Hunderte Strafen für Schulverweigerer – Zahlen in Dortmund steigen massiv

hzSchulmüde Kinder

Zu Schulverweigerern gibt es keine Statistik. Ein Indikator sind Bußgeldverfahren. Deren Zahl steigt in Dortmund drastisch - besonders an bestimmten Schulen. Und in bestimmten Stadtteilen.

Dortmund

, 20.11.2019, 07:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Mädchen ist 15 Jahre alt und in der 9. Klasse einer Hauptschule. Dort tauchte sie allerdings seit einem halben Jahr immer seltener auf. Irgendwann gar nicht mehr. Sie fühlte sich gemobbt. Von Schülern und Lehrern. Die vom Jugendamt angebotene Hilfe nahm sie nicht an. Ihre verzweifelte Mutter schleppte sie schließlich zum Kontakt- und Beratungsverbund an der Oesterholzstraße in der Nordstadt.

Das Mädchen ist eines von knapp 200 Jugendlichen, davon mehr als zwei Drittel Jungen, um die sich das dreiköpfige Team im vergangenen Jahr gekümmert hat – weil sie von den Schulen gemeldet wurden oder selbst Hilfe gesucht haben.

Der Kontakt- und Beratungsverbund ist die einzige spezifische Beratungseinrichtung in Dortmund für schulmüde und schulverweigernde Jugendliche und ihre Familien auf der einen sowie für Schulen, Lehrer und verwandte Hilfsinstitutionen auf der anderen Seite. Die Beratung erfolgt auf freiwilliger Basis.

200 Prozent mehr Bußgeldverfahren

Wenn es diesen Verbund mit seinem niederschwelligen Hilfsangebot nicht gäbe, läge die Zahl der Bußgeldverfahren wegen Schulverweigerung noch höher als sie ohnehin schon ist. Und sie ist alarmierend.

Laut Auskunft der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion ist die Zahl der Bußgeldverfahren seit dem Jahr 2013 in Dortmund teilweise um rund 200 Prozent gestiegen.

Jetzt lesen

Gab es an den Haupt-, Grund- und Förderschulen (außer für Hören und Kommunikation) vor sechs Jahren 321 Bußgeldverfahren, waren es im Schuljahr 2018/2019 schon 956. An den weiterführenden Dortmunder Schulen wie Gesamt-, Sekundar-, Realschulen, Gymnasium, Berufskollegs sowie Förderschulen für Hören und Kommunikation strengte die Bezirksregierung im Jahr 2013 206 Bußgeldverfahren an. Die Zahl stieg im Jahr 2018 auf 488. 2019 sind es bisher 324.

Die Steigerung der Bußgeldverfahren müsse nicht mit der Steigerung der Schulverweigerungsfälle identisch sein, betont Katrin Meyersieck vom Kontakt- und Beratungsverbund. Ein Indiz ist sie aber schon; und auch das Beratungsteam hat den Eindruck, dass die Zahlen steigen.

Für Schulverweigerung sensibilisiert

Der Kontakt- und Beratungsverbund kümmert sich zwar nur um Jugendliche ab dem 7. Schuljahr, doch Mitarbeiterin Angela Dietz berichtet, dass es gerade in den letzten zwei Jahren mehr Anfragen von Grundschulen gegeben habe, „die sich verstärkt an das Netzwerk wenden. Auch bei Fachtagungen wird diese Problematik benannt.“ – „Wir wünschen uns, dass Bußgeldverfahren eingeleitet werden“, ergänzt ihre Kollegin Meyersieck, „denn das ist ein Anstoß, die Beratung anzunehmen.“

Den besten Kontakt hat der Beratungsverbund zu den Haupt- und Gesamtschulen, mit deren Begleitung er vor 18 Jahren an den Start ging. Diese Schulformen seien am ehesten für Schulmüdigkeit und -verweigerung sensibilisiert, so der Leiter des Beratungsverbundes Oliver Uzunkol.

Die Hilfe für die Schulverweigerer verteilten sich auf die Schulformen wie folgt: Gesamtschulen (36 Prozent), Hauptschulen (32 Prozent), Realschulen (16 Prozent), Förderschulen (11 Prozent), Gymnasien (3 Prozent), Sonstige wie Privatschulen (2 Prozent).

61 Prozent der Fälle von Schulen gemeldet

61 Prozent der Schulverweigerer wurden von den Schulen gemeldet, 27 Prozent kamen über das Jugendamt (Hilfen zur Erziehung), 15 Prozent fanden selbst den Weg in die Beratungsstelle oder wurden von ihren Eltern dorthin gebracht. Die restlichen stießen durch das Netzwerk zum Verbund.

Den typischen Schulverweigerer gibt es laut Uzunkol, Meyersieck und Dietz ebenso wenig wie die eine Ursache: „Faktoren, die möglicherweise dazu beitragen“, so Dietz, seien Inklusion, Zuwanderung, Kinder in Multiproblemlagen, sehr große Klassen und Lehrermangel. Viele Jugendliche kämen aus Familien mit nur einem Elternteil, andere klagten über Mobbing oder fühlten sich einfach überfordert, kämen im Unterricht nicht mehr mit.

Doch nicht die Frage „Warum gehst du nicht zur Schule“ stehe im Vordergrund, erläutert Katrin Meyersieck, sondern die Frage „Was ist passiert?“ – und Anknüpfungspunkte an positive Erfahrungen: „Was hat Spaß gemacht? Welchen Lehrer mochtest du gern?“

70 Prozent erhielten Anschlussperspektive

Für die Hilfe kann der Kontakt- und Beratungsverbund auf viele Partner und ein großes Unterstützungsnetzwerk zurückgreifen, wenn es darum geht, vorzeitige Schulabbrüche zu verhindern, Schulmüdigkeit zu vermeiden, neue Lernmotivation zu schaffen, in die Schule zurück- und/oder zu einer beruflichen Perspektive hinzuführen.

Für die massiven Schulverweigerer – die meisten kommen aus Scharnhorst und der Nordstadt – gibt es 29 sogenannte Systemplätze mit schulersetzenden Maßnahmen zur Reintegration, zur beruflichen Orientierung und zur Gestaltung des Übergangs.

Von den 194 Fällen im vergangenen Jahr bekamen 70 Prozent eine Anschlussperspektive. Die meisten, so Dietz, wollten doch einen Abschluss machen.

Dazu zählt auch die 15-Jährige, die eingangs erwähnt wurde. Angela Dietz suchte den Kontakt zur Schule, sprach mit den Lehrern. Die bereiteten die Klasse darauf vor, dass das Mädchen zurückkommen werde. Sie stieß nach einem halben Jahr der Begleitung vor den Ferien wieder zu ihrer Klasse, wurde in einem einwöchigen Schulprojekt aufgefangen, musste nicht sofort wieder in den Unterricht. Dietz: „Das war motivationsfördernd.“

Inzwischen hat die Jugendliche den Hauptschulabschluss gemacht und besucht ein Berufskolleg für den nächsthöheren Abschluss.

Mehr Informationen gibt es auf der Homepage des Kontakt- und Beratungsverbunds unter https://www.kub-dortmund.de. Es gibt auch eine Hotline unter 0231–50 100 17.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt