Tempo 30 und Umweltspur: Wie läuft die „Verkehrswende“ in Dortmund?

hzGespräch mit Umwelthilfe

Wie wirken die Maßnahmen gegen Luftschadstoffe wie Tempo 30 und Umweltspur? Stadt Dortmund und Deutsche Umwelthilfe sind weitgehend zufrieden, die Wirtschaft will dagegen das Rad zurückdrehen.

Dortmund

, 28.08.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Tempo 30 auf der Ruhrallee, eine Umweltspur an der Brackeler Straße und ein Durchfahrtsverbot für Lkw auf der Bundesstraße 1 - das sind zentrale Maßnahmen, mit denen die Stadt die Belastung mit Luftschadstoffen in der Innenstadt verringern will.

Verabschiedet wurde das Maßnahmenpaket, zu dem auch weitere langfristig wirkende Vorhaben zur „Verkehrswende“ gehören, auf Druck der Deutschen Umwelthilfe. Der Verein hatte zahlreiche deutsche Städte wegen erhöhter Stickstoffdioxid-Werten verklagt und am Ende vor Gericht einen Vergleich erzwungen.

Doch wirken die seit knapp fünf Monaten laufenden Maßnahmen? Offenbar ja. Denn es gab reichlich Lob von Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. „Die große Erwartungshaltung, die wir an Dortmund hatten, hat sich in vielen Punkten erfüllt“, stellte er nach Besichtigungsterminen und Gesprächen nun im Rathaus fest.

„In Dortmund ist die Verkehrswende zu einem zentralen Thema geworden“, sagte Resch. Man spüre, dass die Verwaltung offen sei für konkrete Veränderungen, dass man mit Herzblut bei der Sache sei.

Die Vertreter von Stadt und Deutscher Umwelthilfe beim Ortstermin an der Umweltspur und der Schadstoff-Messstation an der Brackeler Straße.

Die Vertreter von Stadt und Deutscher Umwelthilfe beim Ortstermin an der Umweltspur und der Schadstoff-Messstation an der Brackeler Straße. © Stadt Dortmund/Roland Gorecki

In der Tat gibt es in der langen Maßnahmen-Liste der Stadt jede Menge grüne Haken, auch wenn viele Vorhaben erst einmal nur auf dem Papier bestehen oder auf den Weg gebracht sind. Konkrete Ergebnisse gibt es aber schon für die Belastungs-Hotspots Ruhrallee und Brackeler Straße.

Schadstoff-Belastung gesunken

Hier ist seit Abschluss des Vergleichs im Januar sowohl die Verkehrsbelastung als auch die Schadstoffbelastung zurückgegangen. Die Stickstoffdioxid-Belastung sank an der Brackeler Straße von 36 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Januar auf 29 im Juli, an der Ruhrallee von 47 auf 30 - und damit unter den EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm.

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Und auch wenn man nicht wisse, welchen Einfluss die corona-bedingten Veränderungen im Verkehrsaufkommen hätten, gehe man davon aus, dass man bis Jahresende ebenfalls unter dem Grenzwert bleibe, zeigte sich Umweltdezernent Ludger Wilde optimistisch.

Die Tempo-30-Regelung an der Ruhrallee bezeichnete Jürgen Resch als „ganz besonderes Erfolgsmodell“. Sie wirke sich nicht nur segensreich auf die Luftqualität aus, sondern habe auch positive Effekte für die Verkehrssicherheit.

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Etwas differenziert sieht das Bild an der Brackeler Straße mit der Umweltspur aus. Hier müsse man Maßnahmen ergreifen, um Schleichverkehr durch die Wohnstraßen im Borsigplatz-Quartier zu vermeiden, waren sich Resch und Oberbürgermeister Ullrich Sierau einig.

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Nachholbedarf sieht Resch vor allem bei der Förderung des Radverkehrs. Es gebe zu wenig geschützte Räume für Radfahrer, bemängelte der Umwelthilfe-Geschäftsführer. Kurzfristige Lösungen müssten für eine sichere Querung der City gefunden werden. Und auch temporäre Radwege, so genannte Pop-Up-Lanes, brachte Resch erneut ins Gespräch. Die sieht die Dortmunder Verwaltung aber bekanntlich mit Skepsis.

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Kritik von Verbänden

Einig war sich Resch mit den Dortmunder Umweltverbänden BUND, VCD und ADFC, die an den Gesprächen beteiligt waren. Sie sehen noch Luft nach oben bei den Aktivitäten zur Verkehrswende. „Die Maßnahmen sind erste Schritte zur emissionsarmen Stadt; sie reichen aber bei weitem nicht aus, um die gesteckten Ziele wie 20 Prozent Radverkehrsanteil bis 2030 zu erreichen“, erklärt Lorenz Redicker vom Verkehrsclub Deutschland (VCD).

Bemängelt wird auch die Verspätung bei der Einrichtung neuer Bewohnerparkzonen in der Innenstadt und beim Bau des Radwalls auf Ostwall- und Schwanenwall. Insgesamt müsse der Radverkehr wesentlich ambitionierter als bisher gefördert werden, fordern die Verbände. Und die erhoffte Steigerung des Radverkehrsanteils müsse regelmäßig erfasst und transparent gemacht werden.

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Eine ganz eigene Bilanz ziehen die Vertreter der Dortmunder Wirtschaft, die mit IHK und Handwerkskammer ebenfalls an den Gesprächen beteiligt waren. Sie führen die gesunkene Schadstoff-Werte „auf das Engagement der Wirtschaft zurück“.

Belastung für die Wirtschaft

Allerdings: „Die aktuellen Einschränkungen belasten die Mobilität und führen zu einer spürbaren Beeinträchtigung für Güterverkehr und Handwerksbetriebe“, heißt es in einer Stellungnahme. So sorgten die Pförtnerampeln an der Brackeler Straße und an der Ruhrallee für Staus und wegen der Umwege für größere Fahrtdistanzen.

Die Forderung der Verbände: Sie wollen, dass „die massiven Einschränkungen für die derzeit angeschlagene Wirtschaft wieder zurückgenommen werden“. Das Lkw-Fahrverbot auf der B1 solle nicht weiter verschärft und die Erreichbarkeit der Innenstadt durch Tempo 30 auf den Hauptstraßen nicht zusätzlich erschwert werden.

„Wenn Unternehmen und Arbeitsplätze in Dortmund so akut in Gefahr sind wie momentan, dann sollte es für die Verantwortlichen eine Selbstverständlichkeit sein, die Belastungsschraube wieder zurückzudrehen, sobald die Grenzwerte dauerhaft eingehalten werden. Die Verschärfungen im Luftreinhalteplan dürfen keine Einbahnstraße sein“, erklärt Stefan Peltzer, IHK-Referatsleiter für Mobilität, Verkehr und Logistik.

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