weil sie uns auf persönlicher Ebene etwas beibringt. Die Lehrer gehen auf uns ein und halten nicht das übliche Lehrer-Schüler-Verhältnis hoch.“

Das Stadtgymnasium ist eines der ältesten Gymnasien Deutschlands. Es steht für eine klassische höhere Schule mit humanistischer Bildung. „Wir definieren den Humanismus um“, sagt Schulleiter Bernhard Koolen. „Und lösen uns von einem rückwärtig verstandenen altsprachlichen Kontext. Stattdessen richten wir uns pro-europäisch und kosmopolitisch aus.“

Gymnasium will für bürgerliche Bildungsschichten interessant bleiben

Das Sprach-Angebot von Griechisch und Latein bleibe aber. Das sei kein Widerspruch, betont sein Stellvertreter Thomas Lohmeier: „ ‚Bildung für alle‘ ist ein humanistischer Ansatz und eines der 17 Unesco-Ziele.“ Dabei verstehe sich das Stadtgymnasium weiterhin als Lernort für alle Dortmunder – auch aus klassischen bürgerlichen Bildungsschichten.

Nun die notwendige Neuausrichtung: In den Köpfen vieler Dortmunder gilt das Stadtgymnasium als verstaubte und elitäre Bildungsanstalt. Hinzu kam eine anhaltende Krise – ausgelöst durch das Freizeitverhalten eines Politiklehrers, das die Schule zur Angriffsfläche für Rechte Hetze machte.

„Die Schule, die in der Öffentlichkeit abgeschrieben ist, macht sich nun auf den Weg“, sagt Dr. Detlef von Elsenau. Bis zur Pensionierung im Sommer war er Leiter des Netter Heinrich-Heine-Gymnasiums und Sprecher der Dortmunder Gymnasien. Im Auftrag von Stadt und Stadtgymnasium hat er den Entwicklungsprozess begleitet.

Tag der offenen Tür

Informationen für Eltern und Seiteneinsteiger

  • Für den 23. November (Samstag) lädt das Stadtgymnasium, Heiliger Weg 25, zum Tag der offenen Tür ein.
  • Von 10 bis 13 Uhr gibt es eine Erlebnisreise für Grundschüler, Informationen für Eltern und – als Extra – Infos für Seiteneinsteiger nach der 10. Klasse.
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt