Scharnhorst: Versorgung und Verkehr hui, Sauberkeit pfui

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Die Scharnhorster sind begeistert von der Anbindung und den Einkaufsmöglichkeiten. Allerdings beklagen sie mangelnde Sicherheit und zu viel Müll. Zu Unrecht, sagen Experten.

Scharnhorst

, 01.12.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

So wie die Flughafenstraße Scharnhorst in Alt-Scharnhorst und in Scharnhorst-Ost teilt, so geteilt sind auch die Meinungen der Anwohner über ihren Stadtteil. Einige Leser übten Kritik an zunehmendem Müll, dem schlechten Zustand der Straßen oder dem geringen Freizeitangebot; andere indes sehen ihr Scharnhorst durchaus positiv.

Zu ihnen zählt Anja Gehrke, die mit ihren beiden Söhnen Luca (11) und Leon (4) in Scharnhorst-Ost lebt: „Ich fühle mich wohl und wohne gerne hier.“ Und damit spricht die alleinerziehende Mutter der Mehrheit der Scharnhorster Bürger aus der Seele, denn in Sachen „Lebensqualität“ kommt ihr Quartier auf acht von zehn möglichen Punkten. Gutes Dortmunder Mittelfeld also – und auf einer Ebene mit Sölde, Lütgendortmund oder Huckarde.

Dass es unterschiedliche Meinungen über den Stadtteil gibt, liegt sicherlich auch in den verschiedenen Lebenssituationen der Menschen begründet. Denn bürgerliche Eigenheime oder Reihenhäuser gibt es – gerade in Alt-Scharnhorst - ebenso wie Hochhaussiedlungen mit sozialen Problemen. Dass durchaus noch Verbesserungspotenzial besteht, weiß auch Anja Gehrke, die sich als Jugendleiterin ehrenamtlich beim FV Scharnhorst engagiert: „Aber das ist doch in jedem Stadtteil so.“ Die 35-Jährige schätzt auf jeden Fall das viele Grün vor der Haustür und die für einen Vorort typischen Kontakte zu den Nachbarn: „Man kennt alle.“

Das wurde positiv bewertet:

Verkehrsanbindung: Für die Verkehrsanbindung ihres Stadtteils findet Anja Gehrke nur ein Wort: „Super!“ Und damit liegt sie voll im Trend, denn Scharnhorst erhielt in dieser Kategorie die Höchstwertung von 10 Punkten und übertrumpft so den ohnehin schon beachtlichen Dortmunder Durchschnitt von 9 Zählern. Die Traumnote ist kaum verwunderlich, denn die Stadtbahn fährt mitten durch den Stadtteil und hält an wichtigen Knotenpunkten wie der Droote, dem Zentrum, der Flughafen- oder der Gleiwitzstraße.

„Und auch die Busse fahren überall hin“, fügt Gehrke an, „da kann man sich wirklich nicht beschweren.“ Autofahrer erreichen die Dortmunder City ebenfalls relativ schnell über die Brackeler oder die Derner Straße – und selbst Radler bewerten die Situation in Scharnhorst mit 8 Punkten überdurchschnittlich gut.

Nahversorgung: Auch hier heißt es: 10 Punkte, Höchstwertung. „In Scharnhorst gibt es wirklich überall Läden“, zeigt sich Anja Gehrke mit den Einkaufsmöglichkeiten hochzufrieden, „vom Schuhgeschäft bis zum Baumarkt – man kriegt alles.“ Das Herz des Handels bildet das EKS mit Drogerie- und Supermarktmarkt, Apotheke, Reisebüro, Bäckerei und und und… Prima einkaufen lässt sich auch an der Droote, wo sich die Supermärkte aneinanderreihen wie die Perlen an der Schnur.

Und wer auf der anderen Seite der Flughafenstraße, sprich in Alt-Scharnhorst, lebt, hat ebenfalls keine langen Wege vor sich: Ein Supermarkt an der Gleiwitzstraße hält alles Wichtige für den täglichen Bedarf vor.

