Operation Jägerheim - Wie die Stasi eine Dortmunder Gaststätte für geheime Treffen nutzte

hzStasi in Dortmund

Das Ein- und Ausgehen der Agenten blieb für Wirt Konrad Teich völlig unbemerkt - und ist ihm bis heute ein Rätsel. Beim Blick in die Stasi-Akten jedoch spürt er vor allem Genugtuung.

von Dirk Berger

Dortmund

, 31.01.2020, 16:32 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wenn Konrad Teich das Protokoll der Stasi liest, das sich mit dem „Aufklärungsobjekt Jägerheim Dortmund“ befasst, dann weiß er, welch einen Ruf das von ihm und seiner Frau Inge geführte Restaurant in Agentenkreisen der DDR hatte. Er blättert durch die sieben Seiten und lächelt. „Sehr gepflegte Anlage“, liest er da, „guck an, das hat er aber genau ausspioniert.“ Er - das ist IM „Walter“.

Irgendwann interessierte sich die Stasi für das Jägerheim

Das Jägerheim ist eine der Traditions-Gaststätten im Dortmunder Süden. „Das Haus existiert seit 1748 und war um 1800 herum schon eine Gaststätte“, erzählt Teich. Die Familie führte das Restaurant nahezu 40 Jahre, nach dem Tod von Inge Teich wurde es verkauft. Irgendwann zog es das Interesse der Staatssicherheit auf sich. Warum? Konrad Teich zuckt mit den Schultern. „Wirklich keine Ahnung“, meint der 72-Jährige. Aber angesichts der notierten Zimmerpreise und der Fotos datiert er die Unterlagen auf Anfang der 80er Jahre.

Christel Guillaume wurde in einem Biergarten fotografiert

Der renommierte Stasi Historiker Helmut Müller-Enbergs hat darauf eine Antwort: „Wenn jemand für das MfS als Agent arbeitete, musste man ihn auch treffen. Da gab es viele Möglichkeiten – von der Privatwohnung bis zum Auto. Aber natürlich auch: Gaststätten, Restaurants oder Hotels. Als Christel Guillaume - die Frau von Stasi-Spitzel und Referent bei Bundeskanzler Willy Brandt, Günter Guillaume - im Verdacht stand, für das MfS zu arbeiten, wurde sie observiert und in einem Biergarten bei einem Treff fotografiert.“

Konrad Teich vor dem Jägerheim, das er rund 50 Jahre bewirtete.

Konrad Teich vor dem Jägerheim, das er rund 50 Jahre bewirtete. © Stephan Schütze

Die Lektüre der Akten selbst gibt wenig Ausschluss darüber, warum das „Aufklärungsobjekt“ ins Visier der Stasi geriet. „Die vorbereitenden Gespräche mit Walter fanden am 27.6. Sonntag außerhalb Wohnung und Auto statt. Der Auftrag wurde an drei verschiedenen Tagen zu verschiedenen Zeiten ausgeführt. Erste Einschätzung 29.6. gegen 17 Uhr“, steht da zu lesen: „Das Objekt befindet sich am Niederhofer Kohlenweg stadtauswärts auf der rechten Seite … Das Speiselokal ist in zwei Räume untergliedert … Es fand dort eine Familienfeier mit Musik und Tanz statt…“. Hochtrabend geheimnisvoll, im Abstand der Jahrzehnte ist die geschilderte Harmlosigkeit nicht ganz satirefrei. „Wirklich witzig“, sagt Teich.

Der Weg zu den Toiletten

Die Unterlagen beschreiben bauliche Gegebenheiten wie „vom Haupteingang gelangt man in einen kleinen Vorraum gerade zu den Toiletten“ und betriebswirtschaftliche Normalität wie „insgesamt zwischen 8-10 Bedienungspersonal“. Neben Konrad Teich sitzt die Schwester seiner inzwischen verstorbenen Frau, Anke Zimmermann. Bei den Zimmermanns hat sich immer alles ums Jägerheim gedreht, auch wenn sie dort nicht fest gearbeitet hat. Sie sieht sich die Fotografien des konspirativen Treffs an, der als Gaststätte so öffentlich wie nur was war. Es ist ein Blick wie in ein Geschichtsbuch. „Guck mal, wie die Bar da noch aussah…“

Familie Teich floh selbst aus der DDR

Konrad Teich hatte durchaus eine Geschichte mit der DDR. Er ist 1947 in Brandenburg/ Havel geboren, „und meine Eltern sind mit mir abgehauen, als ich elf war“. Sie seien als katholische Christen regimekritisch gewesen. Besonders aber erinnert sich der 72-jährige an eine Begebenheit, die sich etwa 1981 bei einem DDR-Besuch zugetragen hat. „Ich bin mit einem Freund zur Leipziger Messe gefahren, und wir durften uns auch nur im Bezirk Leipzig bewegen.“ Kurzum: Sie hielten sich nicht dran.