Kinderbetreuung: Die Scharnhorster scheinen mit der Versorgung des Nachwuchses im Stadtteil weitgehend zufrieden zu sein: 8 Punkte bedeuten einen Zähler über dem städtischen Durchschnitt. Also alles okay, oder? Das sieht Anja Gehrke etwas anders. Zwar gebe es mehrere Kindertagesstätten und Grundschulen, sagt die zweifache Mutter, „aber das reicht noch nicht.“ Sie kenne gleich mehrere Eltern, die jahrelang auf einen Kita-Platz gewartet hätten – letztlich vergeblich: „Sie sind dann auf Einrichtungen in Derne, Wambel oder sogar Wickede ausgewichen.“

Und als Mutter eines elfjährigen Sohnes kann sich die Scharnhorsterin auch ein Bild über die Grundschulen vor Ort machen: „Meiner Ansicht nach sind sie überfüllt.“ 25 oder gar 30 Schüler pro Klasse seien einfach zu viele: „In solch einer Größenordnung wird es schon schwierig.“

Bei den Kita-Plätzen erkennt auch Bezirksbürgermeister Heinz Pasterny Bedarf, gibt aber Entwarnung für die Zukunft: „Im nächsten Jahr soll eine achtgruppige Kita gebaut werden. Dann haben wir den Druck vom Kessel.“

Wohnen: 7 Punkte sind zwar nicht gerade das höchste der Gefühle, stellen aber immerhin einen Wert oberhalb des Dortmunder Durchschnitts von 6 Zählern dar. Ein Blick in den aktuellen Dortmunder Mietspiegel verdeutlicht, dass die Scharnhorster zufrieden sein können: Dortmund-Nord, wozu ihre Heimat gezählt wird, liegt preislich exakt im Miet-Mittelfeld. Im Dortmunder Osten, und somit zum Beispiel im benachbarten Brackel, kostet der Quadratmeter bereits 14 Cent Miete mehr, im Dortmunder Süden (plus 50 Cent) oder in der Innenstadt-Mitte (plus 59 Cent) muss man noch deutlich tiefer in die Tasche greifen. Einzig in der Nordstadt wird’s günstiger: Dort werden im Schnitt 20 Cent weniger pro Quadratmeter berechnet.

Anja Gehrke bezweifelt indes, dass die recht gute Beurteilung in dieser Kategorie korrekt ist: „Man muss bedenken, dass sehr viele sozial Schwache in Scharnhorst wohnen. Und für diese Menschen sind die Mietpreise extrem – und sie steigen immer mehr.“ In diesem Punkt gibt ihr ein Leser recht: „Der soziale Wohnungsbau wird durch Verkäufe massiv verdrängt; die Mieten sind unverhältnismäßig gestiegen.“

Das wurde negativ bewertet:

Sicherheit: Oh weh, nur in sieben der insgesamt 54 bewerteten Stadtteile fühlen sich die Menschen unsicherer als in Scharnhorst! Mit 5,5 Punkten liegt Scharnhorst deutlich unter dem städtischen Durchschnitt von 7 Zählern. „Leider traut man sich abends nicht allein auf die Straße“, schreibt ein Anwohner, während ein anderer anführt, es werde in aller Öffentlichkeit mit Drogen gehandelt: „Es wäre wünschenswert, wenn Polizei und Ordnungsamt mehr Präsenz zeigen würden.“

Tatsächlich tut sie das seit einigen Jahren mit dem „Präsenzkonzept Scharnhorst“, das von Erfolg gekrönt ist. Denn die Zahl der Straftaten ist im Wachbereich Scharnhorst, zu dem unter anderem auch Derne, Husen oder Kurl zählen, in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Polizeisprecher Gunnar Wortmann kann das mit Fakten belegen: „2015 gab es hier 3041 registrierte Straftaten, 2017 waren es 2461. Und die bisherige Zahl im Jahr 2018 deutet darauf hin, dass sich der Trend fortsetzt.“

Beschaulich ist es in Alt-Scharnhorst - hier in der nach dem Krieg entstandenen MSA-Siedlung.

Beschaulich ist es in Alt-Scharnhorst - hier in der nach dem Krieg entstandenen MSA-Siedlung. © Oliver Schaper

Diese Entwicklung zeigt sich unter anderem bei den Wohnungseinbrüchen (2015: 211, 2017: 146) oder beim Raub (2015: 15, 2017: 13). Einzig bei den Rauschgiftdelikten sei laut Wortmann ein minimaler Anstieg zu verzeichnen: „Und das hat seinen Grund. Denn hierbei handelt es sich um sogenannte Kontrolldelikte – je mehr kontrolliert wird, desto höher sind die Fallzahlen. Und da mehr kontrolliert wurde, wurden auch mehr Menschen mit Rauschgift erwischt.“

Aus Erzählungen von älteren Kollegen weiß der Polizeisprecher, dass Scharnhorst in den 1980er- und 1990er-Jahren ein viel heißeres Pflaster war. Polizei, Stadt und nicht zuletzt die Wohnungsgesellschaften mit baulichen Maßnahmen hätten seitdem aber für eine Entspannung der Lage gesorgt.

Sauberkeit: Teilweise harsche Kritik hagelte es in punkto Sauberkeit von den Lesern: „Neu-Scharnhorst ist schrecklich geworden – sehr dreckig“, schreibt eine Leserin; und eine andere spricht gar von einer Rattenplage: „Denn die Müllecken waren früher nicht so schlimm.“ Auch Anja Gehrke ist aufgefallen, dass vermehrt Sperrmüll einfach irgendwo abgeladen wird.

„Sicher kann man alles noch besser machen“, sagt Heinz Pasterny, „aber in Zusammenarbeit mit der EDG sind wir sehr um Sauberkeit bemüht.“ Verbesserungsbedarf erkennt der Bezirksbürgermeister in der Nähe des EKS: Wenn dort gleichzeitig mehrere Hundert Jugendliche des Schulzentrums unterwegs seien, bliebe schon mal Müll liegen.

Scharnhorst: Versorgung und Verkehr hui, Sauberkeit pfui

© Grafik: Verena Hasken

Gastronomie: Um die Kneipen- und Restaurantszene scheint es schlecht bestellt: Nur 5 Punkte, und somit zwei weniger als im Dortmunder Durchschnitt, geben die Scharnhorster ihrem Stadtteil. Dass das große Kneipensterben auch Scharnhorst nicht verschonte, weiß Heinz Pasterny. „Es könnten mehr Gaststätten sein“, sagt er, verweist aber sogleich auf einige Lokale, in denen man immer noch ein gepflegtes Bier trinken kann: unter anderem „Zur alten Eiche“, „Zum Prösterchen“ oder „Am Brunnen“ im Franziskus-Zentrum. Allerdings gesteht der Bezirksbürgermeister ein: „Es könnten mehr sein.“

Familienfreundlichkeit: Nein, so richtig zufrieden sind die Scharnhorster mit den Angeboten für Familien nicht: 6 Punkte in dieser Kategorie sind wahrlich kein Ruhmesblatt. Auch Anja Gehrke muss ein wenig überlegen, bis sie einige Möglichkeiten für Groß und Klein nennen kann: „Es gibt den Abenteuerspielplatz und mehrere Sportvereine. Außerdem kann man im Kurler Busch spazieren gehen oder mal in das Hallenbad ‚Die Welle‘“, sagt die 35-Jährige. Allerdings sei das Bad aufgrund einer fehlenden Rutsche und anderer Attraktionen für Familien nicht sonderlich interessant. „Ansonsten fällt mir nicht viel ein.“

Das Votum der Leser kann Heinz Pasterny nicht ganz nachvollziehen. „Für junge Leute haben wir die Jugendfreizeitstätte ‚Das Zentrum‘, den Abenteuerspielplatz mit Reitpferden oder die ‚Blue Box‘.“ Zudem gebe es die Angebote der Kirchen, zum Beispiel die Pfadfinder, und zahlreiche sehr aktive Sportvereine. Um dort aktiv zu werden, bedürfe es aber einer gewissen Eigeninitiative: „Man muss sich bewegen.“

Alle Ergebnisse unseres Stadtteilchecks in der Übersichtskarte:

Zur Sache

Wachstum im Schatten der Zeche

Der Name des Stadtteils leitet sich von der Zeche Scharnhorst ab, benannt nach General Gerhard von Scharnhorst. Die Entstehung Alt-Scharnhorsts ist eng mit der Zeche verknüpft, die 1871 gegründet wurde und 1975 den Betrieb einstellte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier die MSA-Siedlung errichtet. Im Jahr 1965 wurde östlich der Flughafenstraße mit dem Bauder Siedlung Scharnhorst-Ost begonnen.
Die Siedlung Scharnhorst-Ost im Jahr 1968.

Die Siedlung Scharnhorst-Ost im Jahr 1968. © Archiv

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