Westgeld für die DDR-Polizei

„Kaum waren wir aus dem Bezirk raus, stoppte uns die Polizei.“ Was folgte war ein Verhör, das ihm Respekt abnötigte. „Erst ließen sie uns eine Stunde schmoren, dann wurden wir nacheinander befragt – in einem abgedunkelten Raum mit einer hellen Lampe, die sie uns ins Gesicht gehalten haben.“ Was war das jetzt? Aufkeimenden Zorn unterdrückte er: „Halt bloß die Klappe, hab‘ ich mir gedacht…“ Als Strafe für das Verlassen des Bezirks wurden 1000 DM festgesetzt. „Hatten wir doch gar nicht mit“, so Teich, „wir haben dann verhandelt und uns schließlich auf 100 DM geeinigt.“

Hier finden Sie das komplette Aufklärungsprotokoll im Original

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Sozusagen ein Häftlingsfreikauf, wie ihn die DDR zwischen 1962 und Herbst 1989 mit der Bundesrepublik Deutschland praktizierte. Nur ein persönlicher, denn der Gastronom ist sicher, dass sich die Beamten den Betrag selber eingesteckt haben. Ein Indiz dafür: „Sie haben uns einen Weg zurück gezeigt und gesagt, dass wir auf dem nicht angehalten würden.“ Übrigens: Die Freilassung von 33 755 politischen Häftlingen ließ sich die BRD über 3,4 Milliarden DM kosten. Außerdem zahlte die Bundesregierung noch Gebühren für die Ausreise von etwa 250 000 Ausreisewilligen. Das alles trug zur wirtschaftlichen Stabilisierung der stets klammen DDR bei.

Gesammelte Nichtigkeiten

Natürlich knüpft Teich daraus keine Verbindung zu „IM Walter“. Die letzten Fotos der Akte zeigen eine korpulente, ältere Dame durchgängig beige gekleidet vor dem Eingang des Restaurants - IM „Anna Hollik“ unterschrieben. Neben ihr der „IME-Kandidat Hermann Reimer“. IME waren inoffizielle Mitarbeiter im besonderen Einsatz, z.B. eingesetzt bei Beobachtungen und Ermittlungen. Und dann eben noch „Walter“, wohl eher neu im Kader. „Am Ort selbst ermittelte er beim ersten Besuch erstmals allein im Lokal“, steht im Protokoll zu lesen, „und stellte ziemlich rasch die Beschaffenheit des Lokals fest.“ Und dann habe er noch bei der Vorbereitung des Besuchs geholfen durch das „Studium des Falkplanes zur Hin- und Rückfahrt per Auto“.

Stasi-Akten Dortmund Jägerheim

Konrad Teich und seine Schwägerin Anke Zimmermann sind verblüfft, dass sich die Stasi ausgerechnet für das Jägerheim interessierte. © Stephan Schütze

Offenbar talentiert der Mann, er konnte sogar einen Stadtplan lesen. Fotografiert haben sie sich gegenseitig auch noch vor dem auszuforschenden Objekt. Man ist insgesamt erstaunt über die gesammelten Nichtigkeiten.

Wurde im Jägerheim ein Agent ausgebildet?

Stasi-Experte Müller-Enbergs schließt nicht aus, dass die Spionage im Jägerheim auch Ausbildungszwecken eines Agenten gedient haben könnten. „Es war üblich, eine Quelle zu erproben, in dem diese lernt, präzise Beschreibungen vorzunehmen. Diese Unterlage konnte für die Auswahl eines Treffortes nützlich sein, aber auch die Fähigkeiten eines IM erschließen lassen.“

Für Konrad Teich ist das alles nicht wichtig, er hat davon nichts mitgekriegt. Er liest nur: „Sehr beliebte Ausflugsgaststätte“ und „Treffpunkt für Feinschmecker“, das Personal „äußerst zuvorkommend, flink und höflich“. Das reicht ihm in der Rückschau, dafür hat er gearbeitet.

DDR-Agenten in Dortmund: Hier geht‘s zur gesamten Serie

